Interview

Neue Komödie im Volkstheater – Inspiriert von "Tatsächlich… Liebe!"

Hugh Grant meets Arielle: Bonn Park inszeniert im Volkstheater eine romantische Unterwasserkomödie.
| Michael Stadler
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Kaiserin Li (Henriette Nagel) trifft auf den Premierminister Hugh (Vincent Sauer).
Kaiserin Li (Henriette Nagel) trifft auf den Premierminister Hugh (Vincent Sauer). © Foto: Arno Declair

Fragt man Bonn Park danach, ob er eher mit Theater oder Kino sozialisiert wurde, antwortet er sofort: Kino. Und viel Fernsehen hat er geschaut, wobei er sich in seiner künstlerischen Karriere doch erstmal dem Theater zuwandte. Nachdem er Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste studiert hatte, entwickelte sich Park zum Regisseur, der in Zusammenarbeit mit Komponist Ben Roessler einige selbst verfasste, eigenwillige musikalische Stücke auf die Bühne brachte. Parks erste Regiearbeit fürs Volkstheater war die schräg-morbide High-School-Oper "Gymnasium". Jetzt folgt ein romantisch-komisches Musical unter Wasser mit acht Schauspieler*innen und vierköpfiger Band.

AZ: Herr Park, wenn man sich spektakuläre Unterwasserwelten anschauen möchte, schaut man "Avatar 2". Kann da Ihre Inszenierung mithalten?
BONN PARK: Ich habe den Film nicht gesehen, aber wir stecken den bestimmt in die Tasche.

Ihre Inszenierung ist auch eher von "Arielle, die Meerjungfrau" inspiriert.
Ja, und vor allem von "Romcoms" – von romantischen Komödien, die gerade in den Nullerjahren produziert wurden. Unser Stück spielt dabei in einer Unterwasserwelt, in der sich ein Mashup von Elementen vergangener Zivilisationen befindet. Es gibt Säulen, Torbögen, Statuen. Diese Welt am Meeresgrund ist buchstäblich untergegangen und erinnert dabei vor allem an unsere westliche Welt.

Negative Gefühle bestimmen die Figuren

Es herrscht derzeit Untergangsstimmung. Die Figuren in Ihrem Stück sind auch alle müde, als ob sie Burn-Out haben.
Sie sind nicht nur müde, sondern auch vergesslich, sozialscheu, dünnhäutig. Sie haben ständig das Gefühl, das alles nur noch schlimmer wird. Dieses Gefühl begleitet auch mich und viele andere in meinem Umfeld. Wenn man fragt, wie es dem anderen geht, heißt es doch oft: Ich bin müde, ich muss mal allein sein, ich muss mal auf mich selbst hören, ich muss mein Leben völlig umkrempeln.

Und letztlich ändert man doch nichts, weil es wohl zu anstrengend wäre.
Dennoch sind alle konstant unruhig und unzufrieden. Wenn man sich mit Fremden oder im Freundeskreis unterhält, befindet man sich oft schnell auf einem hohen Diskurslevel. Viele Gedanken sind vom Gefühl der Katastrophe angehaucht. Wenn ich aber auf mein Leben schaue, habe ich eigentlich den Eindruck, dass es bisher immer vorwärts ging. Klar, das Leben hat seine Ups and Downs, aber letztlich wird doch alles besser. Dieses Gefühl ist aber jetzt weg.

"Wir wollen das Untergangsgefühl auflösen"

Wofür es Gründe gibt: den Klimawandel, die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine…
Gründe gibt es doch immer. Das Narrativ aber, dass alles nur noch schlimmer wird, ist heute viel stärker präsent. Das bedingt sich gegenseitig: Je mehr ich das Gefühl habe, dass alles den Bach runter geht, desto mehr Gründe werde ich dafür finden.

Sie setzen diesem Pessimismus allein schon im Titel ein positives Gemeinschaftsgefühl entgegen: "Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unterwasser)".
Genau. Wir machen den Versuch, dieses allgemeine Untergangsgefühl aufzulösen, indem man das Alleinsein überwindet, gegenseitigen Kontakt findet, sein Dasein gemeinsam angenehmer gestaltet.

Dabei kommt auch die Liebe ins Spiel. Ist die romantische Komödie ein Gegengift zur Depression?
Ja! Ich habe im letzten Jahr zum ersten Mal "Love Actually" gesehen und fand den Film so schön, dass ich mir noch mehr Romcoms aus den Nullerjahren angeschaut habe. Es ist fast schon schockierend, dass etwas, was gerade mal zwanzig Jahre zurückliegt, so einen ganz anderen Vibe, eine andere Wärme hat. Die Menschen in diesen Filmen sind charmant, nett, einander zugewandt. In "Love Actually" spielt Hugh Grant zum Beispiel den Premierminister von Großbritannien. Er ist ein bisschen clumsy, dabei immer sehr freundlich und zuvorkommend; ein Mensch, der wirklich niemandem etwas Böses will.

