Mirjam Loibl über Franz Kafkas „Der Bau“ am Volkstheater

Mirjam Loibl debütiert mit der Inszenierung von Franz Kafkas „Der Bau“ als Regisseurin am Volkstheater
| Mathias Hejny
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"Der Bau" nach Kafka im Volkstheater.
Arno Declair "Der Bau" nach Kafka im Volkstheater.

Einer der eigentümlichsten Texte der zeitlich nach vorne verrutschten aktuellen Spielzeit des Volkstheaters hat heute auf der Großen Bühne Premiere. Franz Kafka schrieb „Der Bau“ 1923 oder 1924. Das erst 1931 postum veröffentlichte Werk hat nichts zu tun mit dem gleichnamigen Stück von Heiner Müller und blieb unvollendet. Es ist eine knappe Erzählung, in der ein unterirdisch lebendes Tier weitschweifig bis paranoid Auskunft über sein Leben gibt. Damit gibt die junge Regisseurin Mirjam Loibl ihr Debüt an der Brienner Straße.

AZ: Frau Loibl, wie haben Sie die ersten fünf Monate der Corona-Krise verbracht?
Mirjam Loibl: Ich hätte eigentlich eine andere Produktion am Volkstheater gehabt. Das wäre die Deutsche Erstaufführung von „Pussy Sludge“ von Gracie Gardner gewesen. Dann habe ich am Mozarteum in Salzburg und an der Theaterakademie August Everding unterrichtet. Ich habe da kleine Monologe gemacht – mit Abstand. Das waren Arbeiten, die ich sonst nicht gehabt hätte. So gab es für mich keine Einbußen. Eine Weile war ich auf dem Land, wo ich herkomme, und habe mich ein wenig aus der Stadt zurückgezogen. Aber insgesamt war man schon sehr auf sich zurückgeworfen.

Ihre ländliche Herkunft, die Sie erwähnten, ist Grafenau. Wie kommt man in Bayerns fernem Osten so intensiv mit Theater zusammen?
Ich hatte zur Schulzeit nichts mit Theater zu tun. Später studierte ich Anthropologie in Bern. Dort hatte ich eine Freundin, die Theaterwissenschaft mit dem Schwerpunkt Tanz studierte. Sie schleppte mich auf viele Veranstaltungen mit. Da habe ich Blut geleckt. Meinen Wunsch, Regisseurin zu werden, traute ich mich noch nicht zu erfüllen und wechselte zur Theaterpädagogik. Aber ich stellte bald fest, dass es das auch nicht ist und ich Regie machen will. Ich entschied mich über den klassischen Weg einer Assistenz am Residenztheater. Es gab dort bei Martin Kusej das Nachwuchsfestival „Marstallplan“, wo ich meine ersten Arbeiten „Foxfinder“ und „Begehren“ zeigen konnte.

Gab es während dieser Zeit Regisseure, die Sie besonders beeindruckten oder sogar prägten?
Es gab eine Inszenierung von Ivan Panteleev. Das war „Philoktet“ mit Aurel Manthei, Franz Pätzold und Shenja Lacher und die hat mich wohl am meisten geprägt. Ich fand diese Arbeit extrem spannend. Es war toll, wie an den Text von Heiner Müller herangegangen wurde. Da habe ich sehr viel gelernt.

Ein anderer Regisseur, bei dem Sie in München assistierten, war Frank Castorf.
Es war sehr aufregend, beim Probenprozess dabei zu sein, denn bei Castorf ist alles anders. Da gab es magische Momente, in denen man sich fragt: Wie macht er das? Das ist schon sehr stark an seine Person gebunden. Aber auch das geht nur, wenn die Schauspieler sich voll hineinwerfen und das vom ersten Tag an.

Der Text, den Sie jetzt inszenieren, hat auf den ersten Blick wenig Theatralisches und spielt in der unterirdischen, labyrinthischen Behausung eines vom Autor nicht näher definierten Tiers. Was hat Sie dazu gebracht, das auf die Bühne zu stellen?
Ich arbeite immer eng mit meinem Team zusammen. Wir haben uns intensiv ausgetauscht, wie es uns in den letzten Wochen gegangen ist und über die Themen, an denen wir zu knabbern haben. Ich glaube, es war zuerst mehr ein Spaß zu sagen: Lass uns doch Kafkas „Der Bau“ machen, das wäre es jetzt.

Was für ein Tier ist das überhaupt, mal ganz einfach zoologisch gefragt?
Es gibt in „Brehms Tierleben“ eine Beschreibung über den Dachs und es wird gemutmaßt, dass Kafka die gelesen hat. Wir haben uns auf einen Dachs geeinigt.

Und was für ein Typ ist er?
Er ist sehr selbstgefällig und zufrieden, auf der anderen Seite aber auch schizoid, paranoid und psychotisch. Er ist ein Kontrollfreak, der versucht, alle Unsicherheiten des Lebens auszuschalten. Er vertraut niemandem und hat sich entschieden, dass es besser ist, alleine zu sein. Er kreiert Feindbilder und definiert sich über das Anderssein.

„Der Bau“ ist der Monolog eines Einzelgängers im „besten Mannesalter“, wie er es selbst einschätzt. Sie haben die Produktion mit drei Personen besetzt und eine davon ist eine Frau.
Die Sache mit dem „besten Mannesalter“ konnten wir außen vor lassen, da das Ensemble im Volkstheater sehr jung ist. Wir wollten außerdem sagen, dass hier nicht nur das männliche Geschlecht gemeint ist. Es geht nicht um eine geschlechtliche Zuordnung, sondern dieses Wesen soll in seiner ganzen Ambivalenz durch die Besetzung mit drei unterschiedlichen Typen zum Ausdruck gebracht werden. Wenn man will, kann man sehen, dass der eine der eher optimistische Leugner ist, der andere der Theoretiker und die Dritte diejenige ist, die mit dem Kopf durch die Wand geht.
  
Münchner Volkstheater, Premiere heute, 20.30 Uhr auf der großen Bühne. Auch am Samstag, Sonntag, 12. August, 20.30 Uhr, 19. August, 1. September, 20 Uhr, Karten unter Telefon 5234655

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