Interview

Komödie über den Tod: Michaela May spielt in "Der Abschiedsbrief"

Komödie im Bayerischen Hof: Michaela May spielt in "Der Abschiedsbrief". Viele Fragen aus dem Stück kennt sie aus dem echten Leben.
Anne Fritsch |
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Wirklich guter Humor braucht auch eine gewisse Tragik: Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“.
Wirklich guter Humor braucht auch eine gewisse Tragik: Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“. © Lahola

Das neue Stück in der Komödie im Bayerischen Hof  ist tragisch und komisch zugleich. Michaela May spielt es gemeinsam mit Sigmar Solbach. "Der Abschiedsbrief" von Audrey Schebat wirft jede Menge Fragen auf, die die Schauspielerin auch im Leben beschäftigen.

AZ: Frau May, das Stück beginnt ungewöhnlich: Der Ehemann will sich im Wohnzimmer aufhängen. Er steht mit einer Schlinge um den Hals auf einem Stuhl, als seine Frau überraschend von einer Reise zurückkehrt. Was waren Ihre Gedanken beim ersten Lesen?
Michaela May: Wie kann ein Stück weitergehen, wenn es mit dem Tod anfängt? Vor allem, wenn es eine Komödie sein will.

Wie sind Sie auf das Stück gekommen?
Ich hatte schon das vorherige Stück der Autorin, nämlich „Der Sittich“, gespielt. Sie hat sich unsere Inszenierung in Hamburg angeschaut und mich nach Paris eingeladen, wo gerade ihr neues Stück lief: „Der Abschiedsbrief“. Ich habe es mir angesehen und fand es großartig.

Was hat Sie so gepackt an der Thematik?
Es ist einfach inspirierend für Paare jeden Alters: Was passiert, wenn die erste Verliebtheit vorbei ist? Was macht das mit einer Beziehung? Wo bleibt das Wir? Und was macht noch Sinn, wenn man den Peak überschritten hat? Ab 50 wird alles langsamer, schwieriger. Lohnt sich das alles überhaupt noch, oder kann ich gleich den Löffel abgeben?

Ihre Figur sagt: „Für den Sinn müssen wir selbst sorgen. Wir müssen ihn selbst mitbringen, wie die Getränke zu einem Picknick!“ Finden Sie sich wieder in diesen Gedankengängen?
Ich finde mich hier in vielen Gedankengängen wieder. Ich glaube, wenn man aus der Gesellschaft etwas genommen hat, sollte man auch was zurückgeben. Das ist für mich der Sinn des Lebens.

Tiefsinnige Gespräche: Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“.
Tiefsinnige Gespräche: Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“. © Lahola

Also Sinn kreieren, indem man etwas Positives weitergibt?
Mein Bestreben ist es, so zu leben, dass ich positive Schwingungen hinterlasse, so wie ich Schwingungen von meinen Eltern in mir habe. Ich kann nicht nur nehmen und alles verprassen.

Das heißt, Sinn entsteht, indem man sinnvolle Dinge tut.
Genau. Ich kann mich nicht einfach zurücklehnen und erwarten, dass alle anderen mich bereichern. Wie es im Stück heißt: Ich muss den Sinn selber mitbringen, wie die Getränke bei einem Picknick. Das ist ein gutes Bild.

"Bin ich alleine überhaupt lebensfähig?" 

Das Paar im Stück unterhält sich so intensiv wie lange nicht, stellt sich auch den eigenen Ängsten.
Die beiden sind so lange zu zweit und ein Wir. Da ist eine große Angst: Wenn ich dich verliere, bleibt nicht ein Ich übrig, sondern nur die Hälfte von einem Wir. Bin ich alleine überhaupt lebensfähig? Oder bin ich nur wackelig und verloren?

Eine andere Frage ist die nach dem Warum. Die Frau findet es im ersten Moment am schlimmsten, dass er ihr keinen Abschiedsbrief hinterlassen wollte.
Sie sagt, es würde es leichter machen, wenn sie wüsste, warum - für sie selbst, aber auch für die anderen. Das kenne ich selbst aus meinem eigenen Leben. Ich habe alle meine drei Geschwister durch Suizid verloren. Und natürlich fragen alle, wie das zustande gekommen ist. Da ist ganz schnell ein Gefühl von Schuld da: Hab ich was versäumt? Hab ich was falsch gemacht? All diese Fragen nach einer Verantwortung des Umfelds kommen bei einer Selbsttötung von innen wie von außen. Wenn man nicht weiß, warum ein Mensch eine solche endgültige Entscheidung für sich getroffen hat, macht es das extrem schwer.

Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“.
Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“. © Lahola



Das sind jetzt ganz ernste Themen, über die wir sprechen. Trotzdem hat das Stück diese Magie…
Die hat es. Ich habe beim Lesen viel gelacht. Die Gedanken, die den beiden in dieser Situation durch den Kopf gehen, sind abstrus, menschlich und ziemlich komisch. Es wird bloßgestellt, dass äußerliche Erfolge eigentlich wenig zählen, wenn es um Fragen nach Glück und Sinn geht. Da sind ganz viele kleine Dinge, die wirklich heiter sind. Und es ist einfach schön, sich mit Humor über den Tod zu unterhalten.

