Johan Simons inszeniert "Dantons Tod"

Büchners Revolutionsdrama wird an den Münchner Kammerspielen um etliche Texte von Camus bis Houellebecq erweitert - oder doch geköpft?
| Michael Stadler
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Szene aus "Dantons Tod"
Foto: Kammerspiele
Szene aus "Dantons Tod" Foto: Kammerspiele

 

Büchners Revolutionsdrama wird an den Münchner Kammerspielen um etliche Texte von Camus bis Houellebecq erweitert - oder doch geköpft?

Jaja, hoch fliegen die Gedanken derjenigen, die einen Umsturz anführen. Aber eigentlich verträgt die Revolution keinen äußeren und geistigen Pomp, weil sie letztlich eine Sache für den einfachen Menschen, das Volk ist. Auf der von Eva Veronica Born eingerichteten Bühne steht schlicht ein Tisch, der langgezogen in die Tiefe geht, weniger edle Tafel als Arbeitsumfeld mit Seminarraumflair, revolutionswarm bis aufklärerisch kalt beleuchtet von Kerzen- und Scheinwerferlicht.

Die Schauspieler sitzen daran wie bei einer ersten Leseprobe des Stücks, das sie da spielen: Büchners „Dantons Tod“, dieses komplexe Ideendrama, das ungeniert auf das Vorwissen seines Publikums setzt und damit eigentlich ziemlich elitär ist. Johan Simons will es anders. Schon den König Lear pflanzte der Intendant in einen Schweinekoben, und auch bei dieser Spielzeiteröffnung erzeugt er eine Atmosphäre des Bodenständigen, Menschennahen. Wobei das Tier nicht weit ist, im Text und auch auf der Bühne nicht, wo der Hund von Annette Paulmann herumschweift, die Kreatur in ihrer Natürlichkeit. Simons’ Inszenierung ist besonders am Anfang sehr statisch – die Spieler stehen mitunter auf, wenn sie an der Reihe sind, kommen auch ins Spielen, aber keine unnötige Bewegung soll vom Diskurs und zentralen Disput ablenken, der hier zwischen zwei Positionen verhandelt wird: Auf der einen Seite der lebensmüde Lebemann Danton plus Gleichgesinnte, die des Blutvergießens überdrüssig sind. Auf der anderen Tugendwächter Robespierre und seine Gefolgsleute, die mit aller Gewalt die Französische Revolution weiterführen wollen. Die Geschichte, die bereits hinter ihnen liegt, bereitet Simons demokratisch gesinnt für alle Zuschauer auf: Bei Büchner plagt Danton das schlechte Gewissen wegen seiner Mitschuld an den Septembermassakern von 1792. Aber was geschah eigentlich?

Hans Kremer, der als Präsident des Revolutionstribunals während des Abends eine moderierende Funktion hat, klärt mit einem historischen Abriss auf. Büchners Drama ist für Simons und die Dramaturgie ein Ausgangspunkt, von dem sie beträchtlich weit zu anderen Texten ausschwärmen. Damit denken sie durchaus die Methode Büchners weiter, der sein Drama 1835 aus verschiedenen historischen Quellen zusammensetzte. Aber sie lassen die Assoziationen schon weit schweifen, hin zu Darwin, Nietzsche, Camus oder, besonders ausführlich, zu Michel Houellebecq, dessen fatalistische Gesellschaftsvisionen den Abend als immerhin auch schon 15 Jahre alte „Elementarteilchen“ rahmen. Es ist ein weites, offenes Reflektionsfeld, das Simons dem Publikum anbietet, dramatisch aufgeladen durch ein siebenköpfiges Ensemble von Streichern und Bläsern, die hinten am Tisch vor zwei Videoleinwänden musizieren. Im fließenden Übergang kann dieser Denkraum auch zum Spielraum werden, jeder Schauspieler bekommt ensembledemokratisch seine Möglichkeit zum Solo – und nutzt sie: Zum Beispiel Sandra Hüller, die kurz, aber prägnant als Danton-Geliebte Marion auftaucht. Oder Benny Claessens, der mit Çigdem Teke das am Verfall der Sitten leidende Volk repräsentiert und später als Henker böse nonchalant die „demokratische“ Technik des Tötens durch die Guillotine erklärt.

Oder Annette Paulmann, die als Robespierres Gefolgsmann St. Just nicht nur mit kühler Logik das Blutvergießen rechtfertigt, sondern im gleichen Ton die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vorträgt, inklusive Rechte der Frauen. Insgesamt stellt Simons der Revolution als reines Jungsding einen starken weiblichen Kontrapunkt entgegen – wozu braucht man überhaupt noch die Männer, fragt sich Anna Drexler als Julie, um dann doch, ganz nach Büchner, Danton eine Locke ihres Haars ins Gefängnis zu schicken. Trotz dieser Momente würde der Abend schon sehr mäandern, wenn es nicht Pierre Bokma als Danton und Wolfgang Pregler als Robespierre als antreibende Motoren gäbe. Grandios, wie Bokma seinen Danton – die Hosen so hochgezogen, dass sein kindlicher Hochmut augenscheinlich wird – in der finalen Verteidigungsrede vor dem Tribunal ins Jämmerliche fallen lässt. Todesangst, dann doch. Und auch Preglers Robespierre verliert zuvor die Contenance, am Rand der Lächerlichkeit: Während Danton sich feige aus der Affäre Revolution zieht, fühlt sich Robespierre dazu verdammt, die Vision eines neuen Menschen zu verfolgen.

Das bittere Ende wartet jedoch auf ihn. Bei Dantons Tod bleibt Simons nicht stehen, sondern erzählt auch von der Hinrichtung Robespierres. Der entkleidet sich, Houellebecq im Mund, steht nackt vor uns: der Mensch an sich, in seiner Verletzlichkeit. Lang anhaltender Applaus für eine über dreistündige Inszenierung, deren Offenheit für Längen sorgt – und schauspielerische Glanzlichter ermöglicht.

Weitere Vorstellungen: Sa, 20 Uhr; So, 19.30 Uhr, dann 2.10., 17.10., 19.30 Uhr,

 

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