Interview

Faust und Gretchen sind auch privat ein Paar: So klappt's mit zwei Kindern und Theater

Alles nur im Kopf des Doktors? Steven Scharf und Anna Drexler spielen in der "Faust I"-Inszenierung auf der Perner-Insel.
Michael Stadler |
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"Faust  1" in Hallein bei Salzburg, wie ihn sich Ulrich Rasche vorstellt: Steven Scharf (li., Faust), Valery Tscheplanowa (Mephistopheles), Johannes Nussbaum (Junger Faust).
"Faust 1" in Hallein bei Salzburg, wie ihn sich Ulrich Rasche vorstellt: Steven Scharf (li., Faust), Valery Tscheplanowa (Mephistopheles), Johannes Nussbaum (Junger Faust). © SF/Marco Borrelli

In München lernten Anna Drexler und Steven Scharf sich vor über zehn Jahren kennen. Beide waren im Ensemble der Kammerspiele, spielten in Stephan Kimmigs Inszenierung von "Liliom" und verliebten sich auch jenseits der Bühne. Nach einer Zeit am Bochumer Schauspielhaus kehrten sie nach München zurück, wo sie seit der letzten Saison im Ensemble des Residenztheaters sind. Jetzt spielen sie in Ulrich Rasches Inszenierung von Goethes "Faust I", eine Koproduktion des Residenztheaters mit den Salzburger Festspielen. Die Premiere ist am Samstag auf der Perner Insel in Hallein nahe Salzburg. Steven Scharf spielt Faust, Anna Drexler Gretchen.

AZ: Frau Drexler, Herr Scharf, Sie sind Eltern zweier kleiner Kinder. Da stellt sich vermutlich die Frage, wie diese während Ihrer Zeit in Salzburg betreut werden.
STEVEN SCHARF: Klar, das war natürlich ein zentraler Punkt: Wie machen wir das, wenn wir wochenlang in Salzburg proben und dann Aufführungen spielen? Es hat sich aber alles gut zurecht gerüttelt.

TerrassenTalks zu „Faust 1“ auf der Presseterrasse der Salzburger Festspiele: Ulrich Rasche (li., Regie / Bühne), Valery Tscheplanowa (Mephistopheles), Steven Scharf (Faust)
TerrassenTalks zu „Faust 1“ auf der Presseterrasse der Salzburger Festspiele: Ulrich Rasche (li., Regie / Bühne), Valery Tscheplanowa (Mephistopheles), Steven Scharf (Faust) © Jan Friese

Haben Ihre Kinder mitbekommen, wie Sie gemeinsam Text üben?
Auf diese Idee sind wir noch gar nicht gekommen. Textlernen macht mir wirklich sehr viel Spaß, aber da hat jede und jeder einen anderen Zugang.
ANNA DREXLER: Text zu "üben" oder zu "lernen" halte ich auch nicht für die richtige Beschreibung. Es ist eher so, dass man sich mit dem Text ausführlich beschäftigt und dabei eine innere Landschaft anfängt zu wachsen. Ein Beiprodukt dieses Vorgangs ist, dass man den Text dann irgendwann kann.

Speichert sich Goethes "Faust" denn gut ein?
Spitzenmäßig.’STEVEN SCHARF: Wirklich spitzenmäßig.
ANNA DREXLER: Das geht rein wie Butter. Weil es auch so musikalisch ist.
STEVEN SCHARF: Und weil sich die Gedanken wie eine Perlenkette aneinander fädeln. Es ist auch gar nicht so leicht, in dem Text Sätze zu streichen. Weil die Gedanken so einen Fluss haben.

Valery Tscheplanowa spielt Mephisto, Johannes Nussbaum als junger Faust und Steven Scharf (Faust).
Valery Tscheplanowa spielt Mephisto, Johannes Nussbaum als junger Faust und Steven Scharf (Faust). © Marco Borelli / SF

Spielen die privaten Vibes rein, wenn Sie gemeinsam auf der Bühne stehen?
ANNA DREXLER: Das ist unvermeidlich. Aber die privaten Vibes kommen bei allen Leuten immer rein. Das kann ganz magisch sein, das ist dann wie eine eigene gemeinsame Frequenz. Wir beide haben bereits einige Male zusammengespielt, das funktioniert sehr gut. Gleichzeitig ist das ja auch Arbeit. Es ist dann nicht so, als ob wir auf der Bühne etwas aus unserem Privatleben verhandeln würden.
STEVEN SCHARF: Es ist interessant, wenn man sich zum ersten Mal beim Spielen begegnet. Valery Tscheplanowa, die den Mephisto spielt, habe ich zum Beispiel vorher nie getroffen. Und dann begegnet man sich auf der Bühne auf sehr persönliche Weise und merkt, dass man vielleicht einen ähnlichen Zugriff hat. In der ganzen Truppe herrscht natürlich ein gewisses Level an Professionalität, wo es sowieso nicht darum geht, ob man sich mag oder nicht. Das ist nicht die Frage. Es geht eher darum, aus welchem theatralischen Kosmos man jeweils kommt. In diesem Zusammenhang begegnet man sich.

