Musikkabarett im Lustspielhaus: Achtung vor dem roten Hering!

Pigor und Eichhorn gaben im Lustspielhaus Nachhilfe in der Kunst der Rhetorik.
| Michael Stadler
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Thomas Pigor (links) und Benedikt Eichhorn.
Thomas Pigor (links) und Benedikt Eichhorn. © Foto: Thomas NItz

München - Bäm! Über die Pandemiezeit hat sich ganz schön was an Energie aufgestaut, gerade bei Pigor und Eichhorn, dem dynamischen Duo, das den Zeitgeist seit 1995 in die gute alte Form des Chansons gießt, in Lieder, die das Label "politisches Musikkabarett" auch verdient haben.

"Das ist kein fucking Stream im Internet"

Ja, Kabarett! Das Wort knallen sie einem im Lustspielhaus gleich mal um die Ohren, Pigor singt, Eichhorn begleitet am Flügel, und nachdem sie Corona verbal den Stinkefinger gezeigt haben, machen sie vehement klar, dass ihr Metier der Live-Situation bedarf: "Das ist kein fucking Stream im Internet - Hallo! Das ist Kabarett!"

Eine Kaskade von neuen Songs

Anderthalb Jahre haben die beiden laut eigener Aussage, neben ausgedehnten Spätfrühstücken, Lockdown-Sofaliegen, Dauer-Konsum von Talkshows und Netflix, an ihrem neuen Programm, dem zehnten, also "Volumen X" getüftelt. Eine Kaskade von neuen Songs bricht auf das Publikum ein, und man würde sich ja fast wünschen, dass mal ein Lied danebengeht, damit es endlich mal was zu kritisieren gäbe.

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Kabarett als ewiger Jungbrunnen

Aber nein, die beiden haben nichts an Originalität und Sprachwitz verloren, alles groovt und funkelt, obwohl sie doch langsam in ein Alter kommen, wo die Kräfte nachlassen müssten. Benedikt Eichhorn nähert sich der 60 und bedient den Flügel weiterhin virtuos, mit Furor, etwa, wenn er singt, dass er Musicals hasst (und dabei schönste Musicalharmonien spielt).

Thomas Pigor ist schon etwas drüber, aber wie er beim Singen tänzelt, den Rhythmus mitstampft, die Gitarre klopft, ja, wie er bei "It's politics, stupid!" eine luftig-leichte Steppeinlage hinlegt, ist Beweis genug dafür, dass Kabarett ein ewiger Jungbrunnen ist.

Von Endzeit-Omas und Endzeit-Opas handelt ein Song, von Menschen also, denen es völlig wurscht ist, ob im Jahr 2070 die Welt untergeht, weil sie dann eh schon tot sind. Die Folgen des Klimawandels dürfen andere, haha, nämlich die Jungen von heute eines Tages ausbaden.

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Nicht ans Aufhören denken

Dass in die Jahre gekommene, im Analogen wie Digitalen (!) erfahrene Arbeitskräfte selten gewürdigt werden, möchten Pigor und Eichhorn nicht wahrhaben: "Halt! Du darfst nicht einfach so in Rente gehen!", beschwört Pigor eindringlich all jene, die ans Aufhören denken, und klingt dabei so wie Konstantin Wecker in seinen besten Tagen.

Die Kunst der Rhetorik

In die Kunst der Rhetorik haben sich Pigor und Eichhorn für ihr neues Programm vertieft, Schopenhauers Rechthaber-Tipps und das rote Büchlein "Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren" haben sie im Gepäck und fühlen sich bemüßigt, ihrem Publikum zwischen den Songs verschiedene rhetorische Kniffe beizubringen.

Zwischen Ernst und Ironie

Einen Satz "ad nauseam" zu wiederholen, bis der andere kotzen muss oder ihn glaubt, darin war zuletzt Donald Trump ein Meister. Einige Ablenkungsmanöver, zum Beispiel den "Red herring", führen Pigor und Eichhorn anschaulich vor und verstehen sich insbesondere im Stilmittel der Ironie. Wobei man manchmal gar nicht weiß, wo der Ernst aufhört und die Ironie beginnt.

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Ein Plädoyer für "political correctness" legt Pigor in Form eines Protestsongs der 70er hin; zuvor hat er gegen "racial profilings" singend protestiert: "Ich finde es nicht korrekt, wenn man mich diskriminiert, weil man am Bahnhof immer nur die Schwarzen kontrolliert. Kontrollier mich, ich bin von hier!"

Auch das Gendern ist Thema

Und ja, auch über das Gendern machen sich die beiden lustig, aber vielleicht ja auch über all jene, die sich über das Gendern lustig machen? Jedenfalls haben sie einen ganz pragmatischen Tipp: Anstatt sich mit Glotisschlag und Gendersternchen zu quälen, könne man doch das plattdeutsche Plural-S zum Einsatz bringen. Anstatt "Wir gehen zu den Lehrer*innen" also "Wir gehen zu Lehrers". Tolle Idee!

Unter den Kabarettistens gehören Pigor und Eichhorn weiterhin zu den Besten: perfekt gedrechselte Sprachkunst, herrliches Flügelspiel, feine Chansons am Puls der Zeit. Bitte ja niemals in Rente gehen!

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