Rheingold in der Staatsoper: Er kam sah und siegte

Opernfestspiele: Erik Nielsen springt für Valery Gergiev beim "Rheingold" im Nationaltheater ein.
| Michael Bastian Weiß
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Valery Gergiev kommt manchmal zu spät und hin und wieder gar nicht.
dpa Valery Gergiev kommt manchmal zu spät und hin und wieder gar nicht.

Schon mal eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen? Eine solche hätte im aktuellen Fall nicht etwa die Familie gebraucht, deren Kleinkind zwischen gepackten Koffern komisch zu husten beginnt, sondern Valery Gergiev.

Sein berüchtigt knapper Reiseplan hat schon in der Vergangenheit bisweilen Ausfälle und Verspätungen herbeigeführt. Aus verschiedenen Gründen, so hört man, schaffte es der Dirigent nicht zur ersten Probe von Richard Wagners "Rheingold" im Nationaltheater. Dann trat eine Quarantänepflicht für die Einreise aus Russland ein, und nun konnte Gergiev überhaupt nicht mehr kommen. Auch sein Auftritt bei "Klassik am Odeonsplatz" (9. Juli) ist fraglich.

Lange und Nielsen springen ein

Glücklicherweise hatte die Staatsoper gleich zwei Reiserücktrittsversicherungen. Die erste heißt Erik Nielsen, die zweite Patrick Lange. Letztgenannter wird die "Rheingold"-Aufführung am Samstag übernehmen. Der Amerikaner Nielsen kam für die aktuelle Vorstellung sogar noch in den Genuss einer Probe, da er kurzfristig aus Erl anreisen konnte.

Natürlich wissen wir nicht, wie es mit Gergiev geklungen hätte. Doch Nielsen, der an der Staatsoper schon mit Kreneks diffizilem "Karl V." reüssiert hatte, geht an diesem Abend mit dem Staatsorchester eine so enge Verbindung ein, dass man buchstäblich in keiner Sekunde hört, mit welch' heißer Nadel alles gestrickt ist.

Ein Dirigat für die Musiker

Dem studierten Harfenisten und Oboisten kommt wohl seine Orchestererfahrung zugute. Auf jeden Fall dirigiert Erik Nielsen ausschließlich für die Musiker, stiftet eine ruhige Atmosphäre, bereitet Einsätze vertrauensbildend vor, kann mit ganzem Körpereinsatz seine Vorstellungen kommunizieren. Die Streicher begleiten die rezitativischen Passagen so reaktionsschnell wie punktgenau, das Holz dringt mühelos durch, und die Blechbläser gehen aufs Ganze: Kammermusikalische Transparenz trifft auf unerbittliche Höhepunkte.

Auch die Sänger auf der Bühne vergisst Erik Nielsen nicht - was bei einer so kurzfristigen Aktion überlebenswichtig ist. So kann John Lundgren als Wotan schneidende Befehle geben und Daniela Sindram als Fricka ihre ständigen Vorwürfe genießbar leicht artikulieren. Judit Kutasi hypnotisiert als klangsatte Erda, von den Riesen überzeugt der Fafner von Ain Anger mit seiner bassistischen Stabilität mehr als der zur Unruhe tendierende Christof Fischesser als Fasolt.

Was aber Benjamin Bruns als Loge und Johannes Martin Kränzle als Alberich in ihren gemeinsamen Szenen an feinster Komödie aufführen, ist sensationell. Beide, der Tenor wie der Bariton, verbinden nicht nur herrlichstes Wagner-Belcanto mit vollendeter Textintelligenz, sondern verbreiten eine solche Lust am Prahlen, Intrigieren, gegenseitigen Beleidigen, dass das Festspielpublikum selbst in reduzierter Besetzung beim Schlussapplaus fast ausflippt.

Gergiev aber muss ein wenig aufpassen. Reiserücktrittsversicherungen nutzt niemand gern.


Wieder am 3. Juli, 19 Uhr (Dirigent: Patrick Lange), Restkarten unter (089) 21 85 19 20

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