Münchner Philharmoniker: Prolog einer Ausnahmesaison

Die Münchner Philharmoniker eröffnen unter Valery Gergiev ihre Saison, das Münchener Kammerorchester ist schon beim dritten Konzert angekommen.
| Robert Braunmüller
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Clemens Schuldt dirigiert, das MKO spielt und Jeroen Berwaerts bringt sein Instrument mit Dämpfern zum Singen.
Clemens Schuldt dirigiert, das MKO spielt und Jeroen Berwaerts bringt sein Instrument mit Dämpfern zum Singen. © Florian Ganslmeier

Fröhliche, festliche und elegante Musik werde es geben, um die konzertlosen Monate der Corona-Pandemie vergessen zu machen, verkündete Valery Gergiev vor der Saisoneröffnung der Münchner Philharmoniker im Gasteig. Und er machte seine Worte wahr. Nach der "Unvollendeten" des ewig traurigen Franz Schubert überraschte der Chefdirigent mit der "Fledermaus"-Ouvertüre von Johann Strauß als Zugabe - als sei bereits Silvester und das ärgerliche Jahr endlich vorüber.

Die Philharmoniker spielen zwar noch immer nicht in voller Streicherbesetzung. Aber anders als im Juni, beim ersten Konzert nach der Zwangspause, tönte das Orchester wieder so satt und dunkel, wie es seinem Klangideal entspricht. Das passt zwar nicht ganz zum lichten Strahlen, mit dem Janine Jansen das Violinkonzert von Mendelssohn interpretierte, weil aber dieser Widerspruch fast allen Aufführungen dieses Werks mit großem Orchester innewohnt, stört es nicht wirklich, dass hier nur einer rustikalen Tradition gehuldigt wird.

Gergiev und das Versprechen von Eleganz

Bei der von Gergiev sonst auffallend behäbig genommenen "Symphonie classique" von Prokofjew bewahrheitete sich das Versprechen von Eleganz so weit wie möglich. Weil den Philharmonikern das Tragische und die Melancholie doch am besten liegt, hinterließen die beiden im Tempo aneinander angenäherten Sätze der "Unvollendeten" trotzdem den stärksten Eindruck. Die "Fledermaus"-Ouvertüre verwies mit rustikalem Charme eher in Richtung Theresienwiese als nach Wien. Dass dieses Konzert aus zuletzt gespielten Werken zusammengesetzt war, störte nicht. Es gehört zur Methode Gergiev, Interpretationen im Konzert und in Wiederholungen ausreifen zu lassen.

Der Pragmatismus der Münchner Philharmoniker stört auch nur, wenn man zuvor um 18 Uhr in der Sendlinger Himmelfahrtskirche das dritte Konzert der Prolog-Reihe des Münchener Kammerorchesters besucht hat. Denn die Musiker um ihren Chefdirigenten Clemens Schuldt haben ein echtes Corona-Format entwickelt: Die Konzerte dauern ohne Pause nur eine Stunde, die musikalische Dichte hinterlässt aber nie den Eindruck einer Notlösung.

Kammerorchester mit Werken des 20. Jahrhunderts

Vor einer Woche gab es Mozarts im Normalbetrieb extrem sperrige "Gran Partita" für 12 Bläser, nun folgte ein typisches Konzert des Münchener Kammerorchesters mit Werken des 20. Jahrhunderts und einer Haydn-Symphonie. Und wieder zeigte sich, dass unterhalb der Groß-Besetzung eines normalen Symphonieorchesters eine ganze Menge selten gespielter Musik mit dem Gewicht von Hauptwerken existiert.

Auf die sich langsam verdichtende Klangflächenkomposition "Natura Renovatur" für 18 Streicher von Giacinto Scelsi folgte eine teilweise originell den Orgelklang nachahmende Instrumentierung zweier Sätze aus Bachs "Kunst der Fuge" von George Benjamin. Die Stelle des Solo-Konzerts vertraten die ruppigen Steigerungen von "Voyage VII" für Trompete, Streicher und Schlagzeug von Toshio Hosokawa, bei dem der Widmungsträger Jeroen Berwaerts sein Instrument mit Dämpfern zum Singen brachte.

Joseph Haydn zum Abschluss

Zum Abschluss dirigierte Clemens Schuldt eine historisierend gepfefferte Interpretation der "Feuersymphonie" Nr. 59 von Joseph Haydn. Die leichte Überakustik der Himmelfahrtskirche sorgt für eine Intensität, die im Gasteig unerreichbar ist. Die Programme des Münchener Kammerorchesters erzählen in ihrer Verdichtung mehr als andere Konzerte mit doppelter Länge. Weniger ist eben oft auch mehr, und zwar sowohl bei der Dauer wie der Zahl der Musiker.

Nur bei den Zuschauern gilt das nicht: Bei den gegenwärtig 500 zugelassenen Besuchern im Gasteig wird das berechtigte Sicherheitsbedürfnis noch immer übererfüllt.


Münchner Philharmoniker: wieder am Freitag (20 Uhr), Samstag (19 Uhr) und Sonntag (11 Uhr) unter Krzysztof Urbanski
Münchener Kammerorchester: mit Nicolas Altstaedt (Cello) ebenfalls Freitag, 18 und 20 Uhr, Himmelfahrtskirche, Karten: Münchenticket und m-k-o.eu

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