Serie

15 Quadratmeter, 17 Plätze - Das Mathilde Westend ist die kleinste Bühne Münchens

Die AZ stellt die kleinen Theater abseits der großen Bühnen vor, die ohne viel Unterstützung, aber mit großer Leidenschaft ihre Projekte realisieren. Teil 6: Theresa Hanich und ihre kleines Theaterwohnzimmer mitten im Wohnviertel.
von  Peter Gratz
Mutter (Elisabeth Rass) & Tochter (Christina Matschoß) verhandeln in „Als hätte das was mit Liebe zu tun“ das Thema Ehe.
Mutter (Elisabeth Rass) & Tochter (Christina Matschoß) verhandeln in „Als hätte das was mit Liebe zu tun“ das Thema Ehe. © Mathilde Westend

Münchens kleinstes Theater liegt im Westend an der Gollierstraße. Wer nicht weiß, dass es sich um ein Theater handelt - auf dem Fensterrahmen steht zum Glück "Das kleinste Theater der Stadt" - könnte das "Mathilde" auch für eines dieser Ladengeschäfte halten, bei denen man keine Ahnung hat, was sie verkaufen, die aber anscheinend die Münchner Mieten bezahlen können. Beim Eintreten wird erst wirklich klar, wie klein 15 Quadratmeter sind. Drei Stuhlreihen, drei Quadratmeter Bühne - erweiterbar auf die per Leiter erreichbare Fläche über der Toilette - und eine Beleuchtung aus diesen IKEA-Klemm-Lampen mit biegsamem Hals.

Im Mathilde kommen sich Publikum und Ensemble besonders Nahe.
Im Mathilde kommen sich Publikum und Ensemble besonders Nahe. © Peter Gratz

Das ist das Reich von Theresa Hanich. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Neuen Münchner Schauspielschule und spielte dann in verschiedenen Theatergruppen. Außerdem stand sie viel vor der Kamera und hatte eine Hauptrolle in einer ARD-Reihe. Zu ihrem eigenen Theater kam Hanich über Umwege. "Ich war fast zehn Jahre mit zwei Theatern auf Tournee. 2014 haben sich dann beide Gruppen aufgelöst und ich stand erstmal vor dem Nichts." Was aber blieb, war die Gewerbefläche, in der heute Theater gespielt wird: "Meine Gruppe ‚Stückwerk’ hatte einen Büroraum gesucht und ich hatte diese Fläche hier entdeckt." Hanich stand kurz vor der Unterzeichnung des Mietvertrags. Weil ihr der Raum gefiel, übernahm sie ihn kurzerhand allein, die Eröffnung eines Cafés stand im Raum.

Mini-Theater statt Standard-Café

Dieser Plan wurde schnell wieder verworfen. Eine Nutzung als Theater war aber auch erst fraglich. Jedes Mal, wenn sie die Tür öffnete, war der erste Gedanke: "Scheiße, das ist viel zu klein!" Nach etwas positivem Druck von Seiten der Familie entschloss sie sich doch zu einem Probelauf mit knapp 20 Leuten. Und siehe da, die Gäste waren begeistert von der Intimität des Raums. Also doch Schauspiel: Neue Farbe an die Wände, ein paar Einbauten und aus dem Ladengeschäft war ein Theater geworden.

Letztes Jahr feierte das Theater sein 10-jähriges Jubiläum. Noch immer ist es eine "One-Woman-Show", Theresa Hanich führt es als Soloselbstständige. Darauf angesprochen, ob sie jemals geglaubt habe, diesen Meilenstein zu erreichen, erwidert die Theatermacherin rasch: "Nee, niemals." Doch das Programm im kleinsten Theater der Stadt überzeugt das Publikum. Dabei ist das Profil recht speziell, das Haus ist auf "Literaturtheater von Autorinnen" spezialisiert.

