"Les Indes galantes" von Rameau im Prinzregententheater

König für einen Abend: "Les Indes galantes", inszeniert von Sidi Larbi Cherkaoui und dirigiert von Ivor Bolton
| Robert Braunmüller
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"Les Indes galantes" im Prinzregententheater
Wilfried Hösl 6 "Les Indes galantes" im Prinzregententheater
"Les Indes galantes" im Prinzregententheater
Wilfried Hösl 6 "Les Indes galantes" im Prinzregententheater
"Les Indes galantes" im Prinzregententheater
Wilfried Hösl 6 "Les Indes galantes" im Prinzregententheater
Tänzer der Compagnie Eastman des belgischen Regisseurs und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.
Wilfied Hösl 6 Tänzer der Compagnie Eastman des belgischen Regisseurs und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.
Tänzer der Compagnie Eastman des belgischen Regisseurs und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.
Wilfied Hösl 6 Tänzer der Compagnie Eastman des belgischen Regisseurs und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.
Tänzer der Compagnie Eastman des belgischen Regisseurs und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.
Wilfied Hösl 6 Tänzer der Compagnie Eastman des belgischen Regisseurs und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.

Opernfestspiele im Prinzregententheater: König für einen Abend: "Les Indes galantes", inszeniert von Sidi Larbi Cherkaoui und dirigiert von Ivor Bolton

Im 18. Jahrhundert konnte sich jeder deutsche Duodezfürst einen Text von Pietro Metastasio vom Hofkapellmeister vertonen lassen. Dann noch rasch ein paar Geiger und zwei Kastraten gemietet, und fertig war die Oper. Das wahre, schöne und wirklich gute Spektakel konnte sich allerdings nur der König von Frankreich leisten: das „Opéra-ballet“, ein frühes Gesamtkunstwerk mit Bühneneffekten, großem Orchester, Chören und eben: viel Ballett.

Die Oper ist eine Weltreise der Liebe

Wir Bürger gönnen dem Feudalismus ein letztes Rückzugsgebiet: unsere Bayerische Staatsoper unter dem Sonnenkönig Nikolaus Bachler. Der kann es sich leisten, am Ende der Spielzeit für Jean-Philippe Rameaus „Les Indes galantes“ extra ein Münchner Festspielorchester aus Originalklang-Virtuosen zu engagieren. Und dazu noch den Freiburger Balthasar-Neumann-Chor und Tänzer der Compagnie Eastman aus Antwerpen. Für eine Woche im Prinzregententheater. Dann ist alles wieder vorbei.

Luxus, fürwahr. Aber der Aufwand lohnt. In Rameaus Opéra-ballet wird kein schales Herrscherlob gesungen. Die Arien sind kurz, die Musik bunt und schnell. Es ist mehr eine Revue, eine Weltreise der Liebe. Und noch viel mehr: „Les Indes galantes“ atmet den Geist der französischen Aufklärung. Es geht um die Gleichheit aller Menschen in der Liebe, mit einer finalen Verbrüderung aller Völker. Nicht ganz so idealistisch wie in Beethovens „Fidelio“. Ein bisschen handfester, erotischer, menschlicher.

Lesen Sie auch unser Interview mit Ivor Bolton

Der Belgier Sidi Larbi Cherkaoui bringt das mit viel Witz auf die Bühne. Es ist unmöglich zu sagen, wo die Regie endet und die Choreografie beginnt. Die Sänger tanzen, alle bilden ein großes Ensemble. Im Balthasar-Neumann-Chor singen ganz wunderbare Charakterköpfe. Cherakouis Companie Eastman besteht aus internationalen Individualisten, die eine wilde Mischung aus Breakdance und Modern Dance auf die Bühne zaubern.

Anna Viebrocks Bühnenraum ist eine Mischung aus Naturkundemuseum und Klassenzimmer – zwei Orte, an denen der Geist der Aufklärung bis heute würdig weiterlebt. Die Inszenierung erzählt die türkischen, peruanischen, persischen und kanadischen Liebesabenteuer locker und assoziativ. Dass nicht alles mit restloser Konsequenz durchgezogen wird, passt zur offenen Form dieser Verbindung aus Oper und Ballett.

Die Aufführung ist ein Fest der Viel- und Mehrdeutigkeit. Im orientalischen Akt verschwimmen Harem und Ehegefängnis in Museumsvitrinen. Der peruanische Sonnenpriester des zweiten Teils ist ein katholischer Pfarrer, der seine Gemeinde mit Massentaufe und Massenhochzeit wie eine Sekte dirigiert. Dass diese Oper auch viel mit dem frühen Kolonialismus zu tun hat, macht der immer wieder die Bühne fegende Asiate kenntlich, der einmal ganz wunderbar akrobatisch mit seinem Feudel tanzt.

Neubürger und Eingesessene vereinen sich beim Putzen

Nach der Pause, im persischen Akt, spielt Cherkaoui auf Flüchtlinge und Migranten an. Aber mehr poetisch als politisch und umso anrührender. Manchmal erinnern die Menschen mit ihren verklebten Plastiktüten auch nur an tibetische Pilger. Dann macht die Festung Europa dicht, doch ein smarter Politiker lässt noch ein paar Leute hinein. Die fallen auch über einheimische Frauen her, bekommen aber ziemliche Tritte in die Weichteile.

Dann setzt der vom Dirigenten Ivor Bolton ganz bedächtig gesteigerte Schluss-Tanz ein. Das Orchester spielt unter seiner Leitung den ganzen Abend unglaublich farbig und wendig. Einmal sind sogar Dudelsäcke zu hören. Alles wird mit Liebe gemacht, sogar das Rauschen des Windes, für das die Schlagzeugerin in eine Flüstertüte bläst. Die Sängerbesetzung mischt Stars wie Anna Prohaska mit Nachwuchs wie Lisette Oropresa und Ensemblemitgliedern wie Goran Juriè und Tareq Nazmi: Unterschiede sind da kaum herauszuhören. Dass nicht alle stilistisch ganz einheitlich singen, stört nicht wirklich.

Kurz vor Schluss vereinen sich Neubürger und Eingesessene beim Putzen. Jemand schwenkt eine blaue Fahne ohne Europa-Sterne. Die Kinder sitzen einträchtig im Klassenzimmer. Drei Soldaten auf Hoverboards sichern das Terrain. Eine heitere Utopie, doch dem Frieden ist nicht zu trauen: Bolton lässt den letzen Akkord ganz leise verklingen. Beim begeisterten Schlussapplaus rollte zuletzt auch Cherkaoui auf die Bühne. Man fühlt sich im Prinzregententheater wie Ludwig XV. Oder wie Gott in Frankreich.

Prinzregententheater, noch heute, am 27., 29. und 30.7., 18 Uhr. Restkarten unter 21 85 19 20

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