Anna Drexler wurde 1990 in Filderstadt geboren und studierte an der Otto-Falckenberg-Schule. 2013 bis 2017 war sie im Ensemble der Münchner Kammerspiele. 2014 erhielt sie den AZ-Stern des Jahres. Seit 2024 ist sie am Residenztheater - wie auch Steven Scharf.
Anna Drexler wurde 1990 in Filderstadt geboren und studierte an der Otto-Falckenberg-Schule. 2013 bis 2017 war sie im Ensemble der Münchner Kammerspiele. 2014 erhielt sie den AZ-Stern des Jahres. Seit 2024 ist sie am Residenztheater - wie auch Steven Scharf. © Leidgschwendner

Die umgekehrte Frage ist: Trägt man das Stück mit all seinen Konflikten nicht ins Private hinein?
ANNA DREXLER: Mit nach Hause? Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
STEVEN SCHARF: Ich schon. Und ich merke immer wieder: Je energetischer die Auseinandersetzung auf der Bühne ist, umso intensiver ist das gemeinsame Erlebnis. Wenn man zusammen Musik macht, ist es ja auch egal, ob man ein Stück in Moll oder Dur spielt. Die Intensität bringt einen eher näher.

Dabei gibt es im Stück ein starkes Machtgefälle zwischen Faust und Gretchen. Manche fragen sich, ob man den alten Goethe überhaupt noch auf die Bühne bringen soll.
ANNA DREXLER: Ich kam mit dem Stück erstmals in der Schule in Berührung und fand es tatsächlich schwierig. Vor den Proben habe ich mir etwas Sorgen gemacht, weil ich so ein geknicktes Gefühl vor der Aufgabe verspürt habe, diese Diskrepanz zwischen "männlichen" und "weiblichen" Rollen erneut anzugehen. Das ist mit vielen klassischen Stücken so, eigentlich allen. Dieser innere Widerstand hat sich aber aufgelöst, als ich die Fassung von Ulrich Rasche gelesen habe. Sie ist ein ziemliches Konzentrat, Gretchen ist darin verhältnismäßig stark präsent. Ihre Stimme ist jetzt sehr vernehmbar…

…und heutiger?
Ich finde, man kann die Interpretation dieser Rolle so biegen und dehnen, dass sie etwas mit mir, mit uns zu tun hat. Wir reproduzieren nicht etwas, das komplett aus der Zeit gefallen ist.

Sie spielen Gretchen wohl anders, als sich das Goethe gedacht hat.
Natürlich. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, einen Text so zu spielen, wie jemand sich das gedacht hat. Der Text ist ein Geschenk - und Material, mit dem ich auf meine Weise umgehe.
STEVEN SCHARF: Die Qualität des Textes kommt ja erst zum Tragen, wenn man sich durch die ganzen Berge von Interpretationen und Sekundärliteratur gekämpft hat. Wenn man "Faust" zum ersten Mal wieder in die Hand nimmt, liegt der Text unter so vielen Folien, dass eine Begegnung erstmal schwierig ist. Beim Lesen der Fassung war es toll zu merken, wie unter diesen bekannten Kalenderspruchsätzen auf einmal wieder ein Theatertext durchdringt. Plötzlich fällt das alles ab, das ganze Bohei drumherum.

Steven Scharf spielt den Faust. Er wurde 1975 in Thüringen geboren, wuchs  in der DDR auf und studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Scharf war unter anderem auch im Ensemble der Münchner Kammerspiele, spielte am Deutschen Theater Berlin und dem Burgtheater in Wien.
Steven Scharf spielt den Faust. Er wurde 1975 in Thüringen geboren, wuchs in der DDR auf und studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Scharf war unter anderem auch im Ensemble der Münchner Kammerspiele, spielte am Deutschen Theater Berlin und dem Burgtheater in Wien. © Leidgschwendner

Und zu welchem Kern sind Sie gekommen?
Ich finde es ganz großartig, wie Goethe es geschafft hat, in einen Bereich des Lebens vorzudringen, der mit Worten schwer zu berühren ist. Diese Suche nach einer Erkenntnis, die erklärt, was die Welt im Innersten zusammenhält - das ist doch hochmodern! Mit diesem Anspruch, zum Kern des Seins vorzudringen und darin vollste Befriedigung zu finden, setzt Faust sich selbst unter Druck. Wobei diesen Wunsch, dass sich dieser Sturm in einem irgendwann legt - den kennen wir doch alle.

