Love und Peace wagen! "Hair" in der Reithalle - Die AZ-Kritik

Rührung und Begeisterung: Der Gärtnerplatz spielt Galt MacDermots Hippie-Musical „Hair“ in der Reithalle
| Robert Braunmüller
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Szene aus Gil Mehmerts Inszenierung von "Hair" in der Reithalle.
Christian Pogo Zach 3 Szene aus Gil Mehmerts Inszenierung von "Hair" in der Reithalle.
Szene aus Gil Mehmerts Inszenierung von "Hair" in der Reithalle.
Christian Pogo Zach 3 Szene aus Gil Mehmerts Inszenierung von "Hair" in der Reithalle.
Szene aus Gil Mehmerts Inszenierung von "Hair" in der Reithalle.
Christian Pogo Zach 3 Szene aus Gil Mehmerts Inszenierung von "Hair" in der Reithalle.

Gewiss, ein mit Kollegen der Künstler durchsetztes Premierenpublikum ist leicht entflammbar. Aber es passiert nicht alle Tage, dass die Leute am Ende von den Sitzen springen und bei der Wiederholung von „Let the Sunshine in“ mit den Darstellern auf der Bühne tanzen. Da war „Hair“ ganz bei sich, bei seinen Ursprüngen als Hippie-Happening.

Fast 50 Jahre ist dieses Musical nun alt. Ein paar ergraute Alt-Hippies mit Stirnband waren auch in die Reithalle gekommen. Aber die Nostalgie der letzten überlebenden Langhaarigen zu bedienen, wäre zu wenig. Gil Mehmerts Inszenierung rettet den Geist von „Hair“ in die Gegenwart der Reithalle herüber, ohne irgendwie belehren zu wollen. Die Aufführung ist hervorragend gemachtes Unterhaltungstheater mit durchaus ernsten Untertönen.

Lesen Sie auch unser Interview mit Gil Mehmert und Bettina Mönch

„Hair“, das sollte man wissen, hat keine feste Form. Es ist ein Spektakel, eine Sammlung von Songs – postdramatisches Theater vor der Erfindung dieses Begriffs. Die Version des Gärtnerplatztheaters erzählt gerade so viel Handlung wie nötig und macht sie zum Vorwand für so viel Revue wie möglich. Dabei transportiert sie das rauschhafte Lebensgefühl des Aufbruchs am Ende der 1960er Jahre.

Mehmert verschweigt auch die Schattenseiten nicht: Homosexualität finden die Hippies immer noch „bäh“. Die sexuelle Befreiung war vor allem die Sache von Männern, die nicht groß Lust hatten, sich um ihren zufällig gezeugten Nachwuchs zu kümmern.

Woodstock und Vietnam, Tod und „Sunshine“

Und wenn der Einberufungsbefehl nach Vietnam verbrannt werden soll, gibt es einen fatalen Gruppendruck: Da ähnelt das mit dem brennenden Peace-Zeichen verteufelt dem Ritual des Ku-Klux-Klan, den der Regisseur kurz davor mit seinen weißen Kapuzen aufmarschieren lässt.

Der erste Teil der Aufführung ist eine bunte Bilderfolge über das Amerika der Zeit. Jimi Hendrix spielt „The Star-Spangled Banner“. Ein Astronaut landet, Hubschrauber fliegen über Vietnam, eine nackte Frau flieht vor dem Napalm-Angriff.

Die innere Dynamik der Hippie-Gruppe wird nur angerissen, die Nebenfiguren bleiben anfangs ein wenig unscharf. Erwachsene bleiben holzschnitthaft charakterisierte Spießer. Aber das stört nicht wirklich, weil die Choreographie von Melissa King mitreißt und das perfekte Ensemble um Dominik Hees (Berger), Bettina Mönch (Sheila), David Jakobs (Claude) wirklich fulminant singt und tanzt.

Auf der Bühne sitzt eine zehnköpfige Band, die Jeff Frohner in der Uniform von Sgt. Pepper leitet. Links und rechts stehen Scheinwerfer-Türme wie in einem Rockkonzert (Bühne: Jens Kilian). Das passt zur Woodstock-Atmosphäre dieser Aufführung. Und mehr braucht es auch nicht.

Nach der Pause rückt der Vietnam-Krieg stärker ins Blickfeld. Die Hippies ziehen bei einer Friedensdemo blank, um die Polizeigewalt zu entwaffnen – besser lässt sich die bei diesem Musical obligatorische Nacktszene nicht einbauen.
Der Schluss gelingt Mehmert großartig: Claude zieht in den Vietnamkrieg. Wo vorher Marihuana spross, liegt nun ein Reisfeld. Der Ex-Hippie stirbt ohne jede Verklärung – die älteren Herrschaften neben mir hatten da Tränen in den Augen.

Dann folgt mit „Let the Sunshine in“ ein großes menschheitsverbrüderndes Finale: Der Pazifismus und die Toleranz dieser Zeit sind wieder ganz nah. Und so hart und intolerant, wie die Zeiten heute sind, kann uns eine starke Dosis Love & Peace nicht schaden. Diese Botschaft nimmt man aus der Reithalle gern mit nach Hause.

Bis 17. März in der Reithalle, Heßstr. 123, Infos, Karten unter www.gaertnerplatztheater.de

 

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