Netrebko kehrt zurück: Dorny erklärt das umstrittene Comeback bei den Münchner Opernfestspielen

Der "Ring des Nibelungen" rundet sich mit "Siegfried", der "Götterdämmerung" und zwei kompletten Zyklen des Opernvierteilers. Der liefert zugleich das Motto der fünften Saison von Serge Dorny an der Bayerischen Staatsoper: "Verging wie Hauch der Götter Geschlecht". Neben Wagner gibt es Premieren mit Werken vom romantischen Belcanto bis zur Gegenwart. Und außerdem kehrt eine so bekannte wie umstrittene Sängerin an die Staatsoper zurück.
AZ: Herr Dorny, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine haben Sie Anna Netrebko ausgeladen. Warum gibt sie bei den Festspielen 2027 einen Liederabend?
SERGE DORNY: Vladimir Jurowski und ich haben uns klar auf die ukrainische Seite gestellt. Diese Haltung steht nicht zur Disposition. 2022 haben wir uns entschlossen Auftritte von Frau Netrebko auszusetzen. Seitdem hat sich einiges geändert: Sie tritt nicht mehr in Russland auf, sie hat sich klar vom Angriffskrieg distanziert und ihre Regimenähe als Fehler bezeichnet. Eine künstlerische Zusammenarbeit innerhalb eines klaren Werteverständnisses ist Ausdruck einer differenzierten Haltung.

Vor über einem Jahr war die Rede, die Prunkräume des Nationaltheaters und die Gastronomie auch tagsüber zu öffnen. Warum dauert das so lange?
Ihre Ungeduld ist meine Ungeduld. Aber die Sache ist komplex: Wir müssen Türen einbauen, den Denkmal- und Brandschutz beachten. Anfang Mai wird freitags von 11 bis 17 Uhr geöffnet sein - betreut von der Abteilung "Community/Kind & Co.
Die Salzburger Festspiele könnten kurzfristig eine neue Leitung suchen. Werfen Sie Ihren Hut in den Ring?
Ich habe einen Vertrag an der Bayerischen Staatsoper und ich würde hier gerne an den begonnenen Projekten weiterarbeiten.
In Salzburg hätten Sie wie in München mit einer Sanierung zu tun. Im Dezember sprach der Kunstminister Markus Blume davon, er unterziehe Sie einem "pädagogisch wertvollen Prozeß", um Sie von Maximalforderungen bei Interimsspielstätten abzubringen. Wie weit ist der Prozess gediehen?
Bei der Sanierung geht es nicht um Maximalforderungen, sondern darum, den Spielbetrieb eines Repertoirehauses zu sichern. Die Bayerische Staatsoper lebt von der Verbindung aus Tradition, Innovation und der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit einem bestimmten Repertoire. Das setzt eine entsprechende Infrastruktur voraus. Die Sanierung des Nationaltheaters betrifft deshalb nicht nur das Gebäude, sondern auch das Orchester, den Chor, die Ballettcompagnie, die Technik, die Werkstätten und alle anderen Mitarbeiter:innen der Bayerischen Staatsoper. Um diese Struktur zu erhalten, muss ich als Intendant den Behörden, den politischen Entscheidungsträgern und der Stadtgesellschaft mitnehmen und immer wieder die künstlerische und wirtschaftliche Bedeutung der Bayerischen Staatsoper und ihres Repertoirebetriebs verdeutlichen.

Seitens der Stadtgesellschaft gab es zuletzt eine Ohrfeige: Der Oberbürgermeister wollte den Zuschuss zum Betrieb der Staatstheater streichen.
Ich kämpfe nach wie vor für diesen Zuschuss und versuche in Gesprächen mit Dieter Rieter, Dominik Krause und Verena Dietl klar zu machen, wie wichtig die Bayerische Staatsoper für den Wirtschaftsstandort München ist.
Am Beginn der Spielzeit steht das "Oper für alle" BMW Classics Konzert im BMW Park. Nach dem gewohnten Rhythmus wäre wieder ein Termin außerhalb von München fällig.
Stimmt. Wir suchen weiter nach geeigneten Orten, aber es ist nicht einfach eine Halle zu finden, die über 4.000 Besucher:innen Platz bietet. Deshalb gehen wir ein weiteres Mal in den BMW Park. Die Solisten sind Diana Damrau und Benjamin Bernheim, und das Bayerische Staatsballett wird dieses Jahr auch mit dabei sein.
Die Spielzeit beginnt mit "Siegfried". Warum steht "N.N." bei der Besetzung der Brünnhilde?
Da gab es ein Problem, das wir in den nächsten Wochen lösen werden. Und für alle Fälle haben wir ein Backup.

