Kritik

Im Schleudergang: "Antigone" im Innenhof der Glyptothek

Regisseur Alex Novak rast mit dem Mähdrescher über den Klassiker von Sophokles.
Adrian Prechtel
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Hanna Gandor und Roland Schreglmann spielen alle Rollen, da muss das Publikum voll konzentriert sein.
Hanna Gandor und Roland Schreglmann spielen alle Rollen, da muss das Publikum voll konzentriert sein. © Astrid Ackermann

In ihrer Antikenbegeisterung haben unsere Klassiker die deutsche Sprache in den altgriechischen Satzbau und das Versmaß gezwungen – und so auch das Deutsche mitverändert. Hölderlins "Antigone"-Übersetzung von 1804 ist so ein Beispiel und emotional, in ihrer Gewichtigkeit und Sprachkonstruktion, dem griechischen Original am nächsten.

Die Glyptothek am Königsplatz.
Die Glyptothek am Königsplatz. © Antike am Königsplatz

Von Regisseur Alex Novak weiter bearbeitet, bildet sie die Grundlage für die "Antigone" der Theaterspiele in der Glyptothek in diesem Sommer. Nur ist hier dieser – ohnehin schwierige, tiefe, extrem dichte – Text in eine hektische Häckselmaschine geraten. In nur gut 50 Minuten rast ein wilder Inszenierungsmähdrescher durch den Innenhof der Glyptothek und hinterlässt: ratloses Nichts! Schön und radikal ist noch die Idee, nur zwei Schauspieler einzusetzen, wie es auf der klassischen Bühne in Athen üblich war, obwohl sogar Sophokles selbst noch einen dritten eingeführt hatte.

Ein wildes Wechselspiel der Rollen

So ist Hanna Gandor nicht nur Antigone, sondern auch ein Bote und der Seher Teiresias. Roland Schreglmann wiederum spielt den Alleinherrscher Kreon sowie Ismene, die Schwester der Antigone, die ihr hilft, den gemeinsamen Bruder gegen das Verbot des Kreon zu bestatten. Und er ist auch noch Haimon – Verlobter der Antigone und Sohn des Kreon – der in die Tat hineingezogen wird.

Kreon (Roland Schreglmann) ist in dieser Inszenierung ein kindischer Irrer.
Kreon (Roland Schreglmann) ist in dieser Inszenierung ein kindischer Irrer. © Astrid Ackermann

Wenn man sich höllisch konzentriert, kann man die Figuren auch auseinanderhalten. In einer Szene zwischen Kreon und seinem Sohn Haimon, der für Verständnis und Milde gegenüber seiner Verlobten Antigone wirbt, wechselt Schreglmann rasend zwischen beiden Figuren – teilweise innerhalb nur eines Verses. Rollenwechselnd springt er dazu blitzartig auf und setzt sich sofort wieder, was zu einer theatralischen wie sprachlichen Hampelei führt.

Das ist durchaus hohe Schauspielkunst, aber das Ende jeden Inhalts. Denn "Antigone", die sich auf Menschlichkeit und ein höheres, natürliches Gesetz beruft, braucht als Gegenstück den Herrscher, der Recht und Ordnung vertritt und die Staatsraison erhält – koste es, was es wolle. Ein fünfmal gekrähtes, mit cholerischem Kleinkinderaufstampfen und Froschsprüngen verstärktes "Nie" macht Kreon aber zum kindlich irren Rumpelstilzchen: "Nie, nie, nie, nie, niemals wird ein Feind – auch im Tod – zum Freund der Stadt!" Tüll, ein heruntergekommenes Reifrockgestell, antikisierende Kleiderfetzen, kurz auch eine Baseballkappe – wie das Stück sind auch die Kostüme dekonstruiert.

Hanna Gandor und Roland Schreglmann in "Antigone".
Hanna Gandor und Roland Schreglmann in "Antigone". © Astrid Ackermann

So gilt auf allen Ebenen: Anstatt tragische Fallhöhe zu erzeugen, versinken die Figuren in Absurdität oder Albernheit – so auch der Bote, der mit der Nachricht von der Übertretung des Bestattungsverbots für "Verräter" ankommt. Warum er (von Hanna Gandor durchaus witzig gespielt) schwäbelt, ist unklar. Vielleicht weil Hölderlin selbst geschwäbelt haben soll? Aber Dialekt scheint hier – auch im Stück als sprachlicher Fremdkörper – lächerlich und die Sprache des "kleinen Mannes" zu sein.

Tempo ist Trumpf, der Inhalt geht flöten

Eine prägende Inszenierungsidee ist das extrem hohe Tempo. Das funktioniert vielleicht noch bei leichter Sprache, aber bei Sophokles und Hölderlin, Versmaß und Verschachtelung geht im Dauerstakkato alles unter: auch Antigones zentraler Satz "Mit zu lieben bin ich, nicht zu hassen" und der berühmte Chor "Viel ist ungeheuer, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch". Sogar den Chor bilden die beiden Schauspieler hier selbst – Hanna Gandor begleitet die Texte am E-Piano und schafft sogar schöne Singer-Songwriter-Qualität.

Klar wird aber auch hier nichts. Kreons Umdenken – als alle schon durch Selbstmord tot sind – löst sich in all der Hektik ohne Tragik auf. So bleibt am Ende nichts in Erinnerung außer Sprachgeschwindigkeit, in der man bruchstückhaft Bedeutung erahnen kann.

Weil wir mit "Antigone" aber in Theben sind – der Stadt, die dem Dionysos geweiht war – ergibt sich eine Brücke zum zweiten Stück der Sommerspielzeit in der Glyptothek: "Dionysos". Und das ist wiederum ein rundum gelungenes Beispiel, wie man ein antikes Stück heute auf die Bühne bringen kann.

Bis Mitte September, "Antigone" im Wechsel mit "Dionysos", Königsplatz, Glyptothek, Beginn 20 Uhr, zuvor ab 19 Uhr Wasser, Brot und Wein (im Eintritt inbegriffen), www.theaterspieleglyptothek.de

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