Kritik

Robert Ickes „Ödipus“ am Residenztheater

Die Macht des Verdrängten: Der Brite Robert Icke hat die deutschsprachige Erstaufführung seines Dramas „Ödipus“ am Residenztheater inszeniert
Anne Fritsch |
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Der Upper-Class-Familientisch mit Vorbelasteten (von links): Volodymyr Melnykov, Michael Goldberg, Linda Blümchen, Florian von Manteuffel (Ödipus), Barbara Horvath (Iokaste), Dominikus Weileder, Rita Russek.
Birgit Hupfeld 4 Der Upper-Class-Familientisch mit Vorbelasteten (von links): Volodymyr Melnykov, Michael Goldberg, Linda Blümchen, Florian von Manteuffel (Ödipus), Barbara Horvath (Iokaste), Dominikus Weileder, Rita Russek.
Hochbrisantes Paar: Barbara Horvath und Florian von Manteuffel am Wahlabend mit Ergebnis-Countdown.
Birgit Hupfeld 4 Hochbrisantes Paar: Barbara Horvath und Florian von Manteuffel am Wahlabend mit Ergebnis-Countdown.
Kühles, modernes, reiches Ambiente: zu Hause bei Ödipus.
Birgit Hupfeld 4 Kühles, modernes, reiches Ambiente: zu Hause bei Ödipus.
Irrer, Seher oder Wahrsager? Theiresias kommt vorbei: Steffen Höld mit Florian von Manteuffel.
Birgit Hupfeld 4 Irrer, Seher oder Wahrsager? Theiresias kommt vorbei: Steffen Höld mit Florian von Manteuffel.

Es ist die Tragödie eines Mannes, der nicht weiß, wer er ist. Das Orakel hatte prophezeit, dass dieser Junge einmal seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde. Ödipus wurde als Baby ausgesetzt, um das Schicksal zu überlisten. Doch natürlich lässt es sich nicht austricksen.

Gerade weil er nicht weiß, woher er kommt, geschieht am Ende alles so wie prophezeit: Er tötet in einem Streit auf einer Landstraße seinen Vater Laios und heiratet seine Mutter Iokaste.

Hochbrisantes Paar: Barbara Horvath und Florian von Manteuffel am Wahlabend mit Ergebnis-Countdown.
Hochbrisantes Paar: Barbara Horvath und Florian von Manteuffel am Wahlabend mit Ergebnis-Countdown. © Birgit Hupfeld

Der Autor und Regisseur Robert Icke hat das Sophokles-Drama „König Ödipus“ in die Neuzeit geholt. Ickes Fassung, schlicht „Ödipus“, wurde 2018 am International Theater in Amsterdam uraufgeführt, nun hat Icke die Deutschsprachige Erstaufführung am Münchner Residenztheater inszeniert.
Icke verlagert die Handlung in ein heutiges Land, das den Schriftzeichen in den Live-Sendungen zufolge Griechenland sein könnte.

Sein Ödipus ist einer, der alles richtig machen will. Vielleicht, weil da diese Schuld ist, die er als junger Mann auf sich geladen hat und die ihn seitdem quält: Als Fahranfänger hat er durch Leichtsinn einen Unfall verursacht, bei dem ein Mann ums Leben kam. Der Unfall wurde vertuscht, nie musste - oder durfte - er sich seiner Verantwortung stellen.

Jetzt ist er als Politiker auf einem Höhenflug, kurz davor, mit einem erdrutschartigen Sieg an die Macht zu gelangen und ein „krankes System“ zu heilen.

Kühles, modernes, reiches Ambiente: zu Hause bei Ödipus.
Kühles, modernes, reiches Ambiente: zu Hause bei Ödipus. © Birgit Hupfeld

Er verspricht das Ende einer „Zeit, in der Gerüchte und Lügen das Gleiche waren wie die Wahrheit“. Er will Licht ins Dunkel bringen, seine eigene Herkunft mittels Geburtsurkunde offenlegen und die Ermittlungen zum Tod seines Vorgängers Laios wieder aufnehmen.

Ödipus ahnt nicht, dass eben jener der tote Mann auf seinem Kotflügel war. Und noch viel weniger: dass er sein Erzeuger ist. Und er selbst inzwischen glücklich verheiratet ist mit seiner leiblichen Mutter, Iokaste.

Zerlegung einer serientauglichen Happy-Family

Bühnenbildnerin Hildegard Bechtler hat eine sterile weiße Bühne für diese Hochglanz-Inszenierung entworfen, der man anmerkt, dass sie adaptiert wurde von ihren Vorgängern am Londoner Westend und am New Yorker Broadway.

