Molière in Salzburg: Hip‑Hop, Emojis und ein Publikum als Crowd

Ganz ehrlich, ganz authentisch sein und mit seiner Performance womöglich auf die Wertesysteme der anderen abfärben - das mag nicht nur die Hoffnung von Alceste sein, dem „Menschenfeind“ von Molière, sondern dieser Gestus der Aufrichtigkeit gehört auch zum kapitalträchtigen Arsenal heutiger Pop- und-Social-Media-Stars. Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters hat sich das Publikum noch gar nicht komplett in den Sitzen eingefunden, da tritt schon Oronte auf, der Gegenspieler von Alceste, in der Inszenierung von Jette Steckel ein Hip-Hopper, der gleich mal ein paar Songs zum Besten gibt.
Die Hamburger Indieband Uwe hat für dieses Molière-Update extra ein paar Texte geschrieben, Matthias Jakisic hat sie gekonnt vertont und sitzt selbst am Bühnenrand mit seiner Klangstation, spielt mitunter E-Geige und besorgt insgesamt den atmosphärischen Soundtrack für den Abend.
Das Ganze ist dezidiert eine Show: Den Pariser Salon, in dem Molières 1666 uraufgeführte Komödie spielt, hat Bühnenbildner Florian Lösche in eine effektvolle Leuchtkasten-Arena verpflanzt, die von zwei Seiten einsehbar ist. Das Publikum sitzt einerseits im Zuschauerraum des Landestheaters, andererseits auf einer Tribüne hinter der Bühne, wodurch man sich gegenseitig beim Zuschauen beobachten kann. Sehen und Gesehenwerden, klar, das ist nicht nur das Motto der Pariser Gesellschaft zu Molières Zeiten, sondern macht auch den Reiz der Salzburger Festspiele aus.
Wobei man vor allem eine schöne Oberfläche präsentieren will und gerne über das klatscht und tratscht, was bei den anderen gerade los ist. Was im eigenen Innern geschieht, geht jedoch niemand was an. Oder doch?
Fabelhafte Sprachmusik
Der Hip-Hopper Oronte, den Ole Lagerpusch mit einer Verve und Rap-Sicherheit spielt, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte, ist ein Selbstdarsteller, der seine Gefühle scheinbar ohne Hemmung offenbart: „Komm du zu mir heute Nacht, bin allein, und ich liege noch wach“, singt er, was eine klare Ansage an das Gegenüber ist. Wenn Oronte das solide eingesessene Salzburger Publikum zum Aufstehen animiert, erheben sich tatsächlich fast alle von den Sitzen, schwingen die Arme, bilden eine prächtige Crowd.

Die Sehnsucht nach Kontakt eint wohl alle Menschen, aber wer seinen Platz in der Gesellschaft haben will, sollte strategisch klug denken und gezielt seine Ansichten preisgeben. Den Bogen zum geglätteten Social-Media-Heute schlägt Jette Steckel auch im zweiten, kürzesten Teil ihrer Inszenierung, wenn auf halbdurchsichtiger Gaze diverse Bausteine digitaler Kommunikation aufpoppen, etwa jene drei Punkte, die signalisieren, dass da jemand was schreibt. Matthias Jakisic musiziert dazu und tut so, als ob er sich mit der Untermalung der leer bleibenden Textnachricht-Blöcke schwertut. Tja, Dialog ist nicht leicht.

Das Scheißhaufen-Emoticon und der Kotz-Smiley sind wohl zeitgemäße Ausdrucksformen für das, was Alceste von seiner Umgebung vorwiegend hält. Nach dem zweiteiligen Vorspiel wird Molières Stück beachtlich textgetreu gespielt, in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel, dem verstorbenen Vater von Jette Steckel, die mit dem Dramaturgen David Heiligers eine konzentrierte Spielfassung erstellt hat.
Man färbt aneinander ab
Das Ensemble macht fabelhafte Sprachmusik; Molières Alexandriner, teils gereimt, dringen präzise ins Ohr. Sowohl auf der inhaltlichen wie ästhetischen Ebene geht es um Klarheit, darum, wie viel Transparenz in den Beziehungen möglich und überhaupt erwünscht ist, ja, wie viel Farbe man bekennen möchte. Optisch sind alle überdeutlich klar gehalten: Jede Figur hat ihre Farbe (Kostüme: Pauline Hüners), was jeweils etwas von einer Rüstung hat, welche die Kombattanten in ihren Gesprächsgefechten tragen.

