"Jesus Christ Superstar" - die AZ-Kritik

Ein Hauch von Oberammergau: Andrew Lloyd Webbers Meister-Musical „Jesus Christ Superstar“ im Deutschen Theater
| Robert Braunmüller
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Szene aus "Jesus Christ Superstar" in der vom Komponisten autorisierten Produktion des Deutschen Theaters
Pamela Raith 2 Szene aus "Jesus Christ Superstar" in der vom Komponisten autorisierten Produktion des Deutschen Theaters
Szene aus "Jesus Christ Superstar" in der vom Komponisten autorisierten Produktion des Deutschen Theaters
Deutsches Theater 2 Szene aus "Jesus Christ Superstar" in der vom Komponisten autorisierten Produktion des Deutschen Theaters

Auch nach 45 Jahren ist dieses Stück jesustheoretisch noch immer auf dem aktuellen Stand. Zwischen dem Messias und Maria Magdalena knistert es erotisch. Es gibt weibliche Apostel. Der recht sympathische Judas erfüllt vor allem seinen heilsgeschichtlichen Job. Und was noch wichtiger ist: Andrew Lloyd Webber wandelte damals noch nicht als zweiter Puccini durch die Welt. Er schrieb noch richtige Popmusik mit Elektro-Gitarren und Schlagzeug.

Eine vom Meister abgesegnete Neuinszenierung gastiert bis Ende April im Deutschen Theater. Sie ist vor allem eins: stark gesungen: Der bewährte Glenn Carter beeindruckt als Jesus durch kraftvolles Falsett und die glaubhafte Darstellung von Selbstzweifeln im Garten Gethsemane. Leider wirkt er sonst mit seinen blonden Nazarenerlocken ziemlich behäbig. Rebekah Lowings ist eine sehr keusche Maria Magdalena mit glasklarer Stimme, Tim Oxbrow verwandelt mit seiner Riesenröhre den Judas in die heimliche Hauptrolle. Auch die Chargen sind insgesamt gut.

Zu schwach gewürzt

Die Inszenierung von Bob Tomson und Bill Kenwright liebt es opulent: Zwischen die riesigen (babylonischen?) Tempelsäulen ließe sich auch noch Verdis „Nabucco“ würdig unterbringen. Die Kostüme sind zeitlos. Zur Ouvertüre gibt es die Vorgeschichte in einer Kurzfassung. Ein gelegentlicher Blick ins Evangelium hätte allerdings nicht geschadet: Auf Golgotha würfeln die bulligen Kriegsknechte nicht um den Rock Jesus Christus, sondern um einen blutigen Fetzen, der ihm auf dem Kreuzweg zugeworfen wurde.

Solche Tournee-Produktionen schmecken wie Menüs im Flugzeug: Um allen gut zu gefallen, wird wenig gewürzt. Mit der bisweilen bissigen Ironie der Texte von Tom Rice kann niemand viel anfangen. Darunter leidet vor allem der Titelsong. Herodes (Tom Gilling) gibt die leider übliche Tunte. Nach der Auferstehung ist Jesus sogar nett zu Kaiphas, der das wirklich nicht verdient. Eine hübsche Nuance fehlt nicht: Judas ist scharf auf Maria Magdalena, was seinen Verrat psychologisch plausibel unterfüttert.

Josef E. Köpplinger hat für das Gärtnerplatztheater vor zwei Jahren im Circus Krone nachgewiesen, dass die Geschichte am stärksten wirkt, wenn man Webbers Musik als gut beleuchtetes Rockkonzert für sich sprechen lässt. Das Deutsche Theater durchweht diesmal ein Hauch von Oberammergau – aber aus der Zeit vor Stückl. Es ist eine professionelle, aber leider sterile Aufführung. Aber das macht nichts. „Jesus Christ Superstar“ ist auf seine Weise stark wie eine Passion von Johann Sebastian Bach. Wer’s nicht glaubt, sollte es schleunigst hören.

Deutsches Theater, bis 24. April, täglich 20 Uhr, Karten unter Telefon 55 23 44 44

 

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