In diesem Setting wirkt es umso verstörender, wenn Steffen Höld als heruntergekommener Seher - oder hier Wahrsager - Teiresias hereinstolpert und seine Prophezeiungen macht. Dass Ödipus verlieren wird. Dass eine „andere Wahrheit kommt“.

Und so wird der Countdown, der im Hintergrund die Zeit bis zur Verkündung des Wahlergebnisses zählt, Sekunde um Sekunde mehr zum Showdown. Ödipus Zeit ist angezählt. Nichtsdestotrotz versammelt sich in der Wahlkampfzentrale betont heiter die Familie, um das Ergebnis zu feiern. Denn dass es positiv ausgehen wird, daran zweifelt im Grunde niemand.

Icke inszeniert zunächst eine serientaugliche Happy-Family-Szenerie. Ödipus schart seine Familie zusammen, alle sind etwas aufgesetzt überdreht, Spannungen und Konflikte hinter der Fassade werden sichtbar. Die starken Momente an diesem Abend aber sind die intimen Zweierszenen, jenseits der großen Effekte. Die Gespräche zwischen Linda Blümchen als Antigone und Rita Russek als Oma Merope, vor allem aber die zwischen Ödipus und Iokaste.

Irrer, Seher oder Wahrsager? Theiresias kommt vorbei: Steffen Höld mit Florian von Manteuffel.
Irrer, Seher oder Wahrsager? Theiresias kommt vorbei: Steffen Höld mit Florian von Manteuffel. © Birgit Hupfeld

Florian von Manteuffel und Barbara Horvath spielen ein glückliches Paar. Die dunklen Ecken ihrer Vergangenheit haben beide hinter sich gelassen. Wenn sie alleine sind, fallen sie auch mal spontan auf dem Sofa über einander her. Auch als sich erste Ahnungen einschleichen, dass Ödipus möglicherweise etwas mit dem Tod ihres ersten Mannes zu tun haben könnte, halten sie an einander fest.

Sie erzählt ihm die erschütternde Vorgeschichte

In der intensivsten Szene des Abends sitzen die beiden auf der großen Bühne, auf Stühlen, nah beieinander. Iokaste erzählt, was sie noch nie erzählt hat, knetet Ödipus Hände, als könne sie die nötige Energie aus ihnen herauskneten. Sie erzählt, warum sie nicht wissen wollte, wie genau Laios, ihr erster Mann, gestorben ist. Weil er sie missbraucht hatte, als sie 13 Jahre alt war. Weil sie schwanger wurde und das vertuscht wurde, indem das Kind weggeschafft wurde. Weil sie in eine Ehe mit diesem über 40 Jahre älteren Mann gedrängt wurde, der nur Interesse an ihr hatte, solange sie ein Kind war. Der sich dann anderen Kindern zuwandte.

Sie, die zu „jung war, um zu wissen, wie man nein sagt“, hat es nach seinem Tod geschafft, dieses Leben hinter sich zu lassen und durch ein neues zu ersetzen - nicht ahnend, dass dieses im wahrsten Sinne des Wortes aus dem alten erwachsen ist; dass der Mann, den sie liebt, ihr Sohn ist. Sohn auch des Mannes, der ihr so viel Leid angetan hat.

Was hier geschieht, noch bevor sich alle Puzzleteile zusammenfügen, verdient die Bezeichnung Tragödie. Barbara Horvath sagt Sätze wie: „Manchmal ist Feigheit der Preis fürs Überleben“ oder „Ich dachte, dass, wenn ich den Mund aufmache, dieses ganze Leben aus mir herausfallen würde, und ich bekäme es nie wieder hinein“. Sie legt das jahrzehntelang verdrängte Leid hinein, und plötzlich ist da keine Show, keine Theatralik, sondern purer Schmerz. Was Icke hier schafft, ist ein tiefes Spiel um die Macht des Verdrängten.

Dieser Ödipus, den Icke da geschrieben hat und den Manteuffel so überzeugend spielt, glaubt, die Wahrheit sei die Voraussetzung für ein anständiges und glückliches Leben. Selbst als er ahnt, dass er sich seiner Verantwortung wird stellen müssen, kann er nicht von ihr lassen.

Am Ende greift er etwas sehr effektvoll zu Iokastes spitzem High-Heel, um sich zu blenden. Um jene Wahrheit nicht mehr sehen zu müssen, die er gesucht hat und die seinen Vorstellungen so gar nicht entsprach. Iokaste konnte mit ihr nicht weiterleben.

wieder an diesem Mittwoch sowie am 6.,8., 12. Mai und 18. und 27. Juni, Karten: residenztheater.de

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.