Dazu kam es aber eher zufällig: "Die ersten Stücke waren von Frauen, alle sogar Romanadaptionen von Autorinnen. Das erschien mir wie ein interessanter roter Faden. Zum einen, um sich ein bisschen zu beschränken, zum anderen, weil im deutschsprachigen Theater eigentlich immer mindestens 70 Prozent männliche Autoren gespielt werden." Leider hat sie deshalb auch mit Vorurteilen zu kämpfen: "Gerade ältere Männer meinen, es müsse dann 'Emanzen-Theater' sein."

Mehr Aufmerksamkeit für Dramatikerinnen

Einen Kampf gegen Männer möchte Hanich aber gar nicht führen. "Es gibt zum Beispiel viele fantastische Autorinnen aus dem 19. Jahrhundert - aber fast niemand kennt sie. Wenn ich die hier spiele, kann ich so vielleicht einen Beitrag leisten." Pro Spielzeit gibt es eine neue Eigenproduktion. Früher waren es schon einmal mehr, aber Hanich möchte jedes Stück in Ruhe angehen. Außerdem trägt ein Stück in einem Theater mit nur 17 Plätzen viel länger: "Es läuft immer so lang, wie es geht. Das letzte Stück 'Dankbarkeiten' haben wir 82-mal gespielt."

Pro Monat gibt das Mathilde rund 10 Vorstellungen, die fast immer ausverkauft sind. "Wir hatten von den letzten 42 Aufführungen eine, bei der nur 16 von 17 Karten verkauft waren. Also tatsächlich eine Auslastung von nahezu 100 Prozent. Viel weniger darf es aber auch gar nicht sein." In ihrer "Probierhütte", wie Theresa Hanich sagt, kann sie sich frei entfalten. "Es gibt ein großes Stammpublikum, das offen für Neues ist. Das ist eine gute Grundlage, um sich etwas zu trauen."

Elisabeth Rass & Christina Matschoß auf der Nebenbühne.
Elisabeth Rass & Christina Matschoß auf der Nebenbühne. © Mathilde Westend

Besondere Anforderungen ergeben sich aus dem Raum selbst, der von den Schauspielern Anpassung verlangt: "Das Spielen ist schon sehr speziell. Es ist wie vor der Kamera. Grundsätzlich muss sehr fein und minimalistisch gespielt werden, damit es nicht übertrieben wirkt." Sowohl für Zuschauer als auch Schauspieler ist eine Vorstellung eine sehr intensive Erfahrung. Nichts kann voreinander versteckt werden. Die Aufführungen dauern deshalb nur rund 90 Minuten, danach gibt es immer ein Gespräch mit den Protagonisten.

Das sind meistens zwei Personen, für Hanich die Optimalbesetzung für Raum und Budget. Mehr als vier sprengen den Rahmen endgültig. Auch weil es im Theater keine Umkleiden gibt: "Wir haben ein Kellerabteil, das ist trocken und gemütlich. Dort ziehen sich die Künstler um und kommen dann durch die Eingangstür herein."

Als sehr kleines Haus ist es auch mit Aufführungsrechten nicht immer leicht: "Die Rechte für die nächste Eigenproduktion habe ich zuerst nicht bekommen. Die Autorin wollte für die deutschsprachige Erstaufführung ein größeres Theater." Die Zuständige beim Verlag hat es dann aber doch noch hinbekommen. Bei Texten von Kae Tempest stieß sie vor einiger Zeit auf eine andere Sperre: "Da kam raus, dass die Rechte für München gesperrt sind, obwohl sie noch nie aufgeführt wurden. Irgendein Theater hat da die Hand drauf."

Förderung nur bei Spezialprojekten

Finanziert werden die Produktionen hauptsächlich aus den Zuschauereinnahmen. Außerdem sucht Theresa Hanich immer wieder um Projektförderungen bei Stadt und Bezirk an. Für ihr aktuelles Stück, inspiriert durch das Buch "Das Ende der Ehe" von Emilia Roig, erhielt sie im vergangenen Jahr eine Einzelprojektförderung. Zu Beginn gab es aber noch keinerlei Unterstützung: "Die ersten beiden Produktionen habe ich ganz ohne Förderung gemacht."

