Jelena Kuljic über das Projekt „Point Of No Return“

Neu in der Kammer 1: Jelena Kuljic über das Projekt „Point Of No Return“
| Michael Stadler
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MÜNCHEN - Zunächst als Auseinandersetzung mit heutigen Beziehungen im Zeitalter der digitalen Kommunikation angedacht, inklusive Dating-Apps und Cyber-Sex, entwickelte sich das Projekt „Point Of No Return“ unter der Regie von Yael Ronen in eine neue Richtung, als am 22. Juli der Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum geschah. Nun dreht sich alles vornehmlich um den Einfluss von Attentaten und Terror auf unser Leben. Unter den Spielern: Jelena Kuljic, die famose Jazz-Sängerin, die in den Arbeiten von David Marton besticht („La Sonnambula“, „Die Hochzeit des Figaro“) und ihr Improvisationstalent wie musikalisches Gespür auch im Spiel auf der Bühne beweist.

AZ: Frau Kuljic, es würde wohl mehr Spaß machen, sich mit Ihnen über Dating-Apps zu unterhalten.

JELENA KULJIC: Ja, das glaube ich. Wir hatten auch schon einige Zeit an dem Projekt gearbeitet, ungefähr einen Monat lang in den Vorproben vor der Sommerpause. Aus Recherchegründen sollten wir uns bei Tinder anmelden, wovor ich wirklich Angst hatte. Obwohl ich mich für einen Freigeist halte, bin ich doch ziemlich konservativ. In dem Sinne, dass ich mich von der Idee des Gemeinsam-Ausgehens, Sich-Anblickens und Flirtens, um sich kennenzulernen, nicht verabschieden möchte.

Wo waren Sie denn, als der Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum geschah?

Im Theater. Wir sollten an dem Abend in der Kammer 3 „La Sonnambula“ spielen. Um viertel nach Sieben erfuhren wir von dem Attentat. Die Leute sind teilweise panisch ins Theater gerannt, es ging das Gerücht um, dass es sich um eine Terrorattacke handelt und dass auch am Marienplatz Schüsse gefallen sind. Ich habe gezittert und war fast am Weinen. Auf der anderen Seite dachte ich, dass ich Ähnliches schon erlebt habe und eigentlich wissen sollte, was man in dieser Situation macht.

Welche ähnliche Situation meinen Sie?

Damit meine ich die NATO-Bombardements auf Serbien 1999. Die Amateurtheatertruppe aus meiner Teenagerzeit kam wieder zusammen, und wir haben für eine Wiederaufnahme des Stücks „Stilübungen“ von Raymond Queneau geprobt. Wir sind auch erstmal in den Keller gegangen, haben uns aber dann entschlossen, auf die Straße zu gehen.

Es ist bekannt, dass die Leute damals gerade zum Trotz Partys gefeiert haben.

Ja, es gab jeden Tag Konzerte. Es herrschte plötzlich dieses Gefühl, dass wir alle zusammen sind, weil es einen gemeinsamen Feind da oben gab, aber im Nachhinein fühlte sich das an, als ob jemand das alles inszeniert hatte. Dieser Gedanke, dass wir Widerstand leisten und auf die Straße gehen können, um dem Feind die Zähne zu zeigen, erwies sich letztlich als Illusion: Wir haben gar nichts dadurch beeinflusst oder verändert. Wir haben es nur geschafft, diese drei Monate leichter zu überstehen.

Und am Abend des Attentats mussten Sie an die Bombardierung denken?

Ja, ich habe sogar die Bomben gehört. David Marton war da und ich fragte ihn: „Sag mal, hörst du das nicht?“ Ich neige nicht dazu, mir etwas einzubilden, aber das habe ich tatsächlich gehört. Wir haben uns dann an diesem Abend doch entschlossen, die Vorstellung zu spielen. Zwanzig Minuten, nachdem wir angefangen hatten zu spielen, kam ein unbekannter Mann durch eine Backstage-Tür herein. Da hatte ich sofort wieder Angst, doch der Typ war ungefährlich. Es zeigte sich mal wieder: Der Terror, den wir zu diesem Zeitpunkt vermuteten, funktioniert. Er verbreitet Angst und Panik.

Und solche Erfahrungen fließen nun in die Performance ein?

Ja. Wir haben schon in den Vorproben sehr viel geschrieben, damals noch zu den Themen Sexualität, Geburt, Tod, Body-Images, dann zu dem Amoklauf. Unsere Texte sind weiterhin die Basis, Yael Ronen hat sie bearbeitet und inszeniert sie nun mit uns auf der Bühne.

Wann war Ihr Point of no Return in Sachen Künstlerdasein, also der Punkt, wo es kein Zurück mehr gab?

2002 ging es mir gesundheitlich gar nicht gut, ich war bei meiner Familie und dachte, ich zähle meine letzten Monate. Mir wurde bewusst, wie schnell es „und tschüss“ heißen kann. Dann dachte ich mir: Ich wollte doch immer Jazz studieren, aber das kann man in Serbien nicht wirklich. Ein guter Freund von mir war in Berlin. Ich bereitete mich auf die Aufnahmeprüfung am Jazz-Institut in Berlin vor. Obwohl ich nur im Singen richtig gut war, wurde ich genommen. Ich konnte es nicht fassen. Dann fing alles an, in diese Richtung zu rollen: Auf einmal bin ich in Berlin, die Sprache ist schwierig, parallel dazu bin ich aber in Bands, trete in Jazz-Clubs auf. Ich habe zwar nicht gedacht, das ist es, jetzt bin ich Künstlerin. Aber ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass die Leute mich so mögen wie ich bin.

In Serbien war das anders?

Als Musikerin in Serbien kann man nicht viel mehr spielen als Volksmusik. Ich war immer anti, ich wollte so weit weg wie möglich von dem Ganzen sein, weil ich mich als Musikerin nie anerkannt fühlte. Dann war dieser künstlerische Weg plötzlich so leicht und selbstverständlich, auf einmal.

Was passiert eigentlich in Ihrem Kopf, wenn Sie singen?

Wenn ich auf der Bühne mit meiner Band stehe – nie fühle ich mich so sexy wie in diesem Moment. Da versteht man, wieso die Teenager mit 12 sich entscheiden, die Gitarre zu lernen. Ich habe einige Freunde, die sind Pianisten und kriegen eine Sehnenscheidenentzündung, weil sie so viel üben und unfrei werden. Ich hatte mal einen Workshop beim Jazzpianisten Kenny Werner. Er erzählte, wie unrealistisch dieser Perfektionismus ist. Oh shit, dieser Ton war falsch. Wieso sagt man nicht: Das war der schönste Ton, den ich jemals gespielt habe? Das hat meine ganze Sicht auf die Musik verändert.

Und Theaterspielen fühlt sich genauso sexy an?

In meinem Fall ist das noch nicht ganz da. Da brauche ich wohl noch ein bisschen Zeit.

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