Kritik

Kampfkunst und Kunstkrampf: Die Biennale für Neues Musiktheater

Aztekische Kolibris, Geister, nackte alte Menschen und viel Neue-Musik-Routine in den Uraufführungen des städtischen Festivals
Robert Braunmüller
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Performance mit Lehm: „Endlich“ von Asia Ahmetjanova (Musik) und Franziska Angerer (Regie) in der Freiheitshalle.
Nancy Jesse 3 Performance mit Lehm: „Endlich“ von Asia Ahmetjanova (Musik) und Franziska Angerer (Regie) in der Freiheitshalle.
„Isithunzi“ im Einstein.
Laura Nickel 3 „Isithunzi“ im Einstein.
„Xochiyaoyotl“ von Maximiliano Soto Mayorga im Schwere Reiter.
Frol Podlesnyi 3 „Xochiyaoyotl“ von Maximiliano Soto Mayorga im Schwere Reiter.

Dass sich ein Festival für Neues Musiktheater mit Martial Arts beschäftigt, ist als Öffnung zu begrüßen. Dass „Xochiyaoyotl“ von Maximiliano Soto Mayorga allerdings von einer Jury aus 85 Einsendungen zu diesem ehrwürdigen (chinesischen) Opern-Thema ausgewählt wurde, überrascht dann doch: Genausogut hätte die 50-minütige Performance im Schwere Reiter auch einen Preis für neue Barockopern oder ein Wiesnmusical gewinnen können.

Ja, der Komponist hat mal Karate gemacht. Aber sonst? Kein virtuoser Tanz, kein Zermoniell, keine Körperbeherrschung, eher von allem das Gegenteil. Am Beginn verbinden sich Urlaute eines Gesangsduos mit Geräuschen aus einer Kontrabassklarinette. Später wird etwas, das wie eine Maya-Hieroglyphe aussieht, mit Besen bespielt. Die aus dem Off eingesprochenen indianischen Mythen über Kolibris mögen mit aztekischen Blumenkriegen zu tun haben. Aber ein Bezug zur Kampfkunst besteht wirklich nicht.

„Xochiyaoyotl“ von Maximiliano Soto Mayorga im Schwere Reiter.
„Xochiyaoyotl“ von Maximiliano Soto Mayorga im Schwere Reiter. © Frol Podlesnyi

Zu hören ist dazu Neue-Musik-Routine für Schlagzeug, E-Gitarre, Kontrabassklarinette und Cello, zu sehen beliebige Performerei, die sich mit der Musik weder zwingend verbindet noch einen Kontrast aufbaut. Es ist Musik mit Theater oder Theater mit Musik, aber kein Musiktheater. Insofern passt „Xochiyaoyotl“ zu zwei anderen leicht esoterisch und exotisch angehauchten Uraufführungen der Biennale. „Isithunzi” von und mit der eindrucksvoll kehlig singenden Monthati Masebe erzählt im Einstein minimalistisch von einer krisenhaften Frauenfreundschaft zwischen Stadt und Land in Afrika.

Kunstlos laienhaft

Was die beiden wirklich umtreibt, bleibt so unklar wie die Rolle von Geistern in diesem Zusammenhang. Die Komponistin hat eine starke Bühnenpräsenz, ihre Mitspieler stehen im Halbdunkel einer Wohnküche herum und singen sehr naiv psalmodierend, begleitet von Vibrafon, Synthesizerklängen und einer Fagottistin im Vogelkostüm. Das kunstlos Laienhafte der Aufführung wirkt nicht unsympathisch, der Exotismus erzeugt aber eher Ratlosigkeit.

„Isithunzi“ im Einstein.
„Isithunzi“ im Einstein. © Laura Nickel

Beim Betreten der Freiheitshalle lässt sich Japanisches erwarten, weil drei singende Samurai erhöht in den Ecken thronen. Die erweisen sich im Verlauf Asia Ahmetjanovas (Musik) und Franziska Angerers (Regie) „Endlich“ als die aus Wagners „Götterdämmerung“ bekannten Nornen, die von der Weltesche und allerlei sonst raunen. Dann fällt Ton vom Himmel, mit dem sich mehrere nackte Personen reiferen Alters einschmieren, um nach der Art des Gesellschaftsspiels „Reise nach Jerusalem“ auf Stühlen festgeklebt zu werden.

Kollektive Nacktheit hat dramaturgisch den gleichen Effekt wie Tiere auf der Bühne: Sie räumt alles ab. Die Musik hat dazu Tuba-Geräusche und perkussive Klavierklänge entgehenzusetzen. Was der Titel „Endlich“ verspricht, wird gehalten: eine kraftvolle Konfrontation mit der eigenen körperlichen Vergänglichkeit. Aber braucht es dafür Nornen? Die fast stummen Performer bleiben haften, die Musik nicht. Sollte es im Musiktheater nicht andersherum sein?

Die Biennale für Neues Musiktheater dauert noch bis zum 20. Mai. Infos zum Spielplan und Karten unter www.muenchener-biennale.de

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