Interview

Mamma Roma, Pasolini und der Saltarello: Elena Bonelli kommt ins Deutsche Theater

Sie wird „Die Stimme Roms“ genannt, was nicht politisch, sondern musikalisch gemeint ist, wobei Elena Bonelli auch die römische Gesellschaft analysiert.
Adrian Prechtel
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Zwischen Plattencovern und Preisen: Elena Bonelli in ihrer Wohnung an ihrem Geburtstag im vergangenen Jahr.
Zwischen Plattencovern und Preisen: Elena Bonelli in ihrer Wohnung an ihrem Geburtstag im vergangenen Jahr. © Vincenzo Landi / Imago / Zuma

Wenn man sie in Rom besucht, erlebt man eine Überraschung: Von ihrer Wohnung auf dem Monte Mario, einem der Hügel Roms, kann Elena Bonelli von Norden her über die Ewige Stadt blicken. Ihr Pool auf der Dachterrasse, im obersten Stockwerk des Wohnhauses, dürfte der höchste Roms sein. Die beiden Etagen darunter bewohnt sie, wobei die untere dem Empfang von Gästen dient und voll ist mit Devotionalien der „Voce di Roma“, der Stimme Roms, wie sie genannt wird. Am Sonntag gastiert sie im Silbersaal des Deutschen Theaters.

AZ: Signora Bonelli, was macht Sie zur „Stimme Roms“, was ja eine Art Ehrentitel ist?
ELENA BONELLI: Ich singe traditionelle Lieder. Ich singe sie als Römerin, die die Geschichte Roms mit Liedern erzählen kann. Es ist eine Form der Popularisierung der Tradition, die ich ins Heute führe, sonst wäre es gestrig. Mit Liedern bekommt die Stadt selbst eine Stimme durch mich.

Hier wohnt Elena Bonelli: Blick vom Monte Mario auf Rom
Hier wohnt Elena Bonelli: Blick vom Monte Mario auf Rom © IMAGO/Depositphotos

Die Leute kennen ja vor allem die Tarantella. Ist es das, was man zu hören bekommt?
Die Tarantella ist etwas Neapolitanisches. In Rom spielt und tanzt man eher Formen der Volte oder Gagliarda, ein Stil und Typus seit dem 17. Jahrhundert, der aus der Toskana kam.

Sie haben im vergangenen Jahr aber auch ein Programm für den Dichter und Intellektuellen Pier Paolo Pasolini entworfen und aufgeführt.
Ja, die Stadt Rom hatte dazu eine Ausschreibung gemacht. Man sollte ein Stück schreiben und entwerfen zum 50. Todestag vergangenen Sommer. Pasolini wurde 1975 am Strand von Ostia bestialisch ermordet - und über den Halbtoten ist man dann noch ein paar Mal mit dem Auto drübergefahren. Ich habe Texte über ihn und sein Werk geschrieben, Melodien wurden dazu komponiert - und die Stadt Rom wollte dann genau dieses Programm. Pasolini war einer der größten Künstler des modernen Italiens, er hat mit seinem großen Intellekt Italien durchschaut, Entwicklungen vorhergesehen - und war immer auf der Seite der Außenseiter, Schwachen und Benachteiligten.

In Rom gibt es ein Lokal, das bis heute einen gedeckten Tisch für Pier Paolo Pasolini (1922 - 1975) bereit hält:Al biondo Tevere in Ostense.Elena Bonelli hat eineHommage an Pasolini geschrieben und gesungen - und die Trattoria besucht.
In Rom gibt es ein Lokal, das bis heute einen gedeckten Tisch für Pier Paolo Pasolini (1922 - 1975) bereit hält:Al biondo Tevere in Ostense.Elena Bonelli hat eineHommage an Pasolini geschrieben und gesungen - und die Trattoria besucht. © Tommaso Lentifattorio

Vielleicht auch, weil er selbst auch einer war: Als Homosexueller wurde er von der engstirnigen kommunistischen Partei ausgeschlossen.
Aber sein radikales Außenstehen ging noch viel weiter: Er hat 33 Prozesse führen müssen, von denen drehten sich nur zwei um seine Homosexualität: Die anderen waren Teil seines Kampfes für die Kunst- und Meinungsfreiheit.

