Kritik

Liebe, Revolution und politische Spannung: „Rudolf - Der letzte Kuss“ in Füssen

Alex Balga hat für das Festspielhaus Neuschwanstein ein Musical von Frank Wildhorn über den tragischen österreichischen Thronfolger und Sisi-Sohn inszeniert
Adrian Prechtel
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Kronprinz Rudolf (Oedo Kuipers) ist ein politischer Idealist und den körperlichen Freuden sehr zugetan.
Kronprinz Rudolf (Oedo Kuipers) ist ein politischer Idealist und den körperlichen Freuden sehr zugetan. © Michael Böhmländer

Schon nach zehn Minuten sind drei Schüsse gefallen - und der ganze Kosmos des Stücks ist eröffnet: Kronprinz Rudolf und seine Geliebte, Baronesse Vetsera, liegen tot in einem Bett, dessen weißer Schleiervorhang hoch bis in den Bühnenhimmel reicht. Dann springt das Stück auf Anfang: Der Kaiser weiht das Burgtheater ein - mit einem zeremoniellen Druck auf einen Schalter: nicht nur das Theater wird elektrisch erleuchtet - und symbolisch die ganze Stadt Wien.

Aber Franz Joseph wird unsanft mit einer Idee Lenins konfrontiert, dass die Zukunft Elektrizität - also Fortschritt - und Herrschaft des Proletariats bringen könnte: Eine Arbeiterin hat sich unter die Galagäste gemischt und richtet eine Pistole auf den Kaiser. Als das Attentat scheitert, weil Kronprinz Rudolf sie überraschend anspricht und versucht sie zu beruhigen, erschießt sie sich, um der Verhaftung zu entgehen. „Wer die Zeichen der Zeit sieht, kann nicht so tun, als hätte er damit nichts zu tun!“, mahnt das Musical zeitlos und damit auch aktuell.

„Rudolf - Der Letzte Kuss“ ist eine überwältigende, auf der großen Bühne wie in Cinemascope inszenierte Tragödie, die überraschenderweise ein lebhaftes Gleichgewicht schafft: zwischen einer großen Romeo-und-Julia-Liebe zweier erwachsener und politisch denkenden, seelenverwandten Menschen und andererseits der Politik mit ihren revolutionären, nationalen und sozialen Fragen. Denn Rudolf ist leidenschaftlich Liebender und Reformer, fast Rebell, der klar sieht, dass ein Weiter-so ohne demokratische und soziale Reformen das österreichisch-ungarische Imperium in den Abgrund ziehen wird.

Eine belebende Herausforderung

Auf der Bühne des Festspielhauses Neuschwanstein ist das perfekt von Alex Balga inszeniert auf einer zeitgenössisch verschnörkelten, großen, gusseisernen Treppenkonstruktion mit vielen Ebenen (Bühne: Morgan Large). Mit rotem Teppich entfaltet sie Pomp - als Theaterfoyer, Kaiserloge, Schlosstreppenhaus. Die Wendeltreppe am anderen Ende kann hingegen hinabführen in ein Bordell, ist Geheimgang für Verschwörer und Spitzel oder führt in ein Chambre separée. Und weil das ganze halbkreisförmig ist und auf einer Drehbühne, kann man sogar eine Schlittschuh-Eisfläche zaubern, auf der Bürger sich elegant umkreisen, drehen und anbandeln - auf Inline-Skatern.

Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen.
Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen. © Michael Böhmländer

Für das Publikum bietet „Rudolf - Der letzte Kuss“ eine emotionale und geistig belebende Herausforderung: Man muss sich von der „guten alten Zeit“ verabschieden, die eben niemals gut war, sondern ein Spitzelstaat mit Geheimpolizei (mit fast Gestapo-anmutenden Mänteln), mit Zensur und einer ums Überleben kämpfenden Unterschicht. Das Stück von Jack Murphy ist für Reform, wenn nicht für Revolution. Damit das nicht zu hart wird, darf man natürlich auch in Belle-Epoque-Opulenz und Walzerseligkeit schwelgen, die hier aber elegant unterlaufen wird.

Nichts an Unmittelbarkeit verloren

Für weitere Vielschichtigkeit sorgt Rudolf selbst: ein Visionär, gleichzeitig zaudernd, fast kindlich, ein Mann, dessen Psyche als Kind durch militärischen Drill ruiniert wurde. Rudolf trägt im Herzen einen freudschen Vatermord in sich, ist Bordellgänger und Syphilisträger.

Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen.
Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen. © Michael Böhmländer

All das erzählt „Rudolf - Der letzte Kuss“ - mit einem Kronprinzendarsteller, Oedo Kuipers, der das alles - nicht nur stimmlich - ausdrücken kann. Er kann auch tanzen, Rollschuhfahren und küssen. Und die Frauenfiguren um ihn herum sind nicht nur Staffage: seine Geliebte Mary Vetsera (Katia Bischoff) ist stark, sinnlich, eine Idealistin: „Irgendwann, das ist jetzt!“, treibt sie Rudolf todesmutig an.

Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen.
Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen. © Michael Böhmländer

Und die betrogene Ehefrau und Kronprinzessin Stephanie aus Belgien? Kristine Emde gibt ihr soviel Charakter, dass man mit ihr als Opfer der arrangierten Ehe, der Lieblosigkeit des Mannes nicht nur Mitleid empfindet, sondern sie als Frau sieht, die ihr Lebensglück zu erkämpfen versucht: „Er war nie mein“, erkennt sie und ist „zu zweit allein“. So umtoste in der Premiere alle drei ein zehnminütiger Schlussapplaus.

Begonnen hatte „Rudolf“ 2009 als intimes Kammer-Musical im Raimundtheater in Wien. Jetzt geht alles in gut zwei Stunden über die Riesenbühne und hat dabei nichts an Unmittelbarkeit verloren. Christian Struppeck und der Übersetzer aus dem Englischen, Wolfgang Adenberg, haben das Werk für Füssen überarbeitet und intensiviert.

Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen.
Das Musical „Rudolf - Der Letzte Kuss“ in Füssen. © Michael Böhmländer

Das Bohemian Symphony Orchestra Prag geht die eingängige hochemotionale Musik von Frank Wildhorn dynamisch an. So ist mit „Rudolf - der letzte Kuss“, der ein Schuss ist, ein großes und vielseitiges, bei aller Historie aktuelles Musicalerlebnis gelungen. Und über die aufgeworfenen menschlichen, politischen, moralischen Fragen lohnt es sich noch weit über den Schlussvorhang hinaus nachzudenken.

bis 7. Juni, Festspielhaus Neuschwanstein, Karten 60 bis 100 Euro, www.dasfestspielhaus.de

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