Kleiner Saal der Elbphilharmonie: Akustische Strukturen

Wieder die Elbphilharmonie: Neue und nicht mehr ganz neue Musik bei der Eröffnung des kleinen Saals.
| Robert Braunmüller
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Pressekonferenz vor dem ersten Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Rechts: Detail der hölzernen Wandverkleidung.
dpa Pressekonferenz vor dem ersten Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Rechts: Detail der hölzernen Wandverkleidung.

Hamburg - "Wir kriegen den großen Saal auch mit Kamm blasenden Putzfrauen voll", sagte der vom Erfolg angeheiterte Elphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter in seiner Begrüßung zur Eröffnung des kleinen Saals. Er sei oft gefragt worden, wofür er den denn überhaupt brauche. Warum engagiere er nicht einfach nur Künstler, so hieß es, die den großen Saal füllten?

Man braucht den kleinen Saal beispielsweise für die Partys von Leuten, die solche Fragen stellen. Das sanft ansteigende Parkett der Schuhschachtel in der Größe des Carl-Orff-Saals im Gasteig lässt sich dafür sogar herunterfahren. Auch Klavierabende mit Nachwuchskünstlern oder Streichquartette sind geplant. Und natürlich Neue Musik.

Mit „Release“ des derzeit allgegenwärtigen Österreichers Georg Friedrich Haas wurde der rund 500 Besucher fassende Saal eröffnet. Unter der Decke spielten die Streicher des Ensembles Resonanz mit mikrotonalen Obertönen nachgewürzte Wohllaute, denen Klavier und Harfe auf dem Podium glockenartige Wirkungen entgegensetzen. Die Klänge wogten und kreisten. Dann kamen die Musiker nach und nach auf das Podium, um unter Leitung von Emilio Pomàrico das Stück zu beenden.

Der ist als häufiger Gast der musica viva auch in München ein geschätzter Experte für das 20. und 21. Jahrhundert. Dann ging es zurück in die heroische Zeit der Klassischen Moderne: Sandrine Piau sang die Sieben frühen Lieder von Alban Berg in einer sehr geschickten, farbigen Bearbeitung für Streichorchester von Johannes Schöllhorn, die glatt als Original durchgehen könnte.

Der Raum ist maßgeschneidert, der Klang nicht unbedingt sängerfreundlich

Der Raum ist rundum mit kugeligem und gerilltem Holz verkleidet. Es sorgt für eine klaren Klang. Wie der große ist auch der kleine Saal nicht besonders sängerfreundlich. Sandrine Piau kämpfte sich mit ihrem sehr persönlichen, leidenschaftlich und zugleich unschuldig wirkenden Timbre recht heftig gegen das doppelte Dutzend Streicher.

Der Akustiker Yasuhisa Toyota ist auch für den Münchner Neubau im Gespräch. Man wird dem immer wieder als Messias gehandelten Experten eine gesunde Skepsis entgegenbringen dürfen. Nach der Pause dirigierte Pomàrico noch eine etwas biedere Wiedergabe von Béla Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“. Das Ensemble Resonanz ist in seiner Liga ebensowenig Weltklasse wie das NDR Elbphilharmonie Orchester, das am Mittwoch den Großen Saal eröffnete.

Elbphilharmonie eröffnet - was München besser machen könnte

In Hamburg ist die Begeisterung über das neues Wahrzeichen groß. Die Kritik am großen Saal wird weitgehend als Berliner oder Münchner Neidhammelei abgetan. Wie in allen Neubauten wird nun auch hier diskret nachgebessert.
Dann beginnt der Alltag. Nun müssen die Putzfrauen kommen. Nicht um sauber zu machen. Auch nicht, um auf dem Kamm zu blasen. Sondern um die Konzerte zu hören, die sie mit ihren Steuergeldern bezahlen.

Sonst wird die Elbphilharmonie kein Erfolg, sondern nur ein Luxus, den die Putzfrauen jenen geschenkt haben, die ohnehin schon alles haben.

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