„Penthesilea an der Isar“ im Kies
Am Samstag war eine Fahne am Rande eines Hügels am Kiesfeld nördlich der Weideninsel in der Isar aufgepflanzt. „Theater“ stand darauf und markierte den Ort, an dem „Penthesilea an der Isar“ gezeigt wurde: eine Aufführung erdacht von der Regisseurin und Autorin Lea Marlene Balzer. Sie hat aus einer mit Ivana Sokola gefertigten Überschreibung des Trauerspiels „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist ein rund 80-minütiges Schauspiel-Happening gebastelt.
Ein Signal ertönt! Am linken Isarufer steht ein Posaunist und markiert den Beginn. Zwei in „Green-Screen-Anzügen“ gekleidete Schauspielerinnen (Henriette Nagel, Stella Marie Brauer) betreten den zur Bühne erklärten Teil des Steinstrandes: „Wir sind die Bäume“. Eichen, um genau zu sein. Das ist auch das Einzige, was sie genau sagen können. Sonst ist alles im typisch ungenauen Millennialdeutsch „schon ganz ok“. Zwischendrin machen die sonnenbebrillten Gewächse yogaartige Posen. Die ersten lustigen Momente sind also gesetzt, als eine Kriegerin (Kriemhild Hamann), bepackt mit zwei vollgeladenen blauen Ikea-Taschen, die Szene betritt: „Willkommen im Theater! Mir geht’s schlecht, wie geht’s euch?“
Das ist der Start eines wilden Ritts durch das antike Griechenland, verwoben mit dem München der Jetztzeit. Die Türme von St. Maximilian sind die „dummen Türme von Troja“ im „dummen Krieg“ zwischen Griechen und Troja und den alles noch verkomplizierenden Amazonen mit ihrer Königin Penthesilea.

Kriemhild Hamann besticht durch mitreißende Energie und ausdrucksstarke Mimik. Sie verliert den Zuschauer in ihren meist absurden, oft auch komplizierten Ausführungen nie. Eine große Leistung, besonders da nicht jeder immer alles mitdenken kann. Auf atemlosen, energiegeladenen Monolog folgen konzentrierte, detaillierte Beschreibungen des Feuermachens - ein einfacher Grill wird angezündet - und Kleists Blankverse reihen sich an jugendsprachliche Dialoge.
Ironie durchzieht die gesamte Inszenierung und sorgt für Lacher. Es gibt feine Situationskomik und starke Übertreibung, Passanten werden angespielt, läutende Glocken einbezogen. Dabei geht es eigentlich um ernste Themen: die Gräuel von Krieg, Gewalt und Aufrüstung, Liebe, die gefangen ist in den Zwängen göttlicher Gesetze. In welcher Beziehung stehen Freiheit und Sicherheit? Erzählen darf hier die Frau.
Dann taucht in der kalten Isar ein weiterer Kriegshelm auf. „Zefix!“ Wie antike Statue steigt ein sehr gut gebauter Franke (Sylvan Szmul) in Helm, knapper blauer Badehose und schwarzen Crocs aus dem Wasser. Er ist Achill, wie er sagt und erzählt eine absurd-komische Aufzählung, was alles auf einem imaginären Schild stände. Zwischen den gewollt hölzern vorgetragenen Sätzen geht er immer wieder in die „Superman-Pose“. Die Kriegerin beobachtet das Treiben skeptisch aus dem Gebüsch, tritt schließlich vor, um den „Nicht-Achilles“ zu bestaunen. Der sagt aber recht schnell „Tschüssi“ und entschwindet. Sie ist aber verliebt.
Mit vollem Einsatz werden nun Würste gegrillt und ans Publikum verteilt, in Zeitlupe Duelle ausgefochten und nach angedeuteten sexuellen Handlungen im Gebüsch erstmal mit den Bäumen eine geraucht.

In dem tollen Vollgas-Irrsinn versteckt sich Gehaltvolles. Über die Entstehungsgeschichte des Amazonenstaates werden feministische Aspekte zum Geschlechterverhältnis vermittelt, die etwa in einem Vergleich von „Milchbrüsten“ und „Kraftbrüsten“ gipfeln. Eine Art Beziehungsstreit mit einer Meta-Ebene darüber, wer denn „im Original“ wen umgebracht hätte, mündet in den Endkampf zwischen Achilles und Penthesilea.
Hier schlägt die Stunde der größeren Eiche (Henriette Nagel), die in salopper Alltagssprache, aber mit großer Erzählkunst das Duell wie ein Radiokommentator beschreibt. Man hängt an ihren Lippen, obwohl eigentlich nur eine grün gekleidete Frau verkniffen in die Ferne sieht, während sie eine Wurstsemmel verdrückt.
Nachdem Eitelkeit und andere Zwänge zum großen Unglück geführt haben, durchschreitet die blutverschmierte Amazone das Publikum und entkleidet sich bis auf die Unterwäsche. Siegreich und doch geschlagen geht die Kriegerin ins kalte Isarwasser. Die Selbstzerfleischung der Menschen wird immer weitergehen, dieses Theaterkunstwerk leider nicht. Schade, denn dieser mutige, fesselnde und auch durchaus lustige Abend hätte eine größere Öffentlichkeit verdient.
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