Metropoltheater München: Das Nilpferd, das Leiden und ich

Gil Mehmert adaptiert Joachim Meyerhoffs Bestseller-Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" im Metropoltheater.
| Michael Stadler
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Joachim Meyerhoff (James Newton) bedient seine gut eingepegelten Großeltern (Thorsten Krohn und Lucca Züchner).
Jean-Marc Turmes Joachim Meyerhoff (James Newton) bedient seine gut eingepegelten Großeltern (Thorsten Krohn und Lucca Züchner).

München - Ach, was für komische Dinge hat Joachim Meyerhoff, der große Schauspieler am Wiener Burgtheater und erfolgreiche Buchautor, der seinen Heldenstoff aus dem prall gefüllten Leben schöpft, während seiner Zeit an der Falckenberg-Schule in München anstellen müssen.

Eine "Maschine" mit den anderen Studenten bauen - das ist so ein Klassiker jeder Schauspielausbildung, wobei allein die Körper die einzelnen Elementarteilchen bilden: Eine Studentin oder ein Student wiederholt eine Bewegung plus mechanisches Geräusch, dann kommt ein anderer oder eine andere dazu, bis alle stampfend und stöhnend ein rhythmisch wie dynamisch möglichst harmonisches Gefüge bilden.

Meyerhoff beeindruckt die Prüfer

Im Metropoltheater, wo Gil Mehmert den dritten Lebensbericht Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" aus dem sechsteiligen Buchzyklus "Alle Toten fliegen hoch" inszeniert, stellt das Ensemble romangerecht eben eine solche Maschine her. James Newton alias Joachim Meyerhoff legt sich als Letztes dazu, rollt hin und her und lässt dazu das banale "Pling" erklingen, das einst auch dem Vorbild als einziges einfiel. Die Sehnsucht, in einer Gemeinschaft aufzugehen, erfüllte sich dabei für Meyerhoff kurz, durchaus erotisierend.

Ansonsten war seine Zeit an der Otto Falckenberg vor allem von Leiden geprägt, weshalb er sich bei seinen Reclamheft-Lektüren besonders von Johann Wolfgang von Goethe Werther angezogen fühlte; in dessen Leidensgeschichte findet sich das titelgebende Zitat von der Lücke. Der Unfalltod seines Bruders hatte Meyerhoff damals ein Loch ins Herz gerissen. Beim Vorsprechen an der Otto Falckenberg brachte ihn die Erinnerung daran zum Weinen, was die Prüfer nachhaltig beeindruckte.

Zwischen Teamplayer und selbstbezogenem Star

Während der Ausbildung folgte jedoch eine Niederlage auf die Nächste, was sich schon im Buch amüsant liest und doch Teil einer recht überschaubaren Loser-Geschichte ist, weil man ja stets im Hinterkopf hat, was für eine Karriere Meyerhoff noch hinlegen sollte. Zwischen Teamplayer und selbstbezogenem Star bewegt sich dabei jeder Schauspieler, die Regie unterstützt das eine oder andere mehr oder weniger.

Gil Mehmert findet beachtlich häufig eine feine Balance zwischen Gruppenchoreografien und bestechenden Solo-Einlagen, sei es, dass er Musicals wie oder nun an seine alte Wirkungsstätte Metropoltheater zurückkehrt, um mit seinem Team das eigene Metier im Spiegel der Meyerhoffschen Lehrjahre zu reflektieren. Ein wichtiges Rädchen klemmte dabei kurz vor der Premiere: Hauptdarsteller Tillbert Strahl fiel wegen Erkrankung aus, James Newton sprang ein und hatte nur zehn Tagen Probenzeit.

Kleines Theaterwunder bei der Premiere

Was jetzt bei der Premiere zu sehen war, kann man getrost als kleines Theaterwunder bezeichnen: Denn James Newton wirkt wie eine Idealbesetzung, ist sympathischer Verlierer und, ja, Gewinner der Herzen in einem: ein junger Mann, der in die Schauspielerei hineinschlittert, der mit sich selbst hadert und trotz Fehlschlägen immer weiter macht, dabei zwischen Erzählen und Spielen einnehmend changiert.

Gil Mehmert hat dazu eine prägnante Bühnenfassung erstellt und bringt diese traumwandlerisch gut auf die Bühne, voller eleganter Szenenwechsel und origineller Einfälle, pendelnd zwischen präzise gesetzten Gruppeneinlagen und glänzend komischen Schauspielermomenten, zusätzlich einfühlsam rhythmisiert durch Schlagzeuger Stefan Noelle. 

Mit der Präzision eines Uhrwerks schaffen Vanessa Eckart, Lean Fargel, Sophie Rogall und Nicolas Wolf immer wieder starke Gruppenbilder und setzen auch solistisch einige humoristische Akzente, als junge Mitstudenten, Lehrer, rotierende Satelliten um Joachim Meyerhoff, der als Außenseiter Fixpunkt der Erzählung ist. Die etwas älteren Nebenrollen übernehmen Lucca Züchner und Thorsten Krohn. Deren eingespielte Chemie rührt noch aus Zeiten, als sie Ensemblemitglieder der Schauburg unter den Intendanten George Podt und Dagmar Schmidt waren und Gil Mehmert als Hausregisseur dort inszenierte.

Alkoholgelage in Nymphenburger Villa inklusive

Kein Wunder also, dass Züchner und Krohn als Meyerhoffs Großeltern großartig harmonieren: er der leicht schwerhörige, doch fitte Opa mit Tendenz zu übergriffigen Küssen, sie die gealterte Diva im Norma-Desmond-Look, die ihren "Lieberling" Meyerhoff betüdelt und mit gespreizten Auftritten überrascht. Wie die spleenigen Großeltern ihren mondänen Alltag in ihrer Nymphenburger Villa mittels einiger Alkoholika rhythmisieren, gehört zu den heiteren Erinnerungsschätzen des Buchs, und natürlich lässt Gil Mehmert es sich nicht nehmen, diese Gelage genüsslich in Szene zu setzen.

Als engagierte Schauspiellehrerin Gretchen Kinski lässt Züchner lustig ihr blondes Haar wallen, seinem Schuldirektor verleiht Krohn die herrlich nerdige Gestik eines zerstreuten Professors. Die Schauspielschule blieb für Meyerhoff ein ewiges Minenfeld mit seltenen Lichtblicken; das Zuhause in Nymphenburg bei den Großeltern war ein Refugium, wo er Nestwärme fand. Das Bühnenbild von Christl Wein – eine Bühne, abgeschlossen von einem roten Vorhang – kann dank Schienen vor- oder zurückgefahren werden.

So mag das auch im Herzen von Meyerhoff ausgesehen haben: Manchmal wird’s halt enger, manchmal weiter. Selbst das Nilpferd, dass er spielen soll, dazu "Effi Briest" auf den Lippen, wächst magisch vor den Augen des Publikums. Klein ist hingegen die Meyerhoff-Marionette, die er selbst dirigiert. Alles ein Spiel, absurd, tragisch, komisch, aber letztlich zieht man ja selbst die Fäden.

Die Theatermaschine, die Mehmert mit seinem Team gebastelt hat, funktioniert prächtig.

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