Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater

Andreas Kriegenburg macht aus Hans Abrahamsens „The Snow Queen“ ein Psycho-Märchen für Erwachsene
| Robert Braunmüller
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Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater.
Wilfried Hösl 3 Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater.
Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater.
Wilfried Hösl 3 Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater.
Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater.
Wilfried Hösl 3 Hans Abrahamsens Oper "The Snow Queen" im Nationaltheater.

Das Recht der ersten Nacht nahm Anfang Oktober bereits die Oper von Kopenhagen für sich in Anspruch. Die zweite Einstudierung von Hans Abrahamsens „The Snow Queen“ an der Bayerischen Staatsoper darf trotzdem als eigentliche Uraufführung gelten: Im Nationaltheater singt Barbara Hannigan, für die der 66-jährige Däne die Rolle der Gerda schrieb. Und dem Regisseur Andreas Kriegenburg gelingt es, das Kunstmärchen von Hans Christian Andersen psychologisch zu konkretisieren, ohne ihm seine Rätsel zu rauben.

Noch ehe die Musik im Nationaltheater einsetzt, erscheint eine junge Frau vor der Tür eines Operationssaals. Krankenschwestern kichern, ein Arzt geht vorbei. Auf der in hässlichem Krankenhausgelb gestrichenen Wand erscheinen jene Sinnfragen, die im Kopf der Frau kreisen. Dann wirft sie sich erschöpft auf die unbequemen Hartschalensitze (Bühne: Harald B. Thor). Aus dem Orchester steigt ein hohes Flirren auf, das anfangs leicht mit einem gestörten Hörgerät verwechselt werden könnte. Dann beginnt Gerda zu träumen.

Warum die Schneekönigin im Bass singt

Der geübte Opernbesucher dürfte womöglich gelangweilt abwinken, wenn ihm berichtet wird, dass die Geschichte in eine Nervenklinik verlegt, die Hauptfiguren mit Doubles vervielfacht wurden und eine Art von Traumlogik vorherrscht. Nichts, was in dieser Inszenierung zu sehen ist, ist absolut neu. Wie Kriegenburg diese bekannten Satzstücke aber neu zusammengesetzt, variiert und mit Abrahamsens Musik verschmolzen hat, darf ohne jede Übertreibung ein Musiktheater-Ereignis genannt werden.

Das war nach der Lektüre des Textbuchs nicht unbedingt zu erwarten. Abrahamsen hat mit Henrik Engelbrecht Andersens Kunstmärchen zwar gekürzt, aber ohne größere Veränderung oder gar Deutung in eine Reihung von Episoden verwandelt. Kriegenburg benutzt dies alles als Material für eine neue Geschichte, die Andersens Märchen zur Kenntlichkeit bringt, ohne es zu verbiegen.

Im Nationaltheater sind die Kinder junge Erwachsene. Gerda, die ihren Freund Kay aus dem Eispalast der Schneekönigin rettet, versucht bei Kriegenburg ihren psychisch kranken Geliebten zu retten. Er ist auf zwei Figuren verteilt: Thomas Gräßle spielt Kay als Patienten in katatonischer Verkrampftheit, während die Mezzosopranistin Rachael Wilson seine jüngere Gestalt verkörpert.

Musik als Raum für szenische Fantasie

Die Hosenrolle im Stil von „Hänsel und Gretel“ gehört in Abrahamsens Oper deutlich zur Sphäre des Märchens. Aber warum ist die Schneekönigin für einen Bass (Peter Rose) komponiert? Kriegenburgs Inszenierung hat dafür eine frappierende Antwort: Es ist der nette ältere Onkel von nebenan, der Kay offenbar mit Versprechungen zu etwas verführt oder gezwungen hat, was in so traumatisierte, dass es die Beziehung zu Gerda zerstörte und einen Aufenthalt in der Psychiatrie notwendig machte.

