Salzburger Festspiele: Wie (über)dreht man Goethes "Faust" ins Heute?
Wer seine Regie-Marotte kennt, wird nicht überrascht sein. Kein Schauspieler darf bei Ulrich Rasche jemals stillstehen. Sonst würde er oder sie davongetragen. Faust - ob alt oder magisch verjüngt, ob Mephisto oder Gretchen sowie gegen Ende auch ihr Bruder Valentin müssen immer gegen die Rotation der Bühnenscheibe anlaufen, schreiten oder auch kriechen. Und weil dieser Boden aus Ringen besteht, kann man auch einzelne der Kreise gegeneinander rotieren lassen, sodass die Figuren auseinanderdriften oder aufeinander zugleiten würden, wenn sie nicht gegenlaufen. Und das alles ermöglicht eine fantastisch ausdifferenzierte Figuren-Choreografie.

Gretchen, ihr Bruder und Mephisto - alle nur in Fausts Kopf?
Und zu wem könnte diese anstrengende Rastlosigkeit besser passen als zu Faust (Steven Scharf), einem Getriebenen, einem Menschen, der keine Geborgenheit findet und sich in seiner krassen Midlife-Crisis umbringen will? Die erste halbe Stunde schleppt er sich wie eine epileptisch wankende Gestalt mit Selbst- und Lebenszweifel-Monologen in leichter Zeitlupe auf die Begegnung mit Mephisto (Valery Tscheplanowa) zu. Er ist hier, auf der Bühne der Perner-Insel bei Salzburg, ein brillanter Intellektueller und arroganter Wissenschaftler im schwarzen 60er-Jahre Anzug.
So sind auch alle anderen gekleidet. Was die - von Rasche selbst geäußerte Idee - unterstützt, in seinem „Faust I“ seien alle vor allem innere Aspekte von Faust selbst: Das Nihilistische, Zynische aufgrund von Lebensenttäuschung und Einsamkeit verkörpert sich in Mephistopheles. Valery Tscheplanowa spielt ihn gelenkig, verführerisch geschmeidig, schwerelos, passend zum Geistigen und dem Erdgeist, zu dem sich Faust hingezogen fühlt. Das natürlichere, unverdorbenere Ich hat Gretchen (Anna Drexler). Fausts diabolischer Wunsch nach neuer Lebenskraft und ewiger Jugend wiederum zeigt sich in seiner durch ein Elixier verjüngten Form (Johannes Nussbaum). Dieses junges Alter Ego bewegt sich dann auch zum Teil sanft synchron mit Faust auf der Bühne. Und Valentin, Margaretes Bruder, der die perverse Verführung seiner jungen Schwester fast in Form eines fanatischen Ehrenmordes rächen will, kann natürlich auch eine Personifikation von Fausts schlechtem Gewissen sein.

Zur Innenleben-Theorie passt dann auch, dass alle Nebenfiguren gestrichen wurden. Aber die Konzentration auf die Kernhandlung und Kernfiguren in diesem „Faust I“, der im November auch nach München ins Residenztheater kommt, ist kein Verlust, eher eine Intensivierung.
Wie bekommt man Empathie?
Und die braucht diese Inszenierung auch. Denn nicht nur die Dauermotorik ist für den Zuschauer anstrengend. Gegen die Monotonie der schwarzen leeren Drehbühne lässt Rasche zwei große Leuchtkastenwände von der Decke hängen. Die bilden parallel einen Tunnelgang, können sich aber auch drehen oder werden gegeneinander verschoben und wechseln - intensiv strahlend - die Farbe, was optisch Abwechslung schafft.
Aber die Art, wie die klassischen Verse vorgetragen werden, wiederum ermüdet leicht. Passend zur meist gemessenen Drehgeschwindigkeit der Drehbühne wird hier nicht gesprochen, sondern deklamiert - angepasst an den Rhythmus des erzwungenen Schreitens.

Das führt zu einem schleppenden Dauersprachstrom. Der wird - durch Headsets verstärkt - in die alte Industriehalle als Zuschauerraum geworfen. Nicht immer ist dabei alles voll verständlich, sodass man manchmal zu den englischen Übertiteln schielt. Im Münchner Residenztheater wird da wohl eine bessere Theaterakustik herrschen.
Am Ende war man drei Stunden und vierzig Minuten (inklusive 25 Minuten Pause) in einem großen Faust-Experiment, in einer sehr texttreuen Verdichtung, einer dramatischen Entschleunigung. Das hat - bei aller modernen Drehscheiben und Leuchtkasten-Ästhetik - auch konservativere Theatergänger begeistert, was der Gesamtapplaus am Ende zeigte.
Aber eine Leerstelle hat Rasche spürbar gelassen: Empathie mit den Figuren. Am ehesten hat man sie noch mit Gretchen. Rasche hat die neue „Gretchenfrage“, wie man es mit diesem sexuellen Verbrechen Fausts an dem Mädchen hält, dadurch beantwortet, dass Anna Drexler die Teenagerin erwachsener ohne Kindchenschema spielt. Sie ist verführbar, weil sie der Strenge und Überprotektion der alleinerziehenden Mutter entkommen will, auch der Einsamkeit, weil sie viel zu früh und stark in den elterlichen Betrieb eingespannt wurde und so keine sozialen Kontakte knüpfen konnte. Und dann will sie sich auch von den kreisenden Gedanken an die - bei aller Liebe - in ihrer Obhut gestorbenen Baby-Schwester ablenken.
Studienobjekte: Der butale Faust und die Teenagerin Margarete
So hat Faust - in junger Gestalt - ein leichteres Spiel - und die Kistchen mit dem teuren Schmuck helfen natürlich auch. Gretchen wirkt nie wie ein gefallenes Mädchen, aber ist Mittelpunkt einer Tragödie. Und wenn Margarete am Ende - nach Kindstötung und fahrlässiger Tötung der Mutter - hingerichtet wird, erklingt aus dem Bühnenhimmel konsequenterweise nicht, sie sei „gerichtet“, sondern „gerettet“.

Dieses Erlösungswort im Jenseits ist eigentlich Fausts Seele vorbehalten - und das bei Goethe auch erst am Ende des zweiten Teils. Aber an Fausts Rettung glaubt man, wenn man Rasches Interpretation sieht, nicht. Dazu ist er zu unsympathisch, fremd, brutal. Steven Scharf zeigt ihn ausgebrannt, gespenstisch fast wie Frankensteins Monster. So sind seine inneren Konflikte, seine Lebensweisheiten und Erfahrungen für den Zuschauer Ansichtssachen, aber keine Möglichkeiten der Identifikation.
Überhaupt sind in diesem „Faust I“ alle Figuren überwiegend Studienobjekte, auf die wir interessiert und konzentriert blicken. Aber das ist ja für eine Auseinandersetzung mit dem schillernden, vielschichtigen Lebens-Klassiker von Goethe kein schlechtes Angebot.
Perner-Insel, Hallein, wieder am Dienstag 28., 30., 31. Juli und 2., 3., 5., 6. August. Karten: www.salzburger-festspiele.de (Shuttlebus zur Innenstadt)
Die Premiere im Münchner Residenztheater ist am 6. November
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