Kammerspiele: Sparen in Zeiten der Rekorde

Die Intendantin hat eigentlich allen Grund, sich zu freuen. Auf eine „sehr beglückende Saison“ kann Barbara Mundel zurückblicken, „künstlerisch wie wirtschaftlich“ lief es glänzend, ja, sie kann gar von einer „Rekordspielzeit“ sprechen. Rund 170.000 Besucherinnen und Besucher kamen in der gerade vergehenden Saison, die damit „die besucherstärkste seit der Datenerfassung von 2004“ ist. Wenn die Sommerpause Ende Juli anbricht, werden die Kammerspiele vermutlich eine durchschnittliche Zuschauerauslastung von 80 Prozent vermelden können - ein beachtlicher Erfolg.
Dazu kommt eine große Anzahl an Festivaleinladungen und Auszeichnungen: Mit „Mephisto“ und „Wallenstein“ waren gleich zwei Produktionen der Kammerspiele zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Mülheimer Theatertage für Gegenwartsdramatik wurden mit dem Kammerspiele-Abend „Play Auerbach“ eröffnet, und auch „2×241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger“ des Kollektivs Frankfurter Hauptschule konkurrierte um den Mülheimer Theaterpreis.
Für seine Darstellung in „Mephisto“ wurde Thomas Schmauser mit drei der renommiertesten Bühnenpreise ausgezeichnet. Für den Theaterpreis der Stadt München wurde Nora Abdel-Maksoud auserkoren, mit Blick auf ihre drei an den Kammerspielen uraufgeführten Stücke „Jeeps“, „Doping“ und „Wokey Wokey“. Zudem erhielt Ensemblemitglied Lucy Wilke den Theater-Förderpreis der Stadt.
Reduziertes Budget für Gäste
Mit solchen Meriten müssten Mundel und ihr Team entspannt in die nächste Spielzeit starten können, gerade auch, weil es eine Jubiläumsspielzeit ist: Vor 100 Jahren wanderten die Kammerspiele unter der Leitung von Otto Falckenberg von der Augusten- in die Maximilianstraße. Dementsprechend soll auch gefeiert werden.

Dem generellen städtischen Sparkurs können die Kammerspiele dennoch nicht ausweichen, sind sogar entschlossen vorangeschritten und haben der Stadt im Frühjahr ein Sparpaket vorgelegt, um, wie Mundel es sagt, „selbst handlungsfähig zu bleiben“. Unter dem Titel „MK:2030“ steht im selbst entwickelten Konsolidierungsplan, dass die städtischen Zuschüsse für die Kammerspiele dauerhaft um 1,14 Millionen Euro gekürzt, die Kosten strukturell um 2,6 Millionen abgesenkt und die Einnahmen um 30 Prozent gesteigert werden sollen.

Die Produktionen sollen, so Mundel, möglichst wenig von diesen Sparzwängen betroffen sein. Auch das Ensemble, das auf den ersten Blick komplett weiter am Haus arbeiten wird, bleibt von dem Konzept verschont, wobei das Budget für Gäste stark reduziert wird und einige Stellen am Haus wegfallen beziehungsweise nicht mehr neu besetzt werden.
Auch sonst versuchen Mundel und Geschäftsführer Oliver Beckmann zu sparen, wo es nur geht. „Alles, wo die Kammerspiele noch ein bisschen Fleisch an den Knochen hatten, ist jetzt weg“, sagt Mundel und pocht darauf, dass „der Kern unserer Arbeit“ unangetastet bleibt. Wenn noch mehr gespart werden solle, gehe es an die Essenz des Theaters - es gibt für Mundel ganz klar ein „bis dahin und nicht weiter“.
Die eigene Geschichte im Blick
Spielzeiten müssen Jahre im Voraus geplant werden, insofern kommen die alljährlichen städtischen Finanzbeschlüsse regelmäßig zu spät und werden den Vorgängen an den Theatern nicht gerecht. Das längst durchgeplante und in der nächsten Saison auch realisierte Jubiläumsprogramm klingt dabei sehr vielversprechend. Das bunt gemischte, integrative Ensemble ist mittlerweile eingespielt, etablierte Regiekräfte wie Felicitas Brucker, Jette Steckel, Jan-Christoph Gockel oder Jan Bosse inszenieren wieder.
Drei Schwerpunkte haben sich herausgeschält: Mit Blick auf die Geschichte der Kammerspiele, die ab 1933 von einer „Welle nationalsozialistischer Säuberungen voll getroffen wurden“, geraten in der nächsten Saison „verdrängte und unsichtbar gemachte Geschichten in zunehmend undemokratischen Zeiten“ verstärkt in den Fokus. Unter dem Titel „Patriarchat Verlernen!“ gibt es von November 2026 bis Januar 2027 einen Schwerpunkt zum Thema männliche sexuelle Gewalt in der Gesellschaft, als Drittes wird der mehr oder minder bedrohliche Einsatz von Künstlicher Intelligenz unter die Lupe genommen.

