Karl Alfred Schreiner über "Chicago 1930"

Als Finale der Saison zeigt die Kompanie des Gärtnerplatztheaters noch „Chicago 1930“ im Cuvilliéstheater
| Vesna Mlakar
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Die tanzende Mafia: Matteo Carvone als Marias Vater, Giovanni Insaudo als Luigi, Ariella Casu als Maria.
Marie-Laure Briane Die tanzende Mafia: Matteo Carvone als Marias Vater, Giovanni Insaudo als Luigi, Ariella Casu als Maria.

In seinem neuesten Ballett geht der Tanzchef und Choreograf Karl Alfred Schreiner auf eine imaginäre Zeitreise: Das Ballettensemble des Gärtnerplatztheaters lässt er tief in die brodelnde Stimmung der berüchtigten Gangster-Metropole eines Al Capone eintauchen. Und er vergisst auch nicht, dass die Stadt einst Zentrum eines eigenen Jazz-Stils war. Skizziert wird eine zwielichtige Gesellschaft, in der Liebe und Skrupellosigkeit Hand in Hand gehen.

AZ: Herr Schreiner, wie kamen Sie auf Chicago?

KARL ALFRED SCHREINER: Nachdem ich 2013 „Berlin 1920 – Eine Burleske“ gemacht hatte, fühlte ich, wie mich die Arbeit an dem Stück inspirierte – die Auseinandersetzung mit einer pulsierenden Stadt und einer bestimmten Zeit. Auch war das Thema ein sehr filmisches. Damals natürlich entsprechend beeinflusst von Buster Keaton sowie jetzt von „Der Pate“ oder was man sonst alles an Filmen im sogenannten Chicago-Style so kennt.

Was reizt Sie daran?

Ich bin immer auf der Suche nach einem archaischen Stoff, der schon allein durch sein Dasein eine Geschichte erzählt. Das gibt mir die Möglichkeit, meine choreografische Sprache konkret aus dem Sujet heraus zu entwickeln, ohne die Handlung erst einmal mit Pantomimen ankurbeln zu müssen. Jeder kennt den Paten oder das Mädel von der Bar – ganz wie im klassischen Ballett, wo man Märchen hernimmt und sofort jedem klar ist, wer der Prinz ist. Außerdem mag ich die Mode, den Look und ganz einfach diese Zeit. Die es zudem musikalisch in sich hat.

Filme waren also eine Quelle für Ihre Inspiration.

Im Vorfeld haben wir versucht, beim Bühnenbild in die Abstraktion zu gehen, haben aber schnell bemerkt, dass wir – wenn wir das Chicago der 1930er Jahre sogar im Titel nennen – keine Übersetzung dafür finden müssen. So sind wir beim typischen Hinterhof, der Straße geblieben – Örtlichkeiten, in denen sich gut erzählen und alle Handlungsstränge wunderbar ineinander integrieren lassen. Im zweiten Teil versuche ich, den Raum aufzubrechen und nicht mehr nur als Kulisse zu verwenden. Während bis zur Pause jede einzelne Szene der Erzählung ihren Platz hat, weicht danach ihr realistischer Touch einem Raum-Zeit-Kontinuum, in dem ich mich mehr mit bestimmten Figuren beschäftige.

Worum dreht sich die Handlung?

Um diesen jungen Mann namens Luigi, der im Mafia-Milieu aufwächst, durch eine Schlägerei dem Don – alias Cosa-Nostra-Boss – auffällt und im Syndikat der Verbrecher aufsteigt. Kaltblütig führt er den Mord an einem Mann aus, der sein Schutzgeld nicht bezahlt. Was er dabei nicht weiß: Es handelt sich um den Vater seiner Geliebten…

Was für ein Sound erklingt dazu?

Eine klassische Jazzband. Als ich mit unserem musikalischen Leiter Andreas Kowalewitz begann, die Musik zusammenzustellen, war schnell klar, dass man hier aus dem Vollen schöpfen kann. Allein mit dem Werk von Duke Ellington könnte man drei Ballettabende füllen.

Sie verführen die Zuschauer akustisch mit bekannten Jazzmelodien?

Unter anderem. Obwohl mit Jazz zu arbeiten und Improvisation bei Tänzern und im Orchester nicht immer einfach sind. Aber Andreas hat so ein Vertrauen in die Musiker und einen tollen Blick für das Geschehen auf der Bühne. Wir wollten außerdem nur Stücke, die in den 1930er Jahren komponiert wurden. Da musste unbedingt auch ein Dmitri Schostakowitsch, ein Samuel Barber, ein Paul Hindemith rein. Nur Michael Nyman habe ich zusätzlich dazwischengeschummelt.

Wie verfahren Sie auf choreografischer Ebene, um den Rhythmus und Spirit jener Epoche tänzerisch zu transportieren?

Zitiert man als Choreograf einen Tanzstil, den man selbst nie studiert hat, macht es Sinn, sich Hilfe zu holen. In meinem Fall bei zwei Vollprofis: den vielfachen Welt- und US-Meistern Bärbl Kaufer und Marcus Koch, die als führende Wegbereiter in der nationalen und internationalen Swingtanzszene in München einen Vintage Club betreiben. Sie waren unsere Scouts für die damals populären amerikanischen Swingtänze wie den Lindy Hop, der sich dann weiter zum Rock’n’Roll, Boogie Woogie oder Jive entwickelte.

Sie haben sich also Experten von außen geholt.

Es ist enorm wichtig, dass die Performer sich wohlfühlen bei dem, was sie machen. Andererseits müssen die coolen Figuren und wilden Kicks, mit denen sie umeinander herumwirbeln, auch die Kenner dieser Schritte im Publikum überzeugen. 

Cuvilliés-Theater, heute (Premiere), 23., 24. (18 Uhr), 25., 27., 28., 29. Juli (jeweils 19.30 Uhr); Residenzstraße 1. Karten unter Telefon 21 85 19 60

 

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