Sie sind Römerin, er war aus den Friaul, schrieb auch manches in diesem Dialekt. Wie passt das zusammen?
Pasolini hat in Rom nicht in der schicken Innenstadt gelebt oder in den schönen Vierteln, sondern in der Peripherie, wo das Proletariat und Randexistenzen lebten. Er hat dort deren Sprache aufgenommen und selbst gesprochen: „Romanaccio“ - eine harter, auch leicht vulgärer Straßendialekt.
Und Sie?
Ich spreche auch „Römisch“, aber eine andere Form dieses Großstadtdialekts.
Ab wann kann sich jemand als Römer oder Römerin bezeichnen?
Pasolini ist ein wunderbares Beispiel: Selbst aus dem Friaul hierher gekommen, war er der beste Chronist und Porträtist Roms, weil er den Dialekt und den Lebensstil so umarmt hat, wie Rom ihn umarmt hat. Jeder, der Römer sein will, muss sich mit der Geschichte, Musik und Literatur befassen - und dem Kino. „Mamma Roma“ - wie ja auch ein Film Pasolinis mit Anna Magnani heißt - ist eine große Stadt, die alle umarmen kann, die hier sind. Mamma Roma ist wie der Bauch einer Übermutter, in dem alle zusammenkommen, und eine Brust, an der sich alle nähren. Es ist eine Einverleibung von vielen und allen, die kommen, ohne die Identität zu verlieren. Wenn Du in Rom bist, gibt dir Mamma Roma das Gefühl, schon immer dagewesen zu sein und dazuzugehören.

Pier Paolo Pasolini bei einer Demontration. Aus dem Friaul gekopmmen, wurde er ein klassischer Römer.
Pier Paolo Pasolini bei einer Demontration. Aus dem Friaul gekopmmen, wurde er ein klassischer Römer. © IMAGO/UIG

Und Sie selbst?
Ich bin stolz in einer Stadt zu leben, die der Nabel der Welt ist. Ich selbst bin nur einen halben Kilometer von der Peterskirche geboren, jeder Stein atmet Geschichte. Auch weil die christliche Kirche hier ihren Ursprung hat. Hier hat Petrus die ersten Schritte unternommen, die zur Weltkirche geführt haben. Römerin-Sein ist ein Privileg.

Sind die Römer arrogant?
Ja, wegen der ganzen Aura, die uns hier umgibt. Schon die Römer im Römischen Reich waren eingebildet und das geht dann bis ins 19. Jahrhundert.
Gibt es ein exklusives römisches Klassensystem?
Naja. Es gibt zum Beispiel den Snobismus einer kulturellen und intellektuellen Elite. Und es gibt eine Bourgeoisie, die links ist und exklusiv tut. Die Praxis in Ron - und wahrscheinlich in ganz Italien - ist es, alles politisch zu kategorisieren, jeder gehört zu einer Gruppe. Und da gibt es dann einen Klüngel, oder Frauen schmeißen sich an mediokre Politiker und Wichtigtuer ran. Es ist vulgär. Ich selbst aber habe mir da eine völlige Unabhängigkeit bewahrt.

Der Inbegriff Roms ohne Snobismus: Anna Magnani 1962 in „Mamma Roma“.
Der Inbegriff Roms ohne Snobismus: Anna Magnani 1962 in „Mamma Roma“. © imago images/Everett Collection

Was erwartet uns im Deutschen Theater?
Ich werde Euch Rom erzählen und spüren lassen durch die Musik. Natürlich sind viele Liebeslieder dabei - und manchmal weiß man nicht, ob diese Liebe und diese Umwerbung im Lied einer Frau oder der Stadt gilt. Oder es geht um Selbstmord, Eifersuchtsdramen. Das Interessante ist, dass Frauen sich über Jahrhunderte zwar in der Öffentlichkeit nicht allein bewegen durften, aber dennoch Macht und Selbstbewusstsein hatten. Saltarello ist auch so ein rhythmischer römischer Tanz im Dreiertakt. Aber weil die meisten Zuschauer eher das Neapolitanische kennen, kann ich das dann auch noch einstreuen.

Und werden Sie auch etwas aus Ihrem Pasolini-Programm spielen.
Ja, „Pasolini e i altri“ - Pasolini und die Anderen hieß es, wozu auch Anna Magnani gehört. In allem steckt eine grandiose Romanità, eine kulturelle Emotion, ein Theater Roms durch Musik und Worte.

Deutsches Theater, Schwanthalerstraße 13, Silbersaal, Sonntag, 22. März, 20 Uhr; 39 Euro, www.deutsches-theater.de

Elena Bonelli auf ihrere Geburtstagsfeier im vergangnen Jahr.
Elena Bonelli auf ihrere Geburtstagsfeier im vergangnen Jahr. © Vincenzo Landi / Imago / Zuma

 

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