Kritik

„Pioniere in Ingolstadt“ im Münchner Volkstheater

Haltlos unter Männern: Lucia Bihler inszeniert Marieluise Fleißers Stück stark positioniert
Michael Stadler |
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Es gibt hier keine Liebe (ohne Leiden): Karl (Julian Gutmann) und Berta (Henriette Nagel) in „Pioniere in Ingolstadt“.
Es gibt hier keine Liebe (ohne Leiden): Karl (Julian Gutmann) und Berta (Henriette Nagel) in „Pioniere in Ingolstadt“. © Marcella Ruiz Cruz

In Ingolstadt kann es einem schon gehörig langweilig werden. Nachdem der Eiserne Vorhang sich gehoben hat, sieht man sie am unteren Rand einer gelben Rampe sitzen, die Dienstmädchen Alma und Berta. Die Beine baumeln vor sich hin, von fern wehen wehmütige Akkordeonklänge (Musik: Fabian Kalker) herüber und sie singen: „In Ingolstadt is zünftig, da gibt’s a Pferdebahn, der eine Häuter zieht net, der andre, der is lahm…“

Das Lied stammt aus Marieluise Fleißers Stück „Fegefeuer in Ingolstadt“ aus dem Jahr 1924, gespielt wird im Volkstheater jedoch Fleißers „Pioniere in Ingolstadt“, 1928 in Dresden uraufgeführt und von Fleißer danach mehrfach überarbeitet. Aus den Fassungen von 1928, 1929 und 1968 haben Lucia Bihler und ihr Team (Dramaturgie: Anouk Kesou und Hannah Mey) eine eigene Version zusammengestellt, ja, zusammengedampft, denn wo manche Textstelle zu ausführlich wird, lässt Bihler schlaglichtartig Bilder entstehen.

Marieluise Fleißer (23. November 1901 bis 2. Februar 1974, Dramatikerin aus Ingolstadt.
Marieluise Fleißer (23. November 1901 bis 2. Februar 1974, Dramatikerin aus Ingolstadt. © picture-alliance / dpa/dpaweb

So erscheinen sie dann zwar mit viel Getöse, aber ohne große Erklärungen oben auf der Rampe: preußische Pioniere, die in Ingolstadt - nach einer historisch verbürgten Anekdote aus dem Jahr 1926 - eine Holzbrücke errichten sollen und die Frauen zunächst aus ihrer Langeweile reißen. Schnittig sehen sie aus in ihren gelben Filz-Uniformen (markant: die Kostüme von Laura Kirst), vier Trommler erzeugen militärischen Groove, eine gelbe Fahne wird gekonnt geschwungen und der Feldwebel, den Jonathan Müller mit maliziöser Gnadenlosigkeit spielt, lässt sein Bataillon in einer Reihe strammstehen.

Es ist ein plakatives Bild, so wie vieles an diesem Abend klar und eindeutig inszeniert ist. Dem Comichaften, der knalligen Farce ist Lucia Bihler nicht abgeneigt, das zeigte sich im Volkstheater zuletzt schon bei ihrer Adaption von Yorgos Lanthimos Film „The Lobster“, und auch bei ihrer Fleißer-Adaption, die noch mal wesentlich hoffnungsloser gerät, springen einem die Farben ins Auge, wirkt alles stark stilisiert und durchpositioniert.

Neugierig und voller Begehren

Wie die Körper im Raum zueinanderstehen, erzählt schon vieles - darin zeigt sich Bihler erneut großartig versiert. Immer wieder lässt sie auf der Rampe Grüppchen entstehen, vor allem bei den Männern, die von Anfang an als eingeschworene Bande wirken, während zwei, drei Frauen ihnen neugierig, voller Begehren gegenüberstehen. Manchmal bildet auch nur eine Person einen Kontrapunkt zur Masse, sieht dabei vereinzelt, verloren aus.