Den "Ring" dirigiert Vladimir Jurowski. Wer entscheidet über seine Nachfolge?
Die Nachfolge des Generalmusikdirektors entscheidet Minister Blume.
Mich überrascht Ihr Interesse an englischen Königinnen. Auf "Of One Blood" in dieser Spielzeit folgt die gleiche Figurenkonstellation nun "Maria Stuarda".
Diese Oper von Donizetti war bisher im Nationaltheater nur konzertant zu hören, szenisch nie. Der Gedanke der beiden rivalisierenden Königinnen zieht sich in dieser Spielzeit wie ein roter Faden durch mehrere Projekte: von "Of One Blood" über "Maria Stuarda" bis hin zur "Techno Queen" im Brainlab und einem Musiktheaterprojekt von Lulu Obermayer im Königssaal der Oper.

Als Kent Nagano 2006 Generalmusikdirektor wurde, hieß es, er würde die ein Jahr zuvor von ihm in San Francisco uraufgeführte Oper "Doctor Atomic" von John Adams mitbringen. Aber erst Sie setzen sie auf den Spielplan. Und ohne ihn.
Damit füllen wir eine Repertoirelücke. Amerikanische Opern von Adams oder Philip Glass fehlten bisher in München. Wie "Mazeppa" von Tschaikowsky: Die Hauptfigur ist für die Ukrainer ein Held, für die Russen ein Verräter. Der Regisseur Dmitri Tcherniakov interessiert sich aber mehr für die tragische Liebesgeschichte in Zeiten einer politischen Anspannung.
Dann folgt "Werther" von Jules Massenet mit Jonathan Tetelman. Die Oper steht derzeit auch im Repertoire des Gärtnerplatztheaters. Telefonieren Sie nie mit Herrn Köpplinger?
Josef E. Köpplinger kennt alle unsere Pläne bis 2030.Ich finde es interessant, diese Oper nach Gounods "Faust" herauszubringen.

Das letzte Werk der Saison ist "Death in Venice" von Benjamin Britten.
Diese Oper wurde 1975, bereits zwei Jahre nach der Uraufführung beim Britten-Festival in Aldeburgh im Nationaltheater gespielt - und seitdem nicht mehr. Das Thema ähnelt "Werther": die innere Zerstörung eines romantischen Ideals. Ich empfand das als einen schönen Gegensatz. Außerdem ist Britten neben Janáček und Henze ein zentraler Opernkomponist des 20. Jahrhunderts. Mit Allan Clayton und Etienne Dupuis haben wir, glaube ich, auch eine sehr gute Besetzung.
Bei "Ja Mai!" gibt es zum ersten Mal eine Uraufführung. Ist das eine Konkurrenz zur Münchner Biennale?
Die Bayerische Staatsoper versteht sich nicht als Konkurrenz zur städtischen Musiktheater-Biennale, zumal wir in diesem Jahr bei einer KI-Oper auch mit dem Festival zusammenarbeiten. Hin und wieder wird es aber Auftragswerke und Uraufführungen geben, wie Diana Syrses "Liberty". Außerdem planen wir für 2029 ein neues Werk von Sarah Nemtsov.
Warum kommt "Koma" von Georg Friedrich Haas im Volkstheater heraus?
Die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen ist ein fester Bestandteil dieses Festivals.
Wäre es nicht an der Zeit, nicht einmal die Uralt-Inszenierung von "Madama Butterfly" zu ersetzen?
Ich kann verstehen, dass Ihnen diese Inszenierung nicht gefällt. Aber die Oper ist ein wichtiges, einfach aufzuführendes Repertoirewerk, dessen Ausstattung wenig Platz braucht und leicht zwischen aufwändigeren Inszenierungen gespielt werden kann.
Die Premieren der kommenden Spielzeit
Richard Wagner: Siegfried
Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski, Inszenierung: Tobias Kratzer, mit Benjamin Bruns, Nicholas Brownlee, Matthias Klink (29. Oktober)
Gaetano Donizetti: Maria Stuarda
ML: Antonio Fogliani, mit Vasilisa Berzhanskaya, Nadine Sierra und Iván Ayón Rivas (20. Dezember)
John Adams: Doctor Atomic
ML: Gemma New, I.: Claus Guth, mit Simon Keenlyside, Clive Bayley, Marlis Petersen (4. Februar)
Diana Syrse: Liberty (Uraufführung)
ML: Alexandre Bloch, I: Elsa-Sophie Jach, Opernstudio, 25. April, Cuvilliéstheater
Peter Tschaikowsky: Mazeppa
ML: Daniele Rustioni, I: Dmitri Tcherniakov, mit Vladislav Sulimsky, Alexander Tsymbalyuk, Ekaterina Gubanova, Olga Kulchynska (15. März)
Jules Massenet: Werther,
ML: Karina Canellakis, I: Marie-Ève Signeyrole, mit Jonathan Tetelman, Marina Viotti, Andrzej Filoñczyk (15. Mai)
Richard Wagner: Götterdämmerung
ML: Vladimir Jurowski, I: Tobias Kratzer, mit Benjamin Bruns, Sam Karl, Miina-Liisa Värelä, Alexander Grassauer (27. Juni)
Benjamin Britten: Death in Venice,
ML: Edward Gardner, I: Vasily Barkhatov, mit Allan Clayton, Etienne Dupuis (Prinzregententheater, 16. Juli)