Im Salzburger Programmheft sagt Ulrich Rasche, dass sich letztlich alles im Kopf von Faust abspielt, dass die Figuren also abgetrennte, zum Teil verdrängte Aspekte von Faust sind und Gretchen zum Beispiel für eine Fähigkeit zur Bindung steht, die Faust nicht mehr hat, nach der er sich aber sehnt.
ANNA DREXLER: Ich verstehe diesen konzeptionellen Gedanken sehr gut, aber beim Proben inspiriert er mich kaum. Ich kann nicht einen Aspekt von jemanden spielen, sondern entwickle eine Figur. Ich finde Gretchen ganz toll, weil sie eine große Radikalität hat, darin, wie sie den Dingen ins Auge blickt, ohne Rücksicht auf die Verletzungen, die Schmerzen, die das auslösen kann. Was die Außenwirkung ist, steht sowieso nicht in meiner Macht. Vielleicht ist ja erkennbar, dass wir uns in einer Psyche bewegen. Gleichzeitig sind wir einzelne Planeten, die jeweils für sich stehen und ihre eigene Laufbahn haben.
STEVEN SCHARF: Man kann sich schon vorstellen, dass das alles in einem geschlossenen Kosmos stattfindet. Augenfällig wird das, wenn meine Faustfigur mit dem von Johannes Nussbaum gespielten "jungen Faust" auf der Bühne steht. Die Einsamkeit um sie herum finde ich sehr spürbar. Das Aufeinandertreffen der Figuren ist nicht etwas Soziales, sondern ein Konflikt zwischen auseinanderstrebenden Kräften.

Bei Ulrich Rasche kommt zu den Worten auch immer die Bewegung dazu. Auch dieses Mal hat er eine Drehscheibe entworfen, auf der alle ständig schreiten müssen. Was macht das mit Ihnen?
Ich habe mit Ulrich Rasche in Bochum bei "Warten auf Godot" zusammengearbeitet, insofern kenne ich diese Form. Dieses ständige Schreiten sollte man ganz konkret nehmen: Da sind Menschen, die damit umgehen müssen, dass sie die ganze Zeit in Bewegung bleiben müssen. Sonst driftet man ab, sonst fliegt man raus. Als Schauspieler muss man diese Aufgabe erfüllen, wobei zur Drehung der Scheibe die Musik und ein Metrum im Ohr kommt. Früher dachte ich, dass ich mich in so ein Konzept nicht einschnallen lassen möchte, aber bei "Warten auf Godot" habe ich gemerkt, dass mir das Gehen eine große Freiheit gibt. Denn, ob man nun will oder nicht: Die Sprache ist dadurch automatisch mit dem Körper verbunden. Das Einzige, was man nicht machen kann, ist stehenbleiben.
ANNA DREXLER: Für mich hat sich das erst mal unbequem angefühlt, wie ein fremdes Kleid, das ich mir anziehen soll. Wir hatten aber mit Yannik Stöbener einen Trainer, der mit Ulrich Rasche diese Form der Körperarbeit entwickelt hat und sich damit auskennt. Man merkt schnell, dass man sich dem hingeben muss. Mit der Zeit wurde mir auch klar: Für mich ist das ein Bild der inneren Suche, für eine Gedankenbewegung. Und diese Form bedeutet Verausgabung. Danach sehnt man sich ja: Dass das Spielen einem körperlich etwas abverlangt, dass über die Anstrengung etwas weich und warm wird. Dass es gut für den Kopf ist, wenn der Körper arbeitet, ist nichts Neues, aber in dieser Verausgabung liegt schon ein großer Genuss.

In Ihrem Beruf ist man erst zufrieden, wenn man sich verausgabt hat.
STEVEN SCHARF: Genau. Die Energie muss im Fluss sein.
ANNA DREXLER: Eine Vorstellung, in der man sich nicht verausgabt, fühlt sich oft unbefriedigend an.

Diese Gefahr besteht bei Ulrich Rasche…
BEIDE: …nicht!

Premiere 25. Juli, 19 Uhr, auf der Perner-Insel in Hallein; Vorstellungen gibt es bis 6. August. Karten www.salzburgerfestspiele.at.
Die Münchner Premiere im Residenztheater ist am 6. November, 19 Uhr, www.residenztheater.de

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