Es ist ein Glücksfall, dass die Staatsoper die Gelegenheit beim Schopf gepackt hat, nachdem Barbara Hannigan in Kopenhagen nicht auf Dänisch singen wollte. Jetzt singt sie in München auf Englisch und spielt eine Frau, die verzweifelt versucht, zum Inneren ihres psychisch kranken Geliebten durchzudringen, der als bloße Körperhülle im Bett liegt. Dass ihre Mittellage bisweilen flach wirkt, macht die kanadische Sopranistin mit höchster Intensität und akrobatischer Pantomimik wett.

Abrahamsen erweist sich in seinem ersten Musiktheaterwerk als untypischer Opernkomponist. Er hat – wenigstens an der Oberfläche – weder Gesten noch Emotionen vertont. Die Musik öffnet einen Raum für die szenische Fantasie, die Kriegenburg zu nutzen versteht, wenn er das Märchen dem Gefühlsverständnis des Zuschauers nahe bringt.

Ein Ende im Sektionssaal

Trotz ihrer rhythmischen Widerhaken ist „The Snow Queen“ auch für Ungeübte leicht zu hören, weil Abrahamsen – in Anlehnung an den Minimalismus – im Orchester immer wieder Motive wiederholen lässt und steigert. Darüber werden breite, atemberaubend schöne Kantilenen gesungen.

Im Graben sitzt ein riesiges, aber sehr differenziert eingesetztes Orchester. Abrahamsen greift zwar auf das übliche klangliche Repertoire hoher Streicher, heller Schlaginstrumente und Harfe zurück, um Kälte darzustellen, doch setzt er sie so ein, als hätte man es nie zuvor so oder ähnlich gehört, weil er vermeidet, in der Musik illustrativ den Schnee fallen zu lassen. Wenn nach einer Weile flirrender Eiskristallmusik Streicher in mittlerer Lage einsetzen und das Fagott ein Solo bekommt, wird einem plötzlich sehr warm ums Herz.

Das Bayerische Staatsorchester hat mit der Musik keine Mühe, der fast auswendig dirigierende Dirigent Cornelius Meister offenbar auch nicht. Alles wirkt perfekt abgemischt. Zwar lässt in den grotesken Szenen mit den Raben die Spannung im zweiten Akt ein wenig nach. Aber dann folgt ein starkes Terzett, das sich zum Quintett erweitert. Nach der Pause gelingt es Kriegenburg, in einer Szene im Operations- oder Sektionssaal und mit der Schneekönigin als Chefarzt die Geschichte noch weiter zu verdüstern. Obwohl alles dafür spricht, dass Gerda aus ihrem Alptraum nicht mehr erwacht, bleibt es offen, ob das idyllische Finale mit der Sonntagsbesuchszeit in der Psychiatrie kitschig optimistisch oder rabenschwarz böse gemeint ist. Dass man sich mit guten Argumenten über den Ausgang der Handlung streiten kann, ist eine Qualität dieser Aufführung, in der sich Musik und Inszenierung kongenial ergänzen.

Keine Oper für Kinder

Neue Opern wie die an der Bayerischen Staatsoper zuletzt uraufgeführten „Die Tragödie des Teufels“, „Babylon“ und (mit Einschränkungen auch) „South Pole“ neigen zum theoretisch überfrachteten Ideendrama. „The Snow Queen“ handelt, zumindest in Kriegenburgs Inszenierung, von Trennung und Schmerz, Gesundheit und Krankheit. Das sind Themen, die jedem Erwachsenen etwas sagen, wenngleich einige Buhrufer im Nationaltheater womöglich ein Disney-Remake oder eine herzige Oper für Kinder erwarteten.

Die Musik ist einfach, dabei keineswegs simpel und lässt auch konservativere Ohren unverletzt. Ihre Kälte steigert auf diese Weise das Emotionale der Geschichte. Man verlässt das Nationaltheater bewegt: keine geringe Leistung für eine frisch komponierte Oper, um es ganz vorsichtig zu sagen und verschlissene Superlative zu meiden.

Wieder am 26., 28. und 30. Dezember 2019 sowie am 4. und 6. Januar 2020. Restkarten auf staatsoper.de und telefonisch unter Telefon 2185 1920. Die Vorstellung vom 28. Dezember wird ab 19.30 Uhr als Live-Stream auf staatsoper.tv ins Internet übertragen
 

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