Mit Hindenburg und Hitler: Die KI-„Walküre“ in Bayreuth

Schon früh hat einer der Erfinder-Väter vorausgesagt, dass Künstliche Intelligenz alles verändern wird: wie zuvor die Elektrizität. „150 Jahre Ring-Uraufführung in Bayreuth“ bietet einen Anlass: Ein mindestens achtköpfiges Team soll dort zeigen, was KI mit einem herausfordernden Werk wie der Tetralogie auf der Bühne leisten kann.
Der erste Werkteil brachte die Enttäuschung, dass im „Rheingold“ die vielfältigen Schauplätze und ein neues, macht-basiertes Herrschaftssystem visuell nicht innovativ gezeigt wurden. In der „Walküre“ musste nun bewältigt werden: der Zusammenbruch dieser Weltordnung und mehrfach übermenschlich große Emotionen.
Das gelang letztlich nur musikdramatisch. Wagners Entschluss, eine Weltrettung durch die ungeheuerlichste Form der Liebe, den künstlerisch überwältigenden Inzest eines Zwillingspaares zu gestalten, sorgt normalerweise aus musikalischen Gründen für Begeisterungsstürme im Publikum.
Musikalisch überzeugendes Steh-Theater
Die dafür komponierten außerordentlichen Gefühle breitete Dirigent Christian Thielemann zunächst eher zurückhaltend aus. Klaus Florian Vogts hellem Siegmund-Tenor gelangen die „Wälse“-Rufe mühelos - auch wenn es für ihn auf der weiterhin leeren Bühne weder Baum noch Schwert gab. Die Sieglinde der inzwischen an der New Yorker Met reüssierenden Elza van den Heevers stellte vor allem große, leuchtende Sopran-Töne aus. Das von Thielemann mit dem zuletzt doch glutvoll aufspielenden Festspielorchester entfachte Liebesfeuer sorgte für den obligatorischen Jubel aus, wenn auch für erstaunlich kurzen.

Der Welt-Stratege Wotan von Michael Volle war im zweiten Aufzug nur durch das musikalisch vielfach wiederholte Motiv mit einem Speer versehen. Auch die Brünnhilde von Camilla Nylund konnte waffenlos nur mit souverän strahlenden „Hojotoho“-Rufen beeindrucken. Volles überlegte Textbehandlung ließ sein Scheitern an der eher text-undeutlichen Fricka von Anna Kissjudit, dann seine große, selbstzerstörerische Lebensabrechnung und sein letztes Auftrumpfen zur spannenden Obduktion eines Scheiterns werden.

Seit Cheréaus „Jahrhundert-„Ring“ von 1976 wird die Mord-und-Trauer-Szene Wotans am und um Sohn Siegmund oft erschütternd inszeniert - gefolgt von der Auslöschung des finsteren Gegners Hunding (zu Steh-Randrolle verkleinert Kika Kares). Alles das fand mit wenigen Schritten hin und her als Steh-Theater statt.
Leerlaufende Projektionen
Vom „Walküren-Ritt“ an entfachte Thielemann dann dramatisch fulminantes Musiktheater: Frontal schlicht aufgereihter Walküren-Power-Gesang, Sieglindes glühende Abschiedsüberwältigung, der schmerzlich lange Trennungskampf von Vater und Lieblingstochter… von feinem Piano bis zum voluminös aufgetürmten Tutti - alles gelang.

Trotzdem scheiterte die Aufführung szenisch: erneut eine nie mit Handlung, Ort oder Emotion deutend oder expressiv oder innovativ beeindruckender Projektionsflut. Leerlaufend leicht verfremdete Fotos aus früheren Inszenierungen, von Thomas Mann, Wilhelm I. und anderen - hochbefremdlich plötzlich Hitlers Handschlag mit Hindenburg, einer seiner Märsche vor NS-Größen und ein Stahlhelm-Meer auf dem Münchner Königsplatz.
So drauflos darf KI einfach auswählen? Programmierungs-Dummheit? Prompt kurzer Sängerjubel - und dann raus aus dem Nicht-Festspiel.