Günther Maria Halmer über letzte große Rolle in München: "Das ist kein Weißwurst-Frühstück auf der Bühne“

Es war eine seiner letzten großen Theaterrollen: Am Münchner Residenztheater spielte Günther Maria Halmer in den "Gschichten vom Brandner Kaspar“ in einer Inszenierung von Franz Xaver Kroetz. Im Gespräch mit der Abendzeitung sprach der Schauspieler über diese Rückkehr auf die Bühne, die Arbeit an der Figur und darüber, was ihn an dem Stoff besonders reizte. Nun ist Halmer im Alter von 83 Jahren gestorben.
AZ: Herr Halmer, Sie haben während Ihres Studiums an der Otto-Falckenberg-Schule Ihr Debüt am Residenztheater gegeben. Wie kam es dazu?
Günther Maria Halmer: Ich hatte damals als Bayer immer einen großen Vorteil, durfte als Schüler schon 1969 an den Kammerspielen, mit denen die Otto Falckenberg Schule ja eng verknüpft ist, in Stücken wie Martin Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“ mitspielen. Mit diesen ganzen tollen Schauspielern wie Therese Giehse, Hans Brenner, Monica Bleibtreu, Walter Sedlmayr und Gustl Bayrhammer. Da hat man mich dann entdeckt, so als Bayer. Und dann durfte ich eben 1970 auch am Residenztheater in Marieluise Fleißers „Pioniere in Ingolstadt“ spielen. Das war mein Einstieg und galt gleichzeitig als meine Abschlussprüfung.
"Unser Brandner Kaspar ist sehr ernsthaft "
Wie fühlt es sich an, nach der langen Zeit jetzt an dieses Haus zurückzukehren?
Am Ende meines Lebens oder meiner Karriere sozusagen?
Das haben jetzt Sie gesagt.
Auch wenn ich zwischendurch auch ab und an Theater gespielt habe, ist es für mich neu, wieder mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, gemeinsam mit dem Regisseur eine Inszenierung zu entwickeln und die Texte zu hinterfragen. Das sind Dinge, die man beim Fernsehen weniger macht: Da kommt man hin und kann seine Rolle. Da kümmert sich der Regisseur mehr um die Gestaltung des Bildes. Am Theater arbeitet man gemeinsam an der Rolle, diskutiert, ob man etwas so oder so spielt. Das ist eine intensive, künstlerische Arbeit, und das finde ich spannend.

Was war Ihr erster Gedanke, als Ihnen die Rolle des Brandner Kaspar angeboten wurde?
Ja, was war mein erster Gedanke? Natürlich ist da die Frage, muss ich mir das noch antun, Theater zu spielen und mich vor Publikum zu zeigen? Muss ich das? Kann ich das? Das sind schon die Überlegungen, die man da hat.
"Es is ja auch reizvoll, im Alter nicht faul zu sein"
Aber Sie haben sich dafür entschieden.
Die Rolle reizt mich natürlich - noch dazu, wenn sie vom Kroetz geschrieben wurde. Aber ich bin über 80, und das ist doch eine sehr anstrengende Geschichte. Ich wohne im Chiemgau, muss jeden Tag 80 Kilometer zu den Proben und dann zu den Aufführungen fahren und danach wieder zurück. Natürlich könnte ich auch in München übernachten, aber ich schlafe lieber in meinem eigenen Bett. Da fragt man sich halt, ob man das noch bringt und ob man sich das zumuten will.
Was hat dann den Ausschlag dafür gegeben?
Ich wollte bewusst meine Komfortzone verlassen, die sehr gemütlich ist, und mich dieser Herausforderung stellen. Es ist ja auch reizvoll, im Alter nicht faul und feig zu sein, sondern sich was zu trauen. Das war eigentlich die Motivation.

Das Stück ist im bayerischen Dialekt geschrieben. Wie geht es Ihnen damit?
Die bayerische Sprache hat eine ganz eigene Melodie. Der Kroetz schreibt so, dass ich das Gefühl habe, ich kenne diese Menschen und das kann man nur so sagen. Das ging mir bei Helmut Dietl genauso.
Die Dialoge, die Dietl zum Beispiel für die „Münchner Geschichten“ geschrieben hat, waren perfekt, den Sätzen war einfach nichts hinzuzufügen.
Ja, das waren die wunderbaren Sätze von Helmut Dietl. Und ich muss sagen, der Kroetz schreibt ähnlich. Etwas härter, nicht ganz so charmant, aber ähnlich wahrhaftig. Die Figuren, die er schreibt, kann man sich direkt gut vorstellen. Es ist ein großes Glück, wenn man solche Bücher bekommt. Wenn man beim Lesen eine richtige Figur vor Augen hat und nicht so ein verschwommenes Ding, wo man nicht weiß, wie man das spielen soll.
"Das ist kein Weißwurst-Frühstück auf der Bühne"
Also überwiegt jetzt die Freude, sich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben?
Ja, aber schauen wir mal, wie es wird. Wenn die Menschen da reingehen und ein Weißwurst-Frühstück auf der Bühne erwarten, werden sie vielleicht ein bisschen erstaunt sein. Das wird kein Abend, bei dem man in der zweihundertsten Vorstellung in Tracht kommt und eine Blaskapelle spielt, und danach gehen alle in den Biergarten und trinken eine Maß. So hat der Kroetz das nicht geschrieben. Und die Leute, die das erwarten, sind vielleicht enttäuscht. Bei uns wird es anders als in der Fassung, die im Cuvilliéstheater Premiere hatte. Philosophischer.

