Mariss Jansons dirigiert Bruckners Achte

Dem Dur ist nicht zu trauen: Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit der Symphonie Nr. 8 von Anton Bruckner in der Philharmonie
| Robert Braunmüller
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Mariss Jansons dirigiert.
Peter Meisel Mariss Jansons dirigiert.

Bruckners Symphonien lassen sich als katholische oder buddhistische Hochämter lesen. Das macht, gottlob, im Moment keiner. Dann gibt es noch die Möglichkeit einer bombastischen Wagner-Oper ohne Gesang. Diese Sicht ist unter deutschen Kapellmeistern durchaus verbreitet. Die Möglichkeit, die Symphonien als schroffe Dramen zu inszenieren, gäbe es auch. Der ganz späte Karajan machte das so, aber keiner wollte ihm seither folgen.

Nun hat sich Mariss Jansons mit Bruckners 80-minütiger Achter auseinandergesetzt. Er beschreitet einen anderen Weg. Im Unterschied zu den Münchner Philharmonikern, deren große Bruckner-Vergangenheit bisweilen eine Belastung darstellt, kann sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dieser Musik vorbehaltloser nähern. Sie steht zuerst einmal für sich, unbelastet und vergleichsweise traditionslos.

Bei Jansons werden vor allem Brüche und Schrunden der Achten hörbar. Etwas, was uns Sergiu Celibidache verschwieg und bei Christian Thielemann nur in raren Momenten hörbar wird. Jansons ist da, nebenbei bemerkt, nahe an der heutigen Musikwissenschaft, die das Krisenhafte dieses Monumentalwerks hervorhebt. In der unvollendeten Neunten hat Bruckner dann die Konsequenz gezogen und sein symphonisches Konzept noch einmal völlig umgekrempelt.

Ob Jansons solche Analysen kennt? Er muss es nicht. Vielleicht kommt seine Bereitschaft, einen doppelten Boden zu akzeptieren, anderswo her. Es mag ein Vorurteil sein, aber irgendwie schwingt bei seinem Bruckner immer eine Spur Schostakowitsch mit. Monumentalität, Pathos und Größe kommen vor. Aber da sind immer Zweifel und Bitternis hineingemischt.

Nahe bei Schostakowitsch

Bei Jansons beginnt die Suche nach dem Hauptthema und der Haupttonart tastend und zögerlich. Schon in der Durchführung zeichnet sich der katastrophenhaften Schluss des ersten Satzes ab. Das Orchesternachspiel pendelt zwischen Ruhe und Unruhe hin und her – da ist Schostakowitsch nahe, dessen Symphoniesätze öfter ähnlich enden.

Im Scherzo überrascht das Orchester mit einer Wendigkeit zwischen kraftvollen und elfenhaften Passagen. Nur das Trio, ein Vorbote des langsamen Satzes, wirkte ein wenig unterinterpretiert. Im Adagio zeichnet Jansons mit seinen Musikern das Prinzip der gesteigerten Wiederholung präzise nach. Am Ende bricht dann, nach einer plötzlichen Verdüsterung, das gleißende C-Dur harmonisch unmotiviert hervor. Schlagartig wird klar, warum Bruckner in der nächsten Symphonie später hier eine schreiende Dissonanz komponiert hat. Denn dem Dur ist hier nicht zu trauen.

Im Finale trumpft das Orchester kraftvoll auf. Aber das bleibt nirgendwo Selbstzweck. Der Klang ist homogen, aber nicht so gleichförmig, dass die unterschiedlichen Farben von Tuben, Hörnern und Posaunen im Interesse der Transparenz unterschlagen würden. Den Schluss der von Bruckner eher gewaltsam beschworenen Themen-Übergipfelung lässt Jansons mit einer Tempo-Rückung abreißen. Die wirkt irritierend, ist aber so notiert.

Eine erstaunliche, orchestral herausragende und intellektuelle durchdrungene Aufführung. Höchstens im Trio des Scherzos stellte sich eine Spur Routine ein. Und das ist schon etwas anderes als der Bruckner der Münchner Philharmoniker, deren Chefdirigent sich zwar irgendwie ehrlich um die Musik bemüht, aber immer wieder den Eindruck hinterlässt, er würde sich vor dem Publikum einem Crashkurs unterziehen.     

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