Münchner Kammerspiele: Macht euch frei!

Beim Eröffnungsreigen zu Beginn ihrer Intendanz an den Kammerspielen setzt Barbara Mundel klare Zeichen.
| Michael Stadler
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Menschen in Plastik in der Performance "Habitat/München" von Doris Uhlich in der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele.
Sigrid Reinichs/Kammerspiele Menschen in Plastik in der Performance "Habitat/München" von Doris Uhlich in der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele.

Wohin soll man nur schauen, wenn frontal vor einem ein nackter Mensch steht? Natürlich in einem gewissen Abstand, aber dann doch so, dass der Blick an diesem Körper kaum vorbeikommt. Und das Gegenüber schaut zurück. Was geht in diesem vor, wie fühlt sich der andere in dieser Begegnung?

"Habitat/München" in der "pandemic version"

Allein schon mit dem Anfang ihrer Performance "Habitat/München", deren "pandemic version" nun uraufgeführt wurde, macht Doris Uhlich ein Spiel der Blicke auf, erzeugt Gedanken über die Lust am Schauen und am Sich-Zeigen, aber auch über die eigene Scham und die Scham des anderen. Im großen Rechteck sitzen die Zuschauerinnen und Zuschauer an den Rändern der Spielhalle der Kammerspiele, die jetzt Therese-Giehse-Halle heißt. Ein Rechteck der Performerinnen und Performer steht vor ihnen. Hinter diesen öffnet sich der leere Raum, den sie dann mit ihren Leibern, ihren Bewegungen füllen werden. Diese sind zunächst ruhig und einfach: ein Schreiten auf eine andere Position, ein Sich-Hinlegen, gemütlich lehnend am Boden, in embryonaler Stellung wie zum Schlaf.

So simpel das alles ist, so mit Spannung gefüllt ist die Atmosphäre im Raum. Jene Happenings, die der US-amerikanische Fotograf Spencer Tunick mit nackten Menschen im öffentlichen Raum veranstaltet, kommen in den Sinn; auch Doris Uhlich arbeitet immer wieder mit Laien und lässt sie unbekleidet in Erscheinung treten. Ihre "Fetttanztechnik" hat sie in München schon bei der Tanzwerkstatt Europa in Workshops gelehrt und konnte sich nun wohl sicher sein, dass sich für dieses Projekt Freiwillige finden würden. Nackt sein klingt befremdlich, aber auch nach Schamüberwindung, einer Befreiung.

Fleischliche Präsenz des Körpers im Raum

Was man hier loswerden kann, auf Performer- wie Zuschauerseite, ist die Vorstellung perfekter, altersloser, photogeshoppter Körper, die einem in den Medien, in Hochglanz-Magazinen, in der Pornografie eingetrichtert werden. Um Erotik geht es bei Uhlich nicht, sondern um die fleischliche Präsenz des Körpers im Raum, wie er sich zu eingespielter Musik in der Gruppe, gleichsam individuell bewegt, wie das Fett auf den Knochen in Vibration gebracht werden kann, die elektronischen Beats als Taktgeber. Es zuckt und schwabbelt bei Uhlich, dass es eine wahre Freude ist. Der Körper selbst wird hier wieder zum Habitat, zum Wohnort für das selbstbestimmte Ich. Und da hier kaum jemand einen völlig durchtrainierten Body hat, ist das Identifikationspotential hoch. Man möchte mittanzen.

 

Eine beliebige Tanzorgie als Ersatz für Corona-bedingt ausfallende Clubabende ist das jedoch nicht. Uhlich hat mir ihrem Team unter dem neuen Diktat des Sicherheitsabstands geprobt, hat einzelne Partikel zu einer Performance zusammengebaut, die schlüssig von einer Station zur nächsten führt: vom Stillstand zur ruhigen Bewegung zum ekstatischen Tanz, vereinzelt, jedoch stets in der Gruppe. Auch die Grenzen des Raums werden immer mehr erkundet, das Team begibt sich eine Etage höher, rüttelt an den Geländern, tanzt über den Köpfen des Publikums weiter. Um dann wieder herunter zu kommen und jeweils in Schutzanzüge zu steigen, die mehr Nähe untereinander möglich machen.

