Maja Beckmann spielt in "Der erste fiese Typ" nach Miranda July

Christopher Rüping adaptiert Miranda Julys Roman „Der erste fiese Typ“ – Premiere ist heute in der Kammer 1, mit Maja Beckmann und Anna Drexler als leicht schrägem Duo
| Michael Stadler
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Maja Beckmann und Anna Drexler in "Der erste fiese Typ"
David Baltzer/Kammerspiele 3 Maja Beckmann und Anna Drexler in "Der erste fiese Typ"
Maja Beckmann und Anna Drexler in "Der erste fiese Typ"
David Baltzer/Kammerspiele 3 Maja Beckmann und Anna Drexler in "Der erste fiese Typ"
Maja Beckmann und Anna Drexler in "Der erste fiese Typ"
David Baltzer/Kammerspiele 3 Maja Beckmann und Anna Drexler in "Der erste fiese Typ"

Manchmal, wenn der Alltag in den immer gleichen Bahnen durchschnurrt, wenn das Singlesein zur Gewohnheit geworden ist und der Ordnungssinn die Lebensregie übernommen hat, dann kann sich schon mal ein Gefühl von Frust ergeben und gar böse verfestigen: zum dicken Kloß im Hals. „Globus hystericus“ nennt sich das Syndrom, unter dem Cheryl Glickman leidet. Schluckbeschwerden und Atemnot sind die Symptome, verursacht durch eine Verhärtung im Hals, die wohl eher eingebildet als real vorhanden ist. Um ihre Beschwerden los zu werden, begibt sich Cheryl, 43 Jahre, alleinstehend, zum Chromatherapeuten, der ihr die Einnahme von Farben verschreibt – eine der seltsamen Dinge in ihrem Leben.

Ihr Geld verdient sie in einer Firma, die Selbstverteidigungskurse für Frauen als Fitness-DVDs verkauft. Zudem ist sie verknallt in einen 20 Jahre älteren Arbeitskollegen. Der ist jedoch hinter einer 16-Jährigen her und wünscht sich Cheryls Segen für den Beischlaf mit der Minderjährigen. Notgeil und skurril sind diese Männer. „Aber irgendwie ist jeder komisch“, findet Maja Beckmann. „Das Miteinander will nicht funktionieren.“ Am Freitag wird Maja Beckmann als Cheryl Glickman auf der Bühne der Kammer 1 stehen. Dann hat Christopher Rüpings Bühnenadaption des Buchs „Der erste fiese Typ“ Premiere. Es ist der erste Roman von Miranda July, deren Werk oft unzureichend mit dem englischen Wort „quirky“ umschrieben wird. Sonderbar, merkwürdig, schräg ist der Kosmos der 43-Jährigen aus Vermont durchaus, aber die Menschen, die ihre Filme, Kunstwerke, Kurzgeschichten und ihr Romandebüt von 2015 bevölkern, lassen sich nicht so leicht in ein Paralleluniversum abschieben, sondern rücken uns mit ihren Spleens, ihrer Melancholie und existenziellen Verzweiflung auf die Pelle.

Frauen spielen, der Mann inszeniert

Wie sehr das Umfeld sich aufdrängt, zeigt „Der erste fiese Typ“. Auf Geheiß ihrer Arbeitgeber, einem Ehepaar, nimmt Cheryl deren junge Tochter Clee vorübergehend bei sich auf. Doch Clee, blond, üppig, widerborstig, nistet sich in Cheryls Apartment ein, und erzeugt ein Chaos, das Cheryl nicht mehr unter Kontrolle bringt. Was letztlich eine positive Entwicklung, die Geschichte einer Befreiung in Gang bringt: „Cheryl hat immer gedacht, dass sie ein Leben führen muss, bei dem alles ordentlich seine Schublade hat“, meint Maja Beckmann. „Aber das ist ja kein Leben. Das Leben steckt in allem, was unverhofft kommt, das Schöne und Furchtbare, all die Ecken und Kanten.“

In „Der erste fiese Typ“ hat sich das Kammerspiele-Team kopfüber gestürzt, ohne fest gezurrtes Konzept. „Christopher Rüping hat uns am Anfang gesagt: ,Dieses Projekt, das ist der Roman und das seid ihr. Wie das ablaufen soll, weiß ich selbst nicht.’ So sind wir gestartet. Diese Geduld und diesen Mut, mit nichts außer uns und dem Roman anzufangen, fand ich wirklich schön“, so Beckmann.

Während Regie und Dramaturgie männlich besetzt sind, stehen auf der Bühne vier Frauen: Maja Beckmann als Cheryl, Anna Drexler als Clee, die Musikerin Brandy Butler und Rebecca Meining, die live filmen wird. Mit Miranda July hatte die Produktion Kontakt, die Zusammensetzung der Geschlechter auf und vor der Bühne hat der Schriftstellerin gut gefallen. Als Thema der Inszenierung kristallisierte sich, so Beckmann, die Frage heraus, „wie man zur Autorschaft über das eigene Leben gelangt. Cheryl ist lange Zeit fremdgesteuert, bis sie das merkt und die Autorin ihres Lebens werden will. Auch Clee muss das herausfinden, wobei sie Cheryl immer wieder aufs Neue herausfordert.“

Mütterliche Gefühle

Als Clee ein Kind bekommt, ist es Cheryl, die sich hauptsächlich um das Baby kümmert. „Miranda July war, als sie den Roman schrieb, selbst schwanger“, weiß Beckmann, die einen 19-jährigen Sohn hat. „Das steckt in dem Buch drin, dieses Wissen: Ich werde Mutter, mein altes Ich wird jetzt umgeformt. Das schmerzt auch, weil man einen großen Teil von sich abgibt, um für jemand anderes da zu sein. Mir gefällt, dass Cheryl nicht die Mutter ist, aber trotzdem mütterliche Gefühle entwickelt. Sie merkt: Ich bin da zu etwas fähig, das ich von mir selbst nicht erwartet hätte.“

Was es bedeutet, Altes loszulassen, hat Beckmann selbst schon erlebt. Veränderungen des Wohnorts gehören nun mal zu ihrem Job dazu. Dabei ist sie einem Theater ungewöhnlich lange treu geblieben: Ganze 14 Jahre lang spielte die in Herne Geborene am Schauspielhaus Bochum, wechselte dann 2013 ans Staatstheater in Stuttgart und ist seit dieser Spielzeit fest im Ensemble der Kammerspiele.

Mit Christopher Rüping hatte sie zuvor schon in Stuttgart gearbeitet: Rüpings Adaption des Dogma-Films „Das Fest“ erntete bei der Premiere einige Buhs, wurde aber zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Erfolg lässt sich nur schwer berechnen – und Maja Beckmann, die regelmäßig vor der Kamera steht, etwa bei der TV-Serie „Stromberg“, hat weiterhin Lust auf Neues: „Mir gefällt die Aufgabe an den Kammerspielen. Dass man sagt: Das Alte ist schön und gut. Aber jetzt versuchen wir mal was anderes. Das finde ich im Leben insgesamt wichtig: Dass man Dinge ausprobiert, die man noch nicht kennt.“ Raus aus der Komfortzone – den Weg geht auch Cheryl Glickman. Bis der Kloß im Hals fort ist.

Premiere am 28. April, 20 Uhr. Auch am 2.,6., 18. und 31. Mai. Karten unter Telefon 54 81 81 81

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