Zu gewinnen gibt es hier auch nichts, wenn überhaupt, dann etwas mehr an bitterer Erfahrung. Dienstmädchen Berta ist, was Männer betrifft, noch grün hinter den Ohren, während Dienstmädchen Alma schon einige „Kenntnisse“ hat (das Wort „kennen“ wird im Stück mehrfach verwendet und bezieht sich wohl vor allem auf Sex). Aus dieser Gegensätzlichkeit heraus gewinnen Henriette Nagel und Lena Brückner hervorragend scharf konturierte Figuren: Nagels Berta ist leicht verhärmt, warmherzig, suchend, während Brückners Alma sich im Kontakt mit den Pionieren als kühl erfahrene Verführerin inszeniert. Wobei auch sie nicht vor der Desillusionierung durch die Männer gefeit ist.

Prostitution ohne Gewissensbisse

Ihren Körper verkauft Alma ohne Gewissensbisse, aber ähnlich wie Berta sehnt sie sich nach etwas, was die Männer ihr nicht geben wollen und wohl auch nicht können. „In der Liebe muss der Mann kalt sein“, bekommt Unternehmersohn Fabian von seinem Kumpel Zeck (Lorenz Hochhuth) geraten. Die Brücke, die Bihler und ihr Team von Fleißers Zeiten ins Heute schlagen, ist eine der toxischen Männlichkeit und der damit verbundenen verbalen wie körperlichen Gewalt. Der Kampf gegen das Patriarchat ist ja noch lange nicht ausgefochten, wenngleich man während des Abends hofft, dass Frauen heute widerständiger und selbstbewusster agieren als jene in dieser Klassiker-Neubelebung.

Nils Karsten, Lorenz Hochhuth, Pascal Fligg.
Nils Karsten, Lorenz Hochhuth, Pascal Fligg. © Marcella Ruiz Cruz

Das Patriarchat steckt den Frauen und Männern jedenfalls in den Knochen, die stilisierten Kostüme, die zackigen Exerzierübungen (Choreografie: Mats Süthoff und Paulina Alpen), die hyperklaren Positionierungen im Raum erzählen auch von der Starrheit eines Systems, das alle fatal im Griff hat. „Tu dich nicht in mich verlieben, sonst musst du leiden“, sagt Pionier Karl zu Berta, die aber gar nicht anders kann als ihn zu lieben. Der Tonfall und die melancholische Miene, mit der Julian Gutmann diesen und andere Sätze spricht, verraten, dass Karl selbst unter seinen eingeprägten Verhaltensmustern leidet.

Prinzip der Inszenierung: Schlaglicht

Dennoch wird er sich von Berta das nehmen, was sie ihm in falscher Liebeshoffnung anbietet. Das Schlaglicht-Prinzip der Inszenierung setzt da einmal aus: Sonst drehen sich die oben angebrachten Scheinwerfer Richtung Publikum, blenden es, erlöschen, auf dass die Spieler sich im Dunkeln neu positionieren und die nächste Szene in Licht getaucht wird. Was aber zwischen Berta und Karl hinter der Bühne passiert, bleibt im Dunkeln.

Verblendet sind sie alle. Immerhin hat Fabian eine weiche Offenheit, die ihm aber von den Soldaten und seinem familiären Umfeld (eisenhart und verbittert vom Tod der Gattin: Pascal Fligg als Vater) ausgetrieben wird. Nils Karsten hat für seinen Fabian eine schöne Haltung gefunden, auch körperlich: Immer wieder steht er mit ausgestreckten Armen da, die Hände weisen nach hinten, ersehnen sich einen Rückhalt, den sie aber nicht finden.

Haltlosigkeit ist das dominierende Gefühl in dieser Inszenierung. Mit der gelben Rampe, die im Laufe des Abends zunehmend in Schräglage gerät, hat Jessica Rockstroh ein minimalistisches, effektives Bühnenbild geschaffen, das die Figuren ins Rutschen bringt. Auch die Freundschaft zwischen Alma und Berta gerät aus dem Gleis, am Ende finden sie aber vielleicht zurück zu ein bisschen Solidarität: Das Dasein hängt am seidenen Faden, aber immerhin haben die beiden sich. Worin dann doch ein Hoffnungsschimmer liegt.

Volkstheater, 27. Januar; 7., 12., 18., 25. Februar, jeweils 19.30 Uhr, Karten Tel. 524 46 55

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