"Halbe Wahrheiten"-Kritik: Schlamassel mit Pantoffeln

Christine Neubauerund Sigmar Solbach spielen Alan Ayckbourns "Halbe Wahrheiten" in der Komödie im Bayerischen Hof.
| Mathias Hejny
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Sugardaddy mit Vollweib im ländlichen Raum: Christine Neubauer mit Sigmar Solbach in "Halbe Wahrheiten".
Alvise Predieri Sugardaddy mit Vollweib im ländlichen Raum: Christine Neubauer mit Sigmar Solbach in "Halbe Wahrheiten".

München - Szenenapplaus bekommt Petra, gespielt von Christine Neubauer, wenn sie über die vielen Baustellen in München lästert. Der britische Boulevard-Hit "Halbe Wahrheiten" aus den 1960er-Jahren ist in der Komödie im Bayerischen Hof vom südenglischen Buckinghamshire ins süddeutscher Tölzer Land und mit Anspielungen auf Corona ins Heute verlegt worden. Es geht nicht nur um halbe Wahrheiten, sondern auch um glatte Lügen und um das zwangsläufig daraus entstehende Scheitern von Kommunikation.

Der heute 81-jährige Alan Ayckbourn bewies mit dieser Verwechslungskomödie schon als junger Autor nicht nur seine profunde und leicht hinterhältige Menschenkenntnis, sondern auch seine Virtuosität im handwerklichen Umgang mit diesem Genre. Es beginnt mit fremden Herrenpantoffeln und einer unbekannten Adresse, die Florian bei Franzi findet. Beide wollen heiraten und Franzi erklärt dem misstrauisch gewordenen Flo, es sei die Anschrift ihrer Eltern. Flo reist heimlich dort hin, um bei Philipp, dem vermeintlichen Vater, um die Hand seiner Tochter anzuhalten.

Franzi wiederum hat das gleiche Reiseziel, denn Philipp ist ihr Geliebter, mit dem sie wegen Flo Schluss machen will. Im von Bühnenbildner Thomas Pekny üppig begrünten Garten von Philipp und Petra, von der der Gatte den begründeten Verdacht hat, sie habe einen Jüngeren, kommt es zu einem Reigen verunklärender Aussprachen.

Regisseur Anatol Preissler hat die Farce unglücklicherweise nicht nur geografisch und zeitlich verschoben. Aus dem extratrockenen Unterspielen, aus dem angelsächsische Konversationskomödien ihre Komik beziehen, ist nur wenig geblieben. Vor allem im ersten Akt herrscht die augenrollende deutsche Posse.

Thomas Stegherr zeigt als junger Heiratswilliger das entscheidende Quäntchen zu viel an Theater und eine Überdosis naiver Gutmütigkeit. Auch Jutta Uttendorfer hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: ihrer Franzi fehlt es an charmanter Durchtriebenheit, um den ihr vermutlich nicht zu Unrecht unterstellten und erheblichen Männerverschleiß zu erklären.

Christine Neubauer versucht an ihrer Rolle das spannende Experiment, Mittelklasse-Hausfrau im ländlichen Raum und den Vamp in der von der Neubauerin selbst kreierten "Vollweib"-Klasse zu sein. Das hätte man gerne gesehen, geht aber leider irgendwo dazwischen verloren.

Den richtigen Ton des Sugardaddys, der kein Daddy sein will, findet hingegen Sigmar Solberg. Sehr amüsant tappt er durch das Schlamassel, an dem er maßgeblich beteiligt und von dem er doch völlig überfordert ist. Erst, wenn im sommerlichen Garten das Gestrüpp der Unwahrheiten und Ausflüchte endgültig undurchdringlich wird, bekommen auch die Dialoge die nötige Verve.

Das Finale ist überraschend still: Während einer langsamen Abblende findet sich ein überzähliges Paar Herrenpantoffeln, das stumm davon erzählt, dass die Ehe zwischen Franzi und Flo keine leichte sein wird.

Komödie im Bayerischen Hof, bis 1. November montags bis samstags 19.30 Uhr, sonn- und feiertags 18 Uhr, Telefon 089/29161633

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