Vier sehr unterschiedliche Inszenierungen stehen am Anfang der Saison, laut Chefdramaturgin Viola Hasselberg verbindet sie der „Konflikt von Anpassung und Widerstand“. Das Kollektiv Post Paradies eröffnet die Spielzeit im Schauspielhaus am 23. September mit „Danton“, einer „revolutionären Spurensuche nach Georg Büchner“. Nicht umsonst beginnt damit der Jubiläumsreigen: Mit „Dantons Tod“ eröffnete Falckenberg 1926 die neue Spielstätte der Kammerspiele in der Maximilianstraße.
Den Großstadtverkehr tanzen
Gemeinsam mit dem Institut für Theaterwissenschaft, das in diesem Jahr ebenfalls sein 100-jähriges Bestehen feiert, veranstalten die Kammerspiele am 8. und 9. Oktober eine „Tagung zu Theater, deutsch-jüdischer Geschichte und NS-Erbe“ unter dem Titel „Revisiting Kammerspiele“. Am 15. Oktober folgt eine szenische Lesung unter der Regie von Sapir Heller mit Texten und biografischen Zeugnissen der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Holocaust-Überlebenden Grete Weil. Einen Tag darauf hat „(München) Verkehr“ Premiere - eine von Marie Schleef inszenierte Choreografie auf den Spuren von Valeska Gert, einst Ensemblemitglied der Kammerspiele und Ikone des expressionistischen Tanzes, die vor hundert Jahren den Berliner Großstadtverkehr mitsamt Unfall tanzend auf die Bühne brachte.

Am 17. Oktober hat Felicitas Bruckers Adaption von Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ (1937) Premiere, mit Thomas Schmauser als Lehrer, der mit seiner Klasse in fatale Konflikte gerät. Klanglichen Genuss verspricht Katharina Bach mit einer selbst inszenierten „musikalischen Reise in die Nacht“, auf die sie sich gemeinsam mit Jelena Kuljic, Lucy Wilke und ihrer Band bitchboy begibt: „Schubert in Paradise“ hat am 13. November Premiere. Zuvor, am 26. September, findet im Rahmen der musikalischen Programmlinie der Kammerspiele ein Konzert von Pussy Riot im Schauspielhaus statt.
Vier Königsdramen an einem Abend
Nach seiner „Wallenstein“-Inszenierung mag es Hausregisseur Jan-Christoph Gockel weiterhin monumental: Am 23. Januar hat seine Inszenierung von gleich vier Königsdramen Shakespeares, bekannt unter dem Titel „Die Rosenkriege“, Premiere. „Limina“, inszeniert vom polnischen Regisseur Lukasz Twarkowski, Jan Bosses Uraufführung eines neuen Stücks von Thomas Köck, „heaven will come“, und „Becoming Data“ der Gruppe Laokoon beleuchten Segen und Fluch der Künstlichen Intelligenz.

Wenngleich die KI immer mehr an Einfluss im Alltag gewinnt - gegen die menschliche Live-Kraft des Theaters hat sie (hoffentlich) keine Chance. Was auf der Kammerspiele-Bühne geschieht, zieht zumindest wieder viele Leute an. Und trotz aller Sparzwänge macht Barbara Mundel ihren Job offenbar weiterhin gerne. Ihr Vertrag läuft noch gut zwei Jahre, „danach wäre ich gesprächsbereit. Den Rest muss die Politik entscheiden.“
Das Programm der nächsten Spielzeit unter www.muenchner-kammerspiele.de