"Es gibt einen Freundeskreis, der einen auffängt"

Die männliche Hauptfigur Ihres Stücks heißt nun Hugh, ist Premierminister und stolpert laut Personenregister "über Steine und Worte", ähnlich wie Hugh Grant das in vielen seiner Filme tut.
Wir wollten schauen, was passiert, wenn man gerade heute solche Figuren auf die Bühne stellt. Aus der jetzigen Sehgewohnheit, wo alles so düster erscheint, wirken sie vielleicht fremd, aber sie sind doch sehr sympathisch. Während heute alles moralisch bewertet wird, sind sie gerade nicht moralisch, nicht nachtragend. Wenn jemand einen Fehler macht, ist das in der nächsten Szene meistens vergessen. Und wenn man mal fällt, gibt es immer einen Freundeskreis, der einen auffängt.

Das heißt, Sie werfen keinen ironischen Blick auf das Genre.
Nein, wir nehmen es völlig ernst.

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Und Sie haben keine Angst vor Kitsch?
Überhaupt nicht. Wenn das Genre kitschig ist, müssen auch wir kitschig sein. Da führt kein Weg dran vorbei.

"In Gesprächen entwickeln wir gemeinsam Ideen"

Ihre Arbeitsweise sieht bekanntlich so aus, dass Sie während der Proben an dem Stück schreiben. Beschwert sich da das Ensemble nicht?
Nein, die wissen ja von vorneherein, was auf sie zukommt. In den ersten Probenwochen gehen wir gemeinsam in die Recherche, haben also dieses Mal mehrere Romcoms angeschaut, zum Beispiel "Love Actually", "Notting Hill" oder "My Big Fat Greek Wedding". Aus unseren Gesprächen entstehen Ideen, mit denen alle schwanger gehen können. Dann gehe ich in den Schreibprozess…

… und Ihr Stammkomponist Ben Roessler…
…genau, und so entsteht dann alles "on the fly". Das ist zwar für uns alle sehr fordernd, aber der Vorteil dieser Arbeitsweise ist, dass alles, was bei der Entwicklung des Stückes an Szenen herauskommt, eigentlich keine Überraschung ist, sondern etwas, womit wir uns seit Wochen schon befasst haben.

Auch in der Romcom geht es um das Zusammenfinden von Menschen, die aus verschiedenen Welten kommen. In Ihrem Stück trifft der Premierminister auf Li, die Kaiserin eines fremden Reichs, in deren Namen schon die halbe Liebe steckt...
Auch das ist schön an diesem Genre: die Vorhersehbarkeit. Dass man genau weiß, was passieren wird. Wir sehen die beiden, sie verstehen sich erstmal gar nicht, aber wir wissen schon, dass sie zusammenkommen werden. Sie nähern sich an, dann will oder muss aber die eine Person abreisen; die andere entscheidet sich, mit seinen Freunden doch noch hinterherzufahren, schnell noch zum Flughafen, bevor es zu spät ist… Dann ist man in einer öffentlichen Situation, in der man dem anderen seine Liebe gestehen muss. Das ist so angstbefreit, warm und wholesome - genau nach solchen Gefühlen haben wir gesucht.

"Für mich ist Theater ein Unterhaltungsmedium"

Dabei ist die Romcom ein Kino-Genre. Man könnte dem Theater vorwerfen, dass es ein bisschen Angst vor genau dieser Art von direkter Emotionalität hat.
Das stimmt. Wir merken auch alle, beim Schreiben, Spielen, Inszenieren, dass man immer kurz innehält, wenn es so emotional wird. Man denkt sich, dass ist jetzt kitschig und möchte diesen Kitsch gerne aushebeln, möchte schlauer als das Genre sein. Aber es macht gerade Spaß, sich dem Genre zu unterwerfen und zu sagen, nein, an diesen Filmen ist etwas dran, die machen uns irgendwie glücklich.

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Damit bewegen Sie sich aber auch im durch und durch kapitalistischen Mainstream.
Wenn man so argumentiert, ist doch alles kapitalistisch geprägt. Wir möchten nun mal, dass das, was wir auf der Bühne zeigen, den Leuten gefällt, dass sie sich davon angesprochen fühlen. Theater ist für mich per se ein Medium für Unterhaltung. Es ist kein essayistisches Medium, es ist kein akademisches Medium. Das Theater ist ein Ort, in den man sich hinten reinsetzt und vorne gibt es eine Show. Ich finde, das muss man auf jeden Fall bedienen. Wenn man die Unterhaltung als Tool einsetzt und von vorneherein etabliert, kann man ja auch anfangen, von Dingen zu erzählen, die einem wichtig sind.

Gerade darum dreht sich die aktuelle Debatte ums Theater: wie man die Leute nach der Pandemie wieder in die Zuschauerräume lockt.
Darüber denke ich gar nicht so sehr nach. Aber ich glaube, dass Theater ein ästhetischer Ort ist, wo die Dinge gut aussehen und die Leute sich unterhalten fühlen müssen, auf welche Art auch immer.


Volkstheater, Bühne 1, Premiere 27. Januar, 19.30 Uhr, Restkarten evtl. an der Abendkasse, wieder am 2., 3., 6. und 15. Februar

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