Kammerspiele: Wie neu oder werkgetreu? "Pinocchio"

Carlo Collodi hat 1881 seine berühmte, burschikose Holzpuppe in eine pädagogische Handlung gestellt - märchenhaft zwar, aber mit klarer Aussage: Lass’ das Zappeln, Flunkern, Plappern und Wandern. Sei fleißig, folgsam und liebe deine Eltern. Dann wirst du ein Mensch.
145 Jahre später ist dieses Versprechen der „Fee mit den blauen Haaren“ nicht mehr so verlockend. Denn Menschsein heißt oft Zerstörung und Entwurzeltsein. Deshalb bleibt in der Inszenierung von Wu Tsang Pinocchio auch am Schluss noch eine Holzpuppe, wenn auch eine glücklich heimgekehrte. Und als Rahmenhandlung erzählen uns eine flattrige Amsel und eine geerdete Schnecke von den Erdzeitaltern - noch ohne Mensch.

Erst die Axt im Walde, dann der liebende Schnitzer
Die Fee (Josh Johnson) ist hier eine geschlechter-changierende, tänzerische kosmische Kraft. Nach poetischen und doch dynamischen wenigen Minuten - ist man im Anthropozän. In dieser Zivilisation fällt Geppetto (Stefan Merki) mit der Axt im Walde die beseelte Pinie. Und die trägt dieser sympathisch naive Pinocchio auch noch in sich, als er längst vom einsamen Geppetto als Kindersatz aus dem Stamm kettengesägt und gemeißelt ist, was auf der Bühne witzig, lautmalerisch und handwerklich gezeigt wird.
Und wenn er am Ende gestorben ist, und nicht wie Pinocchio - weil aus solidem Holz - weiterlebt, wird Menschenvater Geppetto im Kreislauf der Natur selbst zu einem Baum, einer Pinie.

So ist aus dem konservativ holzschnitthaften Stück des 19. Jahrhunderts ein modernes pantheistisches, fluides geworden - mit fantastischen Bühnenbildern auf der Bühne der Kammerspiele: vom halluzinatorischem Pilzwald mit leuchtenden Köpfen wie ihn sich der naive Spätimpressionist Henri Rousseau dschungelhaft ausgedacht haben könnte über eine grelle Shopping-Mall als verführerischer Konsumtempel, wie man ihn sich im sterilen Dubai vorstellt. Hier kauft unser Reiseführer, die Amsel, zwei bunte Kunstpelzmäntel. Den dritten hat sie durch das Lockvogelangebot „Kauf zwei und du kriegst einen dritten“ dazu bekommen. Zuvor war man noch in einem Cabaret à la Federico Fellini: im Marionettentheater Stromboli, wo die kapitalistisch ausbeutende Marionettentheaterdirektorin (Anja Signitzer) lässig, aber suggestiv die Puppen tanzen lässt.
Die sogenannte „vierte Wand“ zum Publikum hin durchstößt liebevoll die Amsel, die nicht nur die Kinder im vollen Zuschauerraum hin und wieder anspricht und auffordert, märchenhafte Wunder einfach anzunehmen.
Wer einmal gehört hat, wie viele Studien der Disneykonzern betreibt, um eine tierische Animationsfigur in ihren Bewegungen zu erfassen, wird alle Tierdarstellungen auf der Bühne bewundern - wie das perfide Trio aus Taube, Fuchs und Kater, die Pinocchio um Bücher und die väterliche Golduhr erleichtern. Und schauspielerisch ist Konstantin Schumann als schwarzer, luftig-freier Vogel eine fantastische Amsel: neugierig hüpfend, naiv und flattrig, kindisch und immer perfekt. Nadège Meta Kanku gibt der Schnecke mit ihren Armen als illuminaten-hafte Fühleraugen und einem fantastischen Schneckenhaus-Glitzerkostüm eine wunderbar ruhige, geerdete Weisheit.

Und so verwundert es auch nicht, dass in dieser schillernden, auf 70 Minuten verdichteten „Pinocchio“-Geschichte durch Projektionen noch Decke und Boden der Bühne aufgehoben werden. Einmal geht es mit der Amsel hoch in die Lüfte, dann platscht Pinocchio nach spektakulärem freiem Fall nach unten tief ins Meer - mit vereinzelten Plastikmüllflaschen.
Ein Walhai verschluckt Pinocchio. Tosh Basco spielt ihn in der Motorik zwischen Puppe und Jungen so überzeugend, dass man immer meint, den Holzkern mitzusehen. Ein Kalauer-Witz wird den Wal zum lachenden Ausspeien von Geppetto und Pinocchio bringen. Und dann leben sie als Vater und Sohn glücklich, bis an das Ende Geppettos Tage, denn der Mensch ist sterblich.
Die Kerngeschichten Collonis geistreich angereichert
Wer in dieser, auch sprachlich modernisierten Version glaubt, dass Collonis Kerngeschichten zugedeckt, verlassen oder gar verraten wurden, irrt. Die populären Märchenepisoden werden in den Kammerspielen - von Disney und Lügengeschichten befreit - geistreich und behutsam angereichert. Das Ganze ist dabei divers ohne jeglichen Zeigefinger, bunt ohne jegliche Ideologie. Naturphilosophie und die Menschensicht des hier inszenierenden Künstlerkollektivs Moved by Motion sind nie peinlich oder bedeutungsschwanger eingebaut, die Modernismen in der Sprache (Sophia Al-Maria) nie gewollt oder jugendlich anbiedernd. Vielmehr macht all das diese umjubelte Inszenierung facettenreich, traumhaft und doch heutig.

Einzig die starke Afrika-Prise mit Sanddünen, Saba- oder Marakesch-Assoziationen sind vielleicht etwas befremdend. Allerdings gibt es auf den letzten Stationen von Pinocchios Weltreise - da schon wieder am Rückweg in die (italienische) Heimat gemeinsamen mit dem Vater auch einen kurzen Münchenbesuch, mit Nackerten im Englischen Garten und Hofbräuhaus.
Kammerspiele, wieder Fr, Sa, 6. und 7. Februar sowie Sa, 28. Februar und wieder So, 8. März, empfohlen ab 8 Jahren, Karten: Tel: 233 966 00 und muenchner-kammerspiele.de