Interview

Max Uthoff: "Gott sei Dank kam ja dann Corona"

Anfang des Jahres nahm sich Max Uthoff eine Auszeit, noch ohne zu wissen, dass Corona diesen Zustand verlängerte. Ein Gespräch über Virus und Wahrheit
| Thomas Becker
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Max Uthoff bei der Verleihung des Deutschen Kabarett-Preises.
Armin Weigel/dpa Max Uthoff bei der Verleihung des Deutschen Kabarett-Preises.

AZ: Herr Uthoff, die jüngste Ausgabe der „Anstalt“ war ja schön spielerisch. Da sind erkennbar kreative Wege gesucht und auch gefunden worden, um nicht mehr bloß ein paar Gäste-Clips hintereinander zu schalten. Wie arbeitet es sich generell fürs Fernsehen in Zeiten von Corona?
MAX UTHOFF: Mühsam. Die Anwesenheit unserer Gäste auf der Bühne, die Spontaneität im Zusammenspiel, das Ausprobieren vor Ort, all das ist kaum zu ersetzen. Wir versuchen, unsere Gäste jetzt so einzubinden, dass deren „Auftritt“ so originell wie möglich gelingt. Ich befürchte aber, da sind der Fantasie bald Grenzen in Form von Technik, Kosten oder zeitlicher Umsetzbarkeit gesetzt.

Gerade erleben wir irritierende Demos mit vielen, darunter hochgradig fragwürdig motivierten Teilnehmern. Haben Sie Worte dafür? Was tritt Ihrer Beobachtung zufolge derzeit alles so zu Tage?
Angst, Unsicherheit, Borniertheit. Wenn eine Alleinerziehende, die kaum weiß, wie sie ihr Leben schon im Normalzustand meistern soll, jetzt mit der Angst um den nächsten Ersten im Nacken und zugemüllt mit dussligen Arbeitsaufträgen der Schule auf die Straße geht und damit um Hilfe ruft, dann verstehe ich das. Wenn Selbstständige, die ihre Insolvenz schon kommen sehen und sich im Meinungsstreit um Zahlen der Virologen verlieren und denen im Netz gerne eingeredet wird, dass eine Gefahr, die man nicht sieht, nicht existiert, ihre bürgerliche Gelassenheit verlieren, schade. Aber all das entbindet leider niemanden von der Pflicht, sich von Vollpfosten abzugrenzen, die glauben, Bill Gates würde im Erdinneren leben und sich vom Blut von Impfgegnern ernähren.

Die politische Landschaft verändert sich rasant, korrekt? Ein Markus Söder mutiert zum Kanzlerkandidaten – was ist bloß los mit den Deutschen?
Einspruch! Ich befürchte, die politische Landschaft verändert sich leider gar nicht. Im Gegenteil: In der Krise legen die etablierten Kräfte noch zu. Gerade die Einschätzung von Markus Söder als starkem, seriösem Landesvater zeigt, dass der Mensch sich in Zeiten der Pandemie auch in Wahnvorstellungen flüchtet. Da kommt jede Impfung zu spät.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird das Land und seine Gesellschaft aussehen, wenn man das Virus irgendwann im Griff hat?
Moment, ich schau mal rein: Ah, das ist überraschend! Die Menschen werden diesen Umbruch als Chance wahrnehmen. Die Wall Street verpflichtet sich künftig auf Ressourcen schonende Postwachstumsökonomie, Männer begegnen Frauen endlich mit der Achtsamkeit und dem Respekt, der ihnen seit 5000 Jahren gebührt, Eltern treffen ihre Kinder auf Augenhöhe, gleichwürdig, und hören auf ihre wahren Bedürfnisse, statt sie unentwegt aufs Funktionieren abzuricht. . . – hoppla, Entschuldigung, jetzt habe ich aus Versehen in die Glaskugel meiner Frau geschaut. Also, in meiner da steht. . . nee, besser nicht. Zu desillusionierend.

Wie hat Corona Ihren Alltag verändert? So viel Papa wie zuletzt hatten Ihre Kinder ja noch nie, oder?
Das ist richtig. Ist ‘ne harte Zeit für die Kleinen. Wird aber, dank der Leberzirrhose, die mir bald bevorsteht, auch nicht mehr so lange dauern.

Wie sehr geht Ihnen die Kabarettbühne ab?
Sagen wir es so: Neulich hat meine Nachbarin ihrem Enkel applaudiert, weil der einen Handstand gemacht hat, und ich habe mich unbewusst Richtung Gartenzaun verbeugt. Wir sollten die Frage nicht vergessen, wie sehr der Zuschauer den Kulturschaffenden fehlt. Viel zu viele werden durch Corona an das Existenzminimum gedrängt, Veranstalter gehen Pleite, Tausende Künstler müssen Hartz IV beantragen. Und ich sehe keinerlei Willen in der Politik, diesen Menschen ihre Existenzangst zu nehmen. Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, wenn Frau Merkel und Herr Söder irgendwann wieder bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth ihrer Vorstellung von Kultur huldigen.

Die nächste „Anstalt“ läuft am 2. Juni, dann ist bald Sommerpause. Zu Jahresbeginn hatten Sie eine Auszeit genommen – wie kam’s dazu, und wie haben Sie die Pause erlebt? Wie gut können sie abschalten?
Halt, halt. Im Juli gibt es noch vor der Sommerpause eine Anstalt, die ich mit Till Reiners präsentiere. Tatsächlich aber bräuchte ich im Grunde keine Sommerpause, weil ich Anfang des Jahres eine Auszeit von drei Monaten hatte. Es gab lange den Wunsch, mal von allem weg zu sein, sich Informationen zu verweigern und intensive Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich war also auf engstem Raum mit Menschen, die ich liebe, jede Minute, den ganzen Tag, immer mit denselben wunderbaren Menschen, ganz nah. Es war. . . grenzwertig. Gott sei Dank kam ja dann Corona.

Deutscher Kabarettpreis 2019, Bayerischer Kabarettpreis 2020: Läuft bei Ihnen. Wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen?
Moment, das sind ja nur zwei Preise in der letzten Zeit! Machen wir uns nichts vor: Ich bin ein Auslaufmodell. Preise sind das Klappern, das zum Geschäft gehört. Wie aber sollte ich mich nicht auf einen Abend freuen, an dem Lisa Politt eine Laudatio auf mich hält? Hoffe, sie nimmt mich nicht zu hart ran.

Auf Ihrer Website gibt es die Rubrik „Uthoff für alle“: Geringverdiener oder Hartz-IV-Bezieher können Ihnen eine Mail schreiben, sollte eine Eintrittskarte ihr Budget aus dem Gleichgewicht bringen. Seit wann gibt es dieses Angebot, wie oft wird es genutzt, und was bekommen Sie da so zu lesen?
Die Möglichkeit, die Differenz zwischen dem, was sich Menschen problemlos leisten können, und dem tatsächlichen Eintrittspreis von mir erstattet zu bekommen, gibt es seit circa vier Jahren. Niemand muss persönliche Umstände preisgeben, und dennoch erhalte ich fast immer berührende Erklärungen, warum Menschen auf dieses Angebot zurückgreifen. Viele Kollegen haben mich gefragt, ob das Ganze nicht missbräuchlich genutzt wird. Aber nein, überhaupt nicht, vielleicht sogar zu selten, weil das bedeutet, dass ökonomisch Benachteiligte nicht davon wissen. Hoffentlich aber auch, weil einige Veranstalter sich um diese Menschen bemühen und verbilligte Karten abgeben oder Organisationen wie die Münchner Kulturhilfe sich engagieren.

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