Hol's der Geier!

„Die Geierwally“ in Oberammergau: Abdullah Kenan Karacas Fassung des Klassikers verliert sich trashig im Inszenierungswald
| Mathias Hejny
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Sophie Schuster ist als Geierwally schon erledigt. Matthias Meichelböck, Maximilian Pongratz, Martin von Mücke von der Oberammergauer Gruppe Kofelgschroa schauen betreten und spielen zur schönen Leich!.
Arno Declair Sophie Schuster ist als Geierwally schon erledigt. Matthias Meichelböck, Maximilian Pongratz, Martin von Mücke von der Oberammergauer Gruppe Kofelgschroa schauen betreten und spielen zur schönen Leich!.

„Die Geierwally“ in Oberammergau: Abdullah Kenan Karacas Fassung des Klassikers verliert sich trashig im Inszenierungswald

Für alle, die Freilichttheater im Ammergau schätzen und das aufmüpfige Bauernmädel Walburga Stromminger aus Tirol lieben, aber für „Die Geierwally“ im Oberammergauer Kultursommer noch keine Karten haben, gibt es eine schlechte Nachricht: Die neun noch folgenden Vorstellungen sind ausverkauft.
Keine gute Nachricht trifft auch jene, die ein Ticket ergattern konnten und sich auf das ganz große Kino mit authentischem Alpen-Panorama am Fuße des Laberbergs freuten: Gespielt wird auf einer Waldbühne ohne Gipfelblick.
Selbst der „Pflanzgarten“ unweit der Talstation der Laberberg-Bahn, wo „Die Geierwally“ gespielt wird, ist eher eine unauffällige Wildwiese.

Abdullah Kenan Karacas Vorspiel in Schuluniform ohne Alpenblick

Gleich daneben steht eine große Scheune, in der ansonsten die privaten Waldbesitzer aus der Umgebung ihre Hackschnitzel lagern. Von dort fällt der Blick auf einen hellgrün lackierten Kubus (Bühne: Vincent Mesnaritsch), der im dunkelgrünen Nadelgehölz ein wenig verloren wirkt wie ein notgelandetes Ufo. Vermutlich kündet die kühl geometrische Konstruktion vom Unbehaustsein seiner Bewohner, die ihre bäuerlichen Traditionen pflegen und sich so von der Gegenwart entfremden.
Das Vorspiel, das Regisseur Abdullah Kenan Karaca voranstellt, zeigt schemenhaft hinter halbtransparentem Vorhang, wie der alte Stromminger (Anton Burkhardt) mit dunkelblauem Businessanzug seine kleine Tochter Walburga schlägt, die in einer Art Schuluniform steckt. Karaca geht es hier um das Vererben von Gefühlskälte und Gewalt. Um das offenbar schwer erziehbare Kind zu bändigen, hatte es der Stromminger-Bauer auf eine einsame Hochalm verbannt.
Ihr einziger Freund wird ein Lämmergeier, was ihr den Spitznamen „Geierwally“ einbringt. Sie verliebt sich in den „Bärenjosef“ (Jonas Konsek), der gleichfalls ein Unangepasster ist. Doch sie finden nicht zusammen, denn nicht nur die Intrigen des dörflichen Mobs, sondern vor allem die frühzeitig erworbene Unfähigkeit beider, zu vertrauen und zu lieben, führt zu einem tödlichen Finale.

Seit über hundert Jahren Krachlernes von Wilhelmine von Hillern

Das ist prototypischer Stoff für das krachlederne Heimatsujet, wie es die seit 101 Jahren auf dem Oberammergauer Friedhof ruhende Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern entscheidend mitprägte. Der Roman wurde mehrfach verfilmt, einmal zur Grundlage einer Oper und immer wieder auch Vorlage für das Schauspiel.

Sophie Schuster wird im Wald allein gelassen

Abdullah Kenan Karaca stellte eine Fassung her, in der der Ton des späten 19. und die Schnoddrigkeiten des frühen 21. Jahrhunderts unverbunden nebeneinanderstehen. Die Frage, warum Lucas Gallner als gefährlich heftig in die Wally verliebter Bursche Vincenz sächsisch sprechen muss, bleibt offen wie andere Unklarheiten: Ist es Bauerntheater? Ist es eine Trash-Fantasie in rustikal naturnahem Ambiente, knallig koloriert von den Kostümen Sita Messers?
Oder ist es, was angesichts der wenig einfühlsam geführten Amateurschauspielern, die traditionell zum ammergauischen Theater gehören, nur ehrgeiziges Schultheater?
Vor allem Sophie Schuster, die vor zwei Jahren eine sehr sanft verhuschte Shakespeare-Julia in einer unvergleichlich gelungeneren Karaca-Inszenierung war, wird vom Regisseur allzu häufig einfach in den Wald schickt, wo sie niemand abholt.    


Talstation Laberberg-Bahn, heute, 20., 24., 25., 27., 30. Juli, 4., 5. August, 20 Uhr (ausverkauft), Infos unter Tel  08822 945 8888

 

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