So rücken sie zu einer Masse zusammen, das Plastik zum Schutz vor Viren dicht an dicht. Zwei treten aus der Gruppe aus, gehen auf Distanz, rennen aufeinander zu, lassen die Körper aufeinanderprallen, eine heftige Umarmung. Im Grunde führt Uhlich das wortlos weiter, was Falk Richter einen Tag zuvor mit "Touch" im Schauspielhaus tänzerisch, aber auch im ausufernden Diskurs thematisierte: die Isolation im digitalen Zeitalter, noch mal verstärkt durch die Pandemie, die Sehnsucht nach Kontakt, nach gegenseitiger Berührung. Wenn die sich beherzt hingebenden Performerinnen und Performer von Uhlich am Ende zu ihren Ausgangspunkten zurückkehren und sich aus ihren Schutzanzügen schälen, fühlt man sich ihnen als Betrachter wesentlich näher als am Anfang. Die Blicke sind offener.

 

"What is the city?" am Odeonsplatz

Der Plan von Barbara Mundel und ihrem Team, die Kammerspiele zur Saison-Eröffnung als Ort der Begegnung für die ganze Stadt zu etablieren, für Profis und Laien, geht mit diesem Projekt berührend auf. Sicherlich wäre es auch schön gewesen, 150 Münchnerinnen und Münchner auf einem Laufsteg auf dem Odeonsplatz flanieren zu sehen und mehr über ihre Einstellungen zur Stadt zu erfahren. Das Format "What is the city but the people?” nach einer Idee des britischen Künstlers Jeremy Deller eröffnete das Manchester International Festival 2017 und markierte den Auftakt der Ruhrfestspiele 2019, konnte aber wegen der Pandemie jetzt nicht ohne Weiteres nach München weiter wandern.

Zumindest fand am Samstag unter dem Titel "What is the city?" ein Happening am Odeonsplatz statt, unter der konzeptionellen Obhut von Gina Penzkofer und Verena Regensburger. Den Laufsteg gab es, zahlreiche Fotos von Einheimischen, darunter Katrin Habenschaden, wurden gemacht, eine Band spielte gut gelaunten Afro-Pop, man durfte sich auf Postkarten zu Fragen rund um die Stadt äußern. Ein Großteil der 150 Münchnerinnen und Münchnern wurde bereits interviewt, viel Material ist also da: "What is the city but the people?" wird hoffentlich eines Tages in aller Breite stattfinden können.

Julia Häusermann: "Ich bin's Frank"

Im Rahmen dieses Eröffnungs-Wochenendes trat zudem Julia Häusermann auf: solo auf der Bühne des Schauspielhauses, umgeben von Felsen, die wohl für Häusermanns Schweizer Heimat stehen sollen, für ihre Verbundenheit zur Natur, wobei die junge Schauspielerin, Ensemblemitglied der integrativen Theatertruppe Hora, hier vor allem in die Pop-Kultur eintaucht.

"Ich bin's Frank", erklärt sie immer wieder, so lautet auch der Titel dieser von Nele Jahnke inszenierten Performance. Gemeint ist damit Frank Levinsky aus der Vorabendserie "Verbotene Liebe", dessen Identität Häusermann kurzerhand übernimmt, weil das im Theater einfach mal behauptet und geglaubt werden kann. Ebenso begeistert geht sie auf der Bühne ihrer Liebe zu Schlagern und Songs wie "Chandelier" nach.

Es ist eine nicht wirklich abendfüllende Performanceparty voller Musik und Videos, zu der sie alle freimütig einlädt.Wenn sie mit der Trillerpfeife in der Hand Einzelne aus dem Publikum auffordert, ein paar ihrer Bewegungen nachzuahmen, hat das viel Charme: Nach Häusermanns Pfeife tanzt man gerne. Übliche Leistungskriterien setzen bei "Ich bin's Frank" aus; und sollen ausgesetzt werden.

Hier geht es um einen Akt der Zugänglichmachung und der Selbstermächtigung. Auch ein Mensch mit geistiger Beeinträchtigung kann im Schauspielhaus der Kammerspiele ein Solo bestreiten. Ob man das als übermäßig politisch korrekte Geste empfindet oder zum Anlass nimmt, sich gewisser Vorstellungen zu entkleiden und sich darauf einzulassen, sei jedem selbst überlassen.


"Habitat/München": Therese-Giehse-Halle, Di, 20 Uhr; Do und Fr, 18 und 21 Uhr; So, 20.30 Uhr; "Ich bin's Frank": Schauspielhaus, 24.10., 20 Uhr; Karten: Tel. 089 233 966 00; www.muenchner-kammerspiele.de

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