Premiere im Volkstheater: Sich mit Abstand abwatschen

Premiere im Volkstheater: "ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM" von Werner Schwab inszeniert von Abdullah Kenan Karaca.
| Mathias Hejny
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Kannibalismus bei großer Distanz: Steffen Link, Nina Steils (hinten), Silas Breiding, Pola Jane O'Mara, Pascal Fligg (hinten) beim Abendmahl.
Kannibalismus bei großer Distanz: Steffen Link, Nina Steils (hinten), Silas Breiding, Pola Jane O'Mara, Pascal Fligg (hinten) beim Abendmahl. © Gabriela Neeb

München - Werner Schwab stellte sich einen Raum vor, der ein "Mittelding zwischen Kneipe, Beisl und Landgasthaus" ist. Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch übersetzt die Regieanweisung aus "ÜBERGEWICHTIG, unwichtig: UNFORM" in ein angemessen heruntergeranztes Ambiente. Nur die Einrichtung ist seltsam unvollständig, denn es gibt keinen Tresen.

Karaca-Inszenierung: Es gibt nichts zu trinken

Stattdessen knüpft die Raumaufteilung an die vielen religiösen Bezüge an und erinnert an eine Kirche: Zentral an der Rückwand ein Podium, auf dem auch ein Altar stehen könnte. Darauf thront die Wirtin (Pascal Fligg), huldvoll auf ihre Gemeinde herunter blickend, und ihr zur Rechten sitzt der Herr Jürgen (Lukas Darnstädt). Dieses finstere Stüberl erweist sich als Hölle - ein Ort, den es auch nur dort gibt, wo es das christliche Heilsversprechen gibt.

In der Inszenierung von Abdullah Kenan Karaca gibt es auch nichts zu trinken. Nur das Schöne Paar (Pola Jane O'Mara, Steffen Link) nippt an Sektkelchen. Der Schaumwein war ursprünglich ein Geschenk vom Herrn Jürgen als Entschuldigung für sein Versagen im Bett der Frau Wirtin. Dafür kann er die Welt erklären, denn "oft verbringt meine Person mit mir die ganze Nacht über meinen sozialwissenschaftlichen Studien, denn tagsüber wird ja ein ganz und gar nicht unbeträchtlicher Teil der Kinder unserer Stadt von mir unterrichtet."

Einnahmen werden in die Jukebox investiert

So oder so ähnlich reden hier nicht nur der Lehrer, sondern auch die anderen Kneipenhocker. Schweindi (Silas Breiding) kann es mit ihm an girlandenreich vorgetragenem Halbwissen aufnehmen, und da sind noch seine langjährig an unerfülltem Kinderwunsch leidende Gattin Hasi (Luise Deborah Daberkow), der strizzihafte und stets gewaltbereite Karli (Vincent Sauer), die irgendwie verheulte Herta (Nina Steils) und Fotzi (Carolin Hartmann), die gegen Geld Einblick unter ihren Rock gewährt.

"Was für göttliche Idioten"

Ihre Einnahmen investiert sie in die Jukebox, die hier weggelassen wird. Das Schöne Paar singt selbst - "Fuck The Government, I Love You" von der kanadischen Folk-Rockband The Burning Hell, die darin von einer Party bei einem vegetarischen Freund erzählt.

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"Was für göttliche Idioten", freut sich das Schöne Paar über die Entdeckung dieser Lokalität. Aber die beiden werden nicht dazu kommen, davon ihren Freunden zu erzählen. Die Stammgäste fallen über die Fremden her, um sie zu essen. Ganz beiläufig wird später erwähnt, dass so etwas hier öfters passiert.

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Nach diesem exzessiven Abendmahl liegen sie faul, satt und blutverschmiert herum, bis wieder zwei elegante Turteltäubchen einflattern. "Sind Sie getestet?", die Frage der Wirtin an die neuen Gäste, ist nicht das Einzige, was Corona in dieser vorletzten Produktion des Münchner Volkstheaters vor dem Umzug ins neue Haus hinterlassen hat.

Das Schöne Paar, das eigentlich sehr zärtlich miteinander umgeht, sitzt sich an den Enden der langen Abendmahltafel weitestmöglich entfernt voneinander gegenüber. Auch bei den anderen ginge es laut Schwab körpernah zu, auch wenn nur beim Austeilen von Watschen.

Wegen Corona:  Dialoge laufen oft über die Breite der Bühne

Karaca lässt Abstand halten, auch Dialoge laufen oft über die Breite der Bühne und er kann auch nicht immer verhindern, dass diese Spielweise die Wucht des Stücks vermindert. Aber er und sein gut aufgelegtes Ensemble haben es sich keineswegs leicht gemacht. Sie nehmen das Bestiarium des 1994 im Alter von 35 Jahren verstorbenen österreichischen Schriftstellers ernst als ein dunkel funkelndes Bild vom Umgang der Menschen untereinander und mit sich selbst.

Dabei tappen sie angenehmerweise nie in die reichlich aufgestellten Komödienfallen. Zur Premiere gab es für die böse Groteske kaum Lacher, aber ein konzentriertes Zuschauen im noch immer seuchenbedingt schütteren Publikum.


Münchner Volkstheater, Brienner Straße  wieder am 31. Mai, 8., 19. Juni, Telefon 52 346 55

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