Dabei bleiben mitunter Farbpartikel des einen Kostüms am anderen hängen: Man färbt gegenseitig aufeinander ab. Und auch die Lichtquadrate der Arena wechseln die Stimmung, je nachdem, welcher Charakter, welche Couleur gerade die Szene dominiert. Alcestes Freund Philinte, von der hinreißenden Barbara Nüsse mit aufrechter Anteilnahme an allem, was sie sieht, gespielt, ist zum Beispiel ganz in ozeanisches Blau getaucht. Der zum Neid neigende Marquis Acaste (Cino Djavid) trägt indes Gelb, während sein Marquis-Kumpel Clitandre (Camill Jammal) als Mann in Lila auftritt, der bei einer gewitzt gereimten Selbstpreisung gar Molière übertreffen will.

Acaste und Clitandre kämpfen um die Gunst von Salonlöwin Célimène, deren Kostüm in recht fahles Gelb getaucht ist und die sich lustvoll mit ihren Verehrern in der Kunst des Verrisses übt. Das Salzburger Publikum wird schnurstracks ins Spiel eingemeindet: Célimène und ihre Schranzen sprechen einzelne Zuschauer als Vertreter der Pariser Gesellschaft an und machen sich über deren Charakterfehler lustig.
Und wer liebt, liebt auch die Fehler des anderen
Niemand ist perfekt, und alle wissen das nur zu gut. Jette Steckel und ihr Team bemühen sich beständig darum, das Publikum ins Geschehen einzubinden. So schenkt das Ensemble beiden Publikumsseiten gleichmäßig Aufmerksamkeit, mit gelegentlichen Ausflügen in die Sitzreihen. Schließlich geht es ja auch um „uns“, um eine Gesellschaft der narzisstisch-verzweifelten Selbstdarsteller und Kontaktsuchenden, ums Menschliche an sich, in dem sich eine ganze Farbpalette an ambivalenten Eigenschaften findet.

Als Célimènes Cousine Éliante gibt Cathérine Seifert eine einnehmend beherzte Figur in Rot ab, die sich einmal sprachmächtig im „positive thinking“ übt, wenn sie aus jedem Makel eine potenzielle Stärke macht. Wer etwa labert, hat nun mal viel zu zeigen… Und wer liebt, liebt auch die Fehler des anderen. Dass der verstockte Alceste sich ausgerechnet in die verspielt-verlogene Célimène verliebt hat, ist eine Ironie des Schicksals, die genauso heiter wie fatal ist. André Szymanski spielt die Tragikomik seiner Figur wunderbar aus - er macht aus Alceste einen kauzigen Außenseiter, der dem dichtenden Oronte allzu ehrlich die Meinung sagt, deswegen einen Prozess verliert und doch manches Zuschauerherz gewinnt.
Mindestens ebenbürtig, wenn nicht zentraler an diesem Abend ist Célimène, von Maja Schöne als selbstbewusste, „starke“ Frau gespielt, wobei „stark“ ja schon wieder ein überstrapaziertes Klischee ist. Mit Arsinoé (Lisa Hagmeister) liefert Célimène sich ein furioses Wort-Battle ab - Musik: Matthias Jakisic, Text: Molière - und so hart die beiden Frauen sich angehen, so solidarisch verbunden wirken sie dabei.

Wenn Célimène am Ende für sich postuliert, dass sie eine Frau sein will, aber auch ein Mann, gebunden, aber gleichzeitig frei, so hallt diese Botschaft überklar durchs Salzburger Landestheater. Man hat schon verstanden: Die Frauen wollen freimütig lieben, die Männer hängen hingegen am alten Besitzdenken. Dabei wäre es wirklich nicht schlecht, wenn der ein oder andere spannende Gedanke abfärben würde.
Salzburger Landestheater, bis 28. August, evtl. noch Karten unter www.salzburgerfestspiele.at