"L'incoronazione die Poppea", inszeniert von Martina Veh

Subtil gebrochen: Das freie Ensemble cosi facciamo spielt Claudio Monteverdis Oper „L’incoronazione di Poppea“ im Cuvilléstheater
| Adrian Prechtel
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Carsten Fuhrmann (Arnalto) und Christopher Robson (Ottone).
Hermann Posch 2 Carsten Fuhrmann (Arnalto) und Christopher Robson (Ottone).
Christopher Robson (Ottone) mit Stephanie Krug (Poppea).
Hermann Posch 2 Christopher Robson (Ottone) mit Stephanie Krug (Poppea).

Subtil gebrochen: Das freie Ensemble così facciamo spielt Claudio Monteverdis Oper „L’incoronazione di Poppea“ im Cuvilléstheater

Am Anfang: ein bisschen Katzenmusik. Nicht, weil wir uns erst an den alten Klang Monteverdis gewöhnen müssten. Sondern weil es schwierig ist, das auf beide Flanken der Bühne verteilte Musikensemble vom Cello aus zu dirigieren.
Aber Hans Huyssen gelang nach wenigen Takten von „L’incoronazione di Poppea“ Ordnung in die Originalklangmusiker von così facciamo zu bringen. Dann folgte die Erzählung vom Aufstieg Neros Geliebter Poppea zur Kaiserin in wunderbarer Dynamik ohne Hast. Am Ende wird der tote Philosoph Seneca (Joel Frederiksen) noch einmal wie eine Psycho-Mahnung vom opportunistischen Politberater Arnalto (Carsten Fuhrmann) in den Thronsaal geschoben. Der bürgerliche Ottone (Christopher Robson) steht mit Drusilla (Monika Lichtenegger) daneben, weil er nach dem gescheiterten Mordanschlag auf die neue Kaiserin ebenso ins Exil muss, wie die abgesetzte Kaiserin Ottavia (Martina Koppelstetter).

Dann singen Nerone und seine machtbewusste Geliebte das sich musikalisch verschlingende Liebes-Duett „Pur ti miro“: Dich allein blicke ich lustvoll an! Aber Nero hat sich aus der pubertären Ergebenheit an seine neue Machtfrau Poppea bereits wieder gelöst und schaut in die Ferne.

Ergreifende Momente

Subtile Brechungen sind der Reiz dieser Aufführung von Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“: das Freilegen einer zynischen Ebene dieses Machtspiels um einen gefährlich unberechenbaren Herrscher. Aber es ist die große Kunst, dass die Regisseurin Martina Veh dergleichen nicht kühl distanziert erzählt, sondern allen Figuren ihre großen Gefühle erst einmal glaubt, auch wenn sie sie schnell wieder umwenden.

Das schenkt dem Zuschauer viele ergreifende Momente, echte Tiefe – und viel Spaß: vom voyeuristischen Blick ins kaiserliche Lotterbett über eine Politikdiskussion nach durchzechter Nacht, eine stoisch-tragische, aber erschütternde Todesarie, einen tragikomischen Mordanschlag und viele große Liebesschwüre, die meist noch eine weitere Ebene haben: Machtdurst, Opportunismus, Taktik.

Die Verknappung des Personals auf sieben Sänger und auf nur zwei Stunden führt zu einer packenden Dichte. Die radikale Spielleidenschaft der Sänger tut ein Übriges, dieses psychologische Theaterstück mit großer Musik weit über einen nur amüsanten Abend hinauszuheben.

Schön gesungen

Jede Figur hat unser Mitgefühl – und unsere Kritik. Und weil wir uns es so nicht einfach bequem machen können, werden wir in Lebens- und Moralfragen wirklich hineingezogen. Bei der Frage, ob man die 1642 in Venedig uraufgeführte Geschichte des impulsiv-wechselhaften Nero, der seine Frau verbannt und seine Geliebte Poppea zur Kaiserin macht, 62 nach Chr. spielen lässt oder in die Gegenwart versetzt, entschied sich Regisseurin für das Hier und Jetzt – und das gelang wunderbar schwebend.

Nerone und Poppea sind auch stimmlich ein Traumpaar: Stephanie Krugs Sopran hat ein sanftmetallisches Tremolo, das ihr bei aller Gefühlsgröße auch etwas unterschwellig Gefährliches verleiht. Der Tenor von Christian Sturm ist männlich-warm, aber nie üppig, was wunderbar zur Jung-Testosteron-Wechselhaftigkeit Neros passt.

Überhaupt waren alle Sänger in ihrem Timbre ein passender Spiegel ihrer Charakterfigur. Die musikalische Idee, ein paar neapolitanische Tarantella-Volkslieder einzubauen, gelang nicht immer bruchlos. Vielleicht müsste man sie sanft der Barockmusik anpassen.

Und die gestrichenen Götter? Die haben wir bei aller Liebe zu Venus und Amor in unserer säkularisierten Zeit gar nicht vermisst. So wurden die Menschen autonomer und die Geschichte politischer – also packender.

Wieder Sa. und So., 20 Uhr, Cuvilléstheater, Karten unter Telefon 54818181 oder an der Abendkasse

 

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