"Wir haben durchaus lautstarke Auseinandersetzungen"

Guter Humor braucht vermutlich immer eine gewisse Tragik.
Ich kann mit diesen typischen Boulevard-Schenkelklatsch-Stücken ohnehin nicht so viel anfangen. Meine Stücke müssen immer irgendetwas haben, was einen danach noch beschäftigt.

Es ist ein Zwei-Personen-Stück, Regie führt Ihr Mann Bernd Schadewald. Wie ist es, in dieser Konstellation zu arbeiten?
Ich liebe es, wenn mein Mann die Regie macht, weil er einen anderen Blick hat als ich. Wir haben oft unterschiedliche Ansichten, die Diskussion darüber findet aber nur im Theater oder Probenraum statt. Da haben wir durchaus auch lautstarke Auseinandersetzungen. Aber ich will das nicht nach Hause tragen - wie zwei Ärzte, die nicht noch beim Frühstück über die Krankheit von Herrn Maier reden wollen. Zuhause will ich nur meinen Text lernen. Außerdem will ich meinen Spielpartner nicht aus diesen Gesprächen ausschließen.

Wie ist das denn für diesen Dritten im Bunde, in diesem Fall Sigmar Solbach?
Vielleicht ist er ein bisschen wie ein neutraler Psychotherapeut, wenn ich nicht der Meinung meines Mannes bin. Jemand, der dazwischen steht und verhindert, dass es ein Hahnenkampf wird zwischen uns.

Wie gut können Sie fachliche Kritik von Ihrem Mann annehmen?
Wie gesagt: Ich schätze meinen Mann als Regisseur sehr. Er hat eine scharfe Beobachtungsgabe und ist für mich eine klare Instanz, die ich akzeptiere. Wenn er Anmerkungen hat, überlege ich mir auf jeden Fall, ob er nicht recht hat. Umgekehrt muss er auch Kritik von mir aushalten. Aber ich muss mir immer sehr gute Argumente überlegen, um ihn zu überzeugen.

Auf der Couch: Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“.
Auf der Couch: Michaela May und Sigmar Solbach in „Der Abschiedsbrief“. © Lahola

Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Komödie im Winterhuder Fährhaus in Hamburg. Wie ist das Stück dort gelaufen?
Es wurde wirklich gut angenommen, was mich wahnsinnig gefreut und erleichtert hat. Es hat mich darin bestätigt, meinem eigenen Geschmack für ein Stück zu vertrauen.

Sich selbst für einen Text einzusetzen, ist eine große Freiheit, bedeutet aber auch Verantwortung, oder?
Ich bin immer wie so ein Trüffelschwein auf der Suche nach Stücken, die was mit mir machen, meine Seele berühren. Und ja, dann bin ich verantwortlich: Ich habe das Stück gefunden. Ich habe mich in das Stück verliebt. Und ich habe dafür gekämpft, dass das Stück auf die Bühne der Komödie kommt.

"Das Fernsehen bietet nicht viele gehaltvolle Rollen"

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, Sie haben mehr Angst vor einer Premiere als vor dem Tod.
Das stimmt. Da sind immer viele Fragen in mir: Kann ich das transportieren, was ich selber empfinde? Findet das Publikum es genauso lustig und tief wie ich? Oder habe ich mich geirrt mit dem Stück?

Trotzdem ist Ihre Lust am Theater anscheinend größer als diese Angst.
Die Rollen, die ich im Theater spielen kann, sind einfach meist tiefer als die, die mir das Fernsehen bietet. Da gibt es für meine Generation nicht viele gehaltvolle Rollen.

Dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass Sie - wie die Figuren im Stück - in eine Sinnkrise gerutscht sind in der zweiten Lebenshälfte.
Nein, ich habe immer versucht, mich breit aufzustellen, was meine Möglichkeiten als Schauspielerin angeht. Ich mache Hörspiele und Hörbücher, ich schreibe, drehe und habe gerade den Text für die Licht- und Klangshow „Luminiscence“ in der Nürnberger Lorenzkirche eingesprochen. Und im April kommt David Dietls Film „Ein Münchner im Himmel“ ins Kino, in dem ich mitgespielt habe.

Sie füllen sich den Picknickkorb Ihres Lebens also mit jeder Menge Sinn?
Ja, aber nicht nur mit Arbeit. Ich engagiere mich auch für Charity-Projekte. Ich glaube, man muss heute klare Haltung haben und sie auch zeigen, um etwas zu bewegen. Wir müssen zusammenhalten und unsere ganze Kraft und Zeit nehmen, um uns sichtbar zu machen für Dinge, die nicht im Reinen sind in der Gesellschaft. Und natürlich habe ich meine Familie, meine Enkelkinder und meine Freunde, die mich ausfüllen. Die sind mindestens so wichtig wie mein Erfolg in der Öffentlichkeit.

Komödie im Bayerischen Hof, bis 19. April 2026

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