Wie ist denn Ihre Beziehung zum „Brandner Kaspar“-Stoff?
Natürlich habe ich die Uraufführung im Cuvilliéstheater gesehen. Damals hat mir die Erni Singerl, die mitgespielt hat, vorgeschwärmt. Ich war im Ensemble der Kammerspiele, und wir haben immer neidvoll gehört, wie voll das Haus drüben ist und wie gut das angekommen ist. Ich habe es mir auch angesehen und fand das lustig, komisch und sehr bayrisch, barock. Da hat sich ein Wohlfühl-Bayerntum gezeigt, alles war nett und hübsch, eine richtig runde bayerische Geschichte. Die Inszenierung am Volkstheater kenne ich nicht, aber der Boanlkramer ist häufig ein lustiger Vogel.
Und das ist in der Kroetz-Fassung anders?
Ja, bei Kroetz geht es schon zur Sache zwischen Mensch und Tod. Das ist nicht so eine lustige Kumpelei, sondern ziemlich ernsthaft. Das finde ich sehr reizvoll. Wir machen uns viele Gedanken darüber, was da eigentlich erzählt wird.
Das Thema Tod wird ja in unserer Gesellschaft eher verdrängt, so lange es geht.
Ich lebe in einem sehr kleinen Dorf, da kriegt man immer mit, wer gestorben ist. Man hört die Glocken läuten, die Nachbarn tragen den Sarg des Verstorbenen, und das ganze Dorf geht zur Beerdigung. Auch wenn man jemanden nicht kannte, weiß man: Der hat dahinten in der Sowieso-Straße gewohnt. Das ist wie eine permanente Erinnerung an das Lebensende. Man wird dauernd an die eigene Vergänglichkeit erinnert. Diese Erkenntnis, dass man sterblich ist, kann man hier nicht so einfach ausblenden wie vielleicht in einer Großstadt.
"Ich bin nicht mehr so gläubig wie als Kind"
Was für ein Charakter ist ihr Brandner Kaspar?
Der hat eine riesige Angst vor dem Tod. Das ist nicht von vornherein so ein Pfiffikus, der gleich weiß, wie man den über den Tisch zieht. Und der Boanlkramer ist auch nicht so ein lustiger Depp, sondern gefährlich. Franz Xaver Kroetz ist die Geschichte ernster angegangen. Da geht es nicht so sehr um ein Paradies, sondern um den Tod an sich und unser Verhältnis zu ihm, wenn wir älter werden. Auch darum, ob es denn wünschenswert ist, gegen den Tod zu gewinnen.
Glauben Sie, dass nach dem Tod etwas kommt? Sei es ein Paradies oder etwas anderes?
Sie bringen mich ganz schön in Schwierigkeiten. Ich bin nicht mehr so gläubig, wie ich es als Kind war. Aber ich habe Cousins, die streng katholisch sind. Als einer von ihnen 80 wurde, habe ich ihn gefragt: „Hast du Angst vorm Tod?“ Er hat gesagt: „Nein, ich freue mich drauf. Da wird es erst schön.“ Um diesen Glauben habe ich ihn beneidet. Ich kann leider nicht so denken. Aber wenn man sieht, was alles passiert auf der Welt, in Israel, am Gazastreifen oder in der Ukraine, dann ist das Leben doch eigentlich sehr unschön. Und vielleicht ist es da angenehmer, wenn man den ewigen Frieden hat? Ich weiß es nicht. Im Stück sage ich einen Satz, der es ganz gut trifft: „Is nimma schön wias is, aba es kannt doch no vui schlechta kemma.“ Der Brandner ist alt geworden, leben mag er nicht mehr, aber sterben auf gar keinen Fall. Ich glaube, das ist eine Haltung, die viele Menschen haben.
Sind Sie auf der Bühne schon mal gestorben?
Nein, noch nie. Und im Film auch nur selten, da wurde ich ein- oder zweimal umgebracht. Aber ich muss auch sagen, dass ich das ungern spielen würde. Natürlich verdrängt man den eigenen Tod so weit wie möglich. Man geht halt weiter, und irgendwann wird es zu Ende sein.
Residenztheater, Premiere Samstag 14. Juni, muss nun wegen Erkrankung verschoben werden, stattdessen liest Franz Xaver Kroetz sein Stück, neuer Premierentermin ist der 18. Juni 2025 (Premierenkarten gelten für Lesung und Premiere)