Bei "Jane Eyre" kooperierte sie mit einem benachbarten Altenheim, weshalb der Bezirksausschuss Gelder bereitstellte. "Für "Sofja Tolstaya" - ein Videoprojekt in der Corona-Zeit - habe ich dann eine Debütförderung bekommen." Die Chancen gefördert zu werden sind laut Hanich deutlich höher, wenn man das jeweilige Stück selbst schreibt. Das kommende Projekt "5 Sekunden" finanziert sie aus diesem Grund wieder frei. Bei fremden Texten spart sie sich den Antragsaufwand lieber, obwohl sie "Excel-Tabellen gerne mag".

Trotz allem ist die Unsicherheit, ob nun Geld kommt, immer wieder nervenaufreibend. Dabei kann Hanich Ausnahmesituationen. Zuerst musste das Mathilde nach wenigen Jahren des Bestehens die Corona-Pandemie überstehen: "Wir haben hier dann verschiedene Video- und Ausstellungsformate gemacht. Das Projekt 'When Jokers Attack' mit meinem Bruder, der bildender Künstler und Musiker ist, hat sich auch gut verkauft." Als das Theater dann auch als Ausstellungsraum komplett schließen musste, hat das Publikum den Betrieb über Wasser gehalten: "Die haben sehr viel gespendet. Ohne diese wunderbare Unterstützung hätte das Theater es nicht durch die Pandemie-Jahre geschafft. Dadurch konnte ich die Miete zahlen und kleinere Projekte finanzieren."

Theresa Hanich vor ihrem Theater.
Theresa Hanich vor ihrem Theater. © Peter Gratz

Auch über die Babypause im Jahr 2024 haben die Zuschauer das Mathilde nicht vergessen: "Die Leute sind längere Zeiträume von Stück zu Stück und damit normalerweise auch von Besuch zu Besuch aus dem Regelbetrieb gewohnt. Wahrscheinlich war es deshalb kein großes Problem." Während der neunmonatigen Pause hatte Hanich den Laden untervermietet: "An eine junge Frau, die Augenbrauen tätowiert. Die hat den Raum komplett umgestaltet und am Ende alles wieder zurückgebaut."

Die Bürokratie kennt freischaffende Künstlerinnen nicht

Als freie Künstlerin Mutter zu werden, ist auch ohne Theater eine große Aufgabe: "Eigentlich existierst du als freischaffende Künstlerin in diesem Land nicht. Das bürokratische System kann uns nicht einordnen." Freischaffende Frauen sollten mehr mitgedacht werden und auch die Möglichkeit erhalten, sich Zeit für ihre Babys zu nehmen, findet Theresa Hanich.

Mitten in einem Wohnviertel in einem Ladengeschäft liegt Münchens kleinstes Theater.
Mitten in einem Wohnviertel in einem Ladengeschäft liegt Münchens kleinstes Theater. © Peter Gratz

Wachsen möchte sie mit dem Mathilde nicht unbedingt. Und das nicht nur aus emotionalen Gründen. Nachdem sie sich einen größeren Raum angesehen hatte, ergab eine betriebswirtschaftliche Analyse, dass ein Verbleib sinnvoller sei: "Insgesamt würde sich mit einem Wachstum alles stark verkomplizieren. Der finanzielle Druck würde steigen, während Flexibilität und Intimität sänken."

Die kommende Spielzeit startet mit der Wiederaufnahme von "Als hätte das was mit Liebe zu tun". Im neuen Jahr ist dann Premiere von "5 Sekunden", geschrieben von Catherine Benhamou. "Das erste Mal ein Solostück für einen Mann. Ich habe das zufällig gefunden und war begeistert." Ein junger Mann traut sich nach langer Zeit wieder einmal aus seiner Wohnung heraus. Es kommt zu einer folgenreichen Begegnung mit einer jungen Mutter. Welche Erwartungen stellt die Gesellschaft an Mütter, welche an Väter?

mathilde-westend.de

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.