Keine Kultur-Legenden! Erwiderung von Julian Nida-Rümelin

Julian Nida-Rümelin antwortet in der AZ auf den Vorwurf, er habe das Ausscheiden von Dieter Dorn 2001 an den Kammerspielen allein zu verantworten gehabt.
| Julian Nida-Rümelin
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Dieter Dorn (hier als Kaiser in "Das Käthchen von Heilbronn" zum Abschluss seiner Intendanz am Residenztheater).
Dieter Dorn (hier als Kaiser in "Das Käthchen von Heilbronn" zum Abschluss seiner Intendanz am Residenztheater). © Tobias Hase, dpa

München - Als Dieter Dorn 2001 im Streit die Kammerspiele verließ, rief er dem damaligen SPD-Kulturreferenten einen Schmähsatz hinterher und behauptete, man hätte ihn abgesägt. Nida-Rümelin will den Vorwurf - der auch in der AZ am Samstag zum 85. Geburtstag von Dieter Dorn wieder hochkam - so nicht stehen lassen. Eine Erwiderung von Julian Nida-Rümelin.

"Legenden werden nicht dadurch wahr, dass sie regelmäßig nacherzählt werden. Manche Legenden halten sich Jahrzehnte, um sich dann bei einem Blick einer Historikerin ins Archiv als Lügengespinst zu erweisen. Zu jedem hinreichend runden Geburtstag des großen Theatermachers Dieter Dorn wird die Legende eines ruchlosen Kulturreferenten, diesmal in der AZ vom vergangenen Wochenende, wieder ausgegraben, der dessen Intendanz nach zwanzig erfolgreichen Jahren rücksichtslos beendet hat. Erfundene Geschichten gehören auf die Bühne, aber sie dürfen sich nicht zu Lebenslügen verfestigen oder gar das kulturelle Gedächtnis einer Stadt prägen.

Ich war, kaum im Amt als Münchner Kulturreferent, damals mit der Aufgabe konfrontiert, einen Vorschlag für die zukünftige Intendanz der Kammerspiele zu machen. Also informierte ich mich zunächst beim Oberbürgermeister nach dem Stand der Dinge. Er berichtete mir, dass ihm Dieter Dorn gesagt habe, man solle mit ihm für eine weitere Intendanz nicht mehr rechnen.

Im nächsten Schritt bat ich jeden der Kultursprecher der Stadtratsfraktionen zu einem Vieraugengespräch. Die Begründungen waren unterschiedlich, aber ohne Ausnahme wurde dafür plädiert, nach zwanzig Jahren ununterbrochener Intendanz von Dieter Dorn, diese nicht mehr zu verlängern.

Dieter Dorn strebte keine weitere Intendanz an

Danach traf ich mich mit Dieter Dorn in der Kulisse. Er wiederholte zunächst das, was er schon dem Oberbürgermeister gesagt hatte: Man solle nicht mehr mit ihm rechnen, da er nun nach einer so langen Zeit als Intendant sich nach mehr Freiheit sehne (er sprach von möglichen Inszenierungen an der Metropolitan Opera). Er führte aus, dass die deutschen Theater in einem beklagenswerten Zustand seien, dass hier Text-Zerstörer ihr Werk verrichteten.

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin.
Der Philosoph Julian Nida-Rümelin. © picture alliance / dpa

Er konnte dann auf meine Nachfrage, wie man nach seiner Überzeugung die Nachfolge gestalten solle, keine Antwort geben. Wahrscheinlich sei es am besten auf junge Absolventen der Ernst Busch Schule zurückzugreifen und ihnen vielleicht in einem Dreierteam die Intendanz des Hauses anzuvertrauen. Dieser Vorschlag wirkte auf mich nun keineswegs beruhigend, wie man sich denken kann. So gingen wir auseinander. Kein Wort davon, dass er eine weitere Intendanz anstrebe oder sich auch nur vorstellen könne.

Einen Niedergang dieses bedeutenden städtischen Theaters nach einem Abgang Dorns durfte es aber nicht geben. Ich nahm mit Frank Baumbauer Kontakt auf und als sich seine Bereitschaft, nach München zu wechseln, konkretisierte und nicht zu erwarten war, dass am Ende die Verhandlungen an unrealistischen Forderungen scheitern würden, bat ich Dieter Dorn zu einem Gespräch in mein Büro, erläuterte ihm die Beweggründe dieses Vorschlages, nicht in der Erwartung freudiger Zustimmung - dafür waren die Charaktere und der Stil der beiden Protagonisten zu unterschiedlich, aber doch eines stilvollen Übergangs. Dieter Dorn reagierte mit eisigem Schweigen, verließ den Raum, um dann über die Pressestelle des städtischen Theaters seiner Wut Ausdruck geben zu lassen.

Doppel-Regentschaft war schwer vorstellbar

Ich kann gut verstehen, dass Dieter Dorn darunter gelitten hat, seine Intendanz mitten in den Umbau-Maßnahmen der Kammerspiele beenden zu müssen und nicht mit einem fulminanten Akt die Wiedereröffnung zu feiern. Aber zwei unabweisbare Argumente sprachen gegen die von ihm schließlich gewünschte Verlängerung der Intendanz um zwei weitere Jahre: Zum einen sollte der Umbau auch auf die Wünsche des zukünftigen Intendanten eingehen und eine Art Doppel-Regentschaft in der Konstellation Dorn/Baumbauer war nicht nur für mich schwer vorstellbar.

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Zum anderen aber wäre Frank Baumbauer zwei Jahre später nicht mehr zur Verfügung gestanden. Es galt jedoch, für eines der bedeutendsten städtischen Theater der Republik eine kraftvolle zukunftsweisende Intendanz zu finden, niemand schien mir dafür geeigneter zu sein, als Frank Baumbauer. Ich konnte und wollte damals nicht in einen Schlagabtausch einsteigen, dazu war mein Respekt vor der Theaterarbeit Dieter Dorns zu groß, das verbat sich nicht nur aufgrund meines eher ausgleichenden Naturells, sondern vor allem wegen der Verantwortung für die kulturelle Entwicklung der Stadt.

Stadtrat schloss sich der Empfehlung an

Diese Zurückhaltung hatte allerdings keine mäßigende Wirkung. In seiner Wut verstieg sich Dieter Dorn sogar zu einer Formulierung aus dem Sprachgebrauch der Neonazis ("Seife im Anzug"). Ich möchte die AZ und alle anderen Medien bitten, diesen Ausdruck nie mehr zu verwenden, obwohl ich mir wünsche, dass es noch viele Gelegenheiten geben wird, ein Geburtstags-Jubiläum Dieter Dorns zu feiern.

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Die Tatsache jedenfalls, dass am Ende der Stadtrat trotz großer öffentlicher Aufgeregtheit sich einstimmig meiner Empfehlung angeschlossen hat (bei Enthaltung eines Rechtsauslegers vom Bürgerblock), sollte denjenigen zu denken geben, die immer noch an diese Legende glauben möchten."

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