Opernhitze zwischen eisigen Bergen: "Lucia di Lammermoor“ in Erl

Eine schwer zu bändigende Kranke liegt im Bett einer Psychiatrie und träumt die Oper, die aus dem Radio ertönt. Dazu steigt der in Lucias Auftrittsarie erwähnte Geist vorzeitig aus dem Sirenenbrunnen, als stünde "Rusalka“ auf dem Spielplan und nicht "Lucia di Lammermoor“.
Naja, derlei hat man schon öfter gesehen, und bei den Pelzmützen des Chors könnte es sich um Restbestände aus einer russischen Oper handeln. Viel aufregender ist, was dazu aus dem Graben erklingt: Das Orchester der Tiroler Festspiele Erl vertreibt nicht nur mit etwas musikalischem Vorgeplänkel dem Publikum die Zeit beim Warten auf die erste Arie. Nein, die Instrumentalisten und Instrumentalistinnen und Musiker schaffen es tatsächlich vom ersten Takt an, Gaetano Donizettis Musik als romantische Sehnsuchtsklänge erfahrbar werden zu lassen.
Der für den erkrankten Asher Fisch eingewechselte Sesto Quatrini hat eine sehr glückliche Hand für diese Musik, die nicht von selbst klingt. Der 41-jährige Römer, in Frankfurt, Hamburg, Köln oder Berlin für italienisches Repertoire zuständig, schafft es den ganzen Abend über, nicht nur straff und einfühlsam zu begleiten. Quartini stellt die in durchschnittlichen Aufführungen von "Lucia di Lammermoor“ nur mäßig interessante Begleitung dem Gesang als musikalisches Gleichgewicht gegenüber. Und obwohl der Dirigent das Brio und die Dramatik nicht verschmäht, klingt sein Donizetti in Erl nicht nach einem verwässerten Verdi, weil das Orchester mit knackigen Hörnern, ausdrucksstarken Bläsersoli und warmen Streichern in jeder Sekunde selbstbewusst auftritt.
Die Zukunft des italienischen Operngesangs
Das ist absolut erstklassig. Aber nicht nur mit diesem Fund bleibt Erl auch unter dem seit einem Jahr amtierenden Jonas Kaufmann seinem Erfolgsrezept treu, weniger bekannte, aber vielversprechende jüngere Künstlerinnen und Künstler in ein Festspiel-Schaufenster zu stellen. Das gilt auch für die rundum schlüssige Besetzung der Hauptrollen.

Die aus Katalonien stammende Sarah Blanch ist ein echter dramatischer Koloratursopran. Obwohl sie technisch tadellos singt, steht der Ausdruck im Vordergrund. Einwenden ließe sich allenfalls, dass ihre Wahnsinnsarie zuletzt doch eine Spur zu sehr nach Zerbinetta schmeckt. Da beeindruckt und bezaubert sie mehr, statt zu berühren, wozu auch ein wenig die rekonstruierte Urfassung mit der Glasharmonika beiträgt. Und es liegt auch an der Inszenierung, die weniger Lucias Tragödie herausstellt, sondern eine psychisch Kranke zeigt, die sich für eine Primadonna hält.

Die ein wenig undankbare Tenor-Hauptrolle des Edgardo ist bei Kang Wang in besten Händen. Die Stimme des australisch-chinesischen Sängers hält Schmelz und Metall in ausgewogener Balance, dazu gestaltet er die Melodielinien mit Geschmack. Dass er im Zweifel eher laut wird, stört bei einer feurigen Aufführung wie dieser nicht wirklich. Lodovico Filippo Ravizzas kerniger und zugleich eleganten Bariton ist für Schurkenrollen wie Enrico Ashton ideal. Mit hohen Spitzentönen hat er auch keine Mühe. Francesco Domenico Doto (Arturo), Adolfo Corrado (Raimondo) und Verena Kronbichler (Alisa) runden das makellose Ensemble dieser Aufführung ab.
Wahn und Traum
Weil alle Mitwirkenden ein vielversprechendes Potenzial mitbringen, das auch für die leichtere Verdi-Partien ausrechen würde, braucht man sich nach dieser Aufführung um den italienischen Operngesang keine Sorgen zu machen. Aber es bleibt schwierig, die von einer ziemlich albernen Intrige bewirkten emotionalen Ausnahmezustände und szenischen Eklats dieser Oper auf die Bühne bringen zu müssen.

Insofern ist Regisseurin Louisa Proske ein wenig zu bedauern. Immerhin zeigt sie ein Talent dafür, allzu statische Szenen zu beleben, und sei es mit körperlichen Auseinandersetzungen wie im Finale des zweiten Akts. Ihre Grundidee, alles in Anführungszeichen zu setzen und zu Wahn und Traum zu erklären, wirkt ein halbes Jahrhundert nach Harry Kupfer und Jean-Pierre Ponnelle ein wenig verschlissen. Einzelne Bilder sind stark, wie die Wahnsinnsszene in einem Theater voller Ärzte, anderes, wie der Mix aus Schotten-Romantik und einem Bräutigam aus dem Wilden Westen, scheint ein wenig weit hergeholt (Bühne: Darko Petrovic, Kostüm: Kaye Voyce).

Aber wer geht schon wegen einer Inszenierung in eine Aufführung von "Lucia di Lammermoor“? Da zählt vor allem der Gesang. Und in dem Punkt scheint das an der Brennerroute gelegene Erl in diesen kalten Tagen tatsächlich derzeit der nördlichste und hitzigste Ort Italiens zu sein.
Wieder am 2. und 4. Januar um 18 Uhr im Festspielhaus, ausverkauft. Infos: tiroler-festspiele.de