Krzysztof Warlikowskis Inszenierung "Kabaret warszawski" des Nowy Teatr Warszawa

Sex ist doch eine Lösung: Das Gastspiel "Kabaret warszawski" des Nowy Teatr Warszawa im Rahmenprogramm der Opernfestspiele in der Reithalle
| Robert Braunmüller
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Ruhige Melancholie im Schwimmbad: Die letzte Szene von "Kabaret warszawski".
Magda Hueckel Ruhige Melancholie im Schwimmbad: Die letzte Szene von "Kabaret warszawski".

Der Conferencier war nie verlebter, das Fräulein Schneider nie dicker, die Tänzerinnen selten älter und noch weniger aus Paris als in diesem Kit-Kat-Club. Aber Magda Cielecka ist dafür blonder, langbeiniger und erotischer als alle Damen, die sich bisher an der Rolle der Sally Bowles versucht haben. Wer sie in der Reithalle gesehen hat, vergisst Liza Minnelli: Diesen kühnen Superlativ wagen wir hier einmal.

In "Kabaret warszawski" variiert der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski die Dramen-Vorlage zum Musical "Cabaret". Später spiegeln sich erotische Sehnsüchte in der Götterdämmerung der Weimarer Republik in John Cameron Mitchells Film "Shortbus", der kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York spielt.

Der erste Teil des deutsch übertitelten Gastspiels des Nowy Teatr Warszawa ist nicht frei von lähmenden Klischee-Debatten über Mutterkomplexe, Wagner und den Nationalsozialismus. Er endet als Wunschtraum einer Oscar-Verleihung an Sally Bowles, bei der Hitler die Statue reicht. Dann, nach der Pause, treibt es ein Paar zu lärmender Musik exzessiv, akrobatisch und möglicherweise wenig erfüllend. Wer je an solchen Szenen im Theater gelitten hat, durfte aufatmen: Keuscher, dezenter und zugleich sinnlicher wurde so etwas noch nie gespielt, weil Voyeuren nichts geboten wird.

Joints kreisen im Publikum

Der zweite Teil verfolgt den Sex-Frust eines schwulen Paars, das eine Therapeutin aufsucht, die noch nie einen Orgasmus hatte. Sie treffen sich im Shortbus, einer Mischung aus libertärem Salon, Variete und Swingerclub. In einem Theater auf dem Theater leben zwei Performer die Anschläge auf das World Trade Center als befreienden Exzess aus. Die Muttergottes wird gebeten, Sophia einen Orgasmus zu schenken, und sie erhört das Flehen. Joints kreisen im Publikum: Natürlich waren es nur Kräuterzigaretten: immerhin ist der Abend eine Veranstaltung der Bayerischen Staatsoper.

Der rauschhafte Abend endet eine halbe Stunde vor Mitternacht in leiser Melancholie. In einem Bad am Rand der weiss gekachelten Bühne wird jemandem schlecht, die anderen Figuren wirken befriedigt.

Der leicht erschöpfte Besucher dankt der Staatsoper, dass sie diese aufregende Produktion ihres "Frau ohne Schatten"- und "Eugen Onegin"-Regisseurs ins schöne München gebracht hat, wo internationale Theaterproduktionen vergleichsweise selten gastieren.

Und auch die Botschaft des Abends vertreibt düstere Gedanken: Guter Sex ist doch eine Lösung mancher Probleme.

 

 

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