Generalverdacht gegen Historiker in der Performace "Ode To Joy"

Die Performance "Ode To Joy" von Rabih Mroué in der Kammer 2
| Matthias Hejny
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Szene aus der Performance "Ode To Joy"
Judith Buss Szene aus der Performance "Ode To Joy"

Die Performance "Ode To Joy" von Rabih Mroué in der Kammer 2

Beethovens Neunte kommt nicht vor. Musik wird bei „Ode To Joy“, der Ode an die Freude, überhaupt nur sparsam eingesetzt. Etwa bei historischen Aufnahme der russischen Turnerin Olga Korbut während der Olympischen Spiele in München. Unterlegt sind die Bilder von einem palästinensischen Lied, das zum anmutigen Bodenturnen zu passen scheint.

Der libanesische Regisseur Rabih Mroué will damit demonstrieren, wie leicht Bilder manipuliert werden können. Deshalb sind die Bilder, die von Tablets aufgenommen und auf eine Leinwand, die die Rückwand der Kammer 2 (vormals Spielhalle) beinahe ausfüllt, projiziert werden, nicht stabil, und ihre Größe hängt von der Position der Spieler mit ihren Computern ab.

Den Zweifel an der Wahrheit von Bildern weiten Mroué und seine Mitstreiterinnen Manal Khader und Lina Majdalanie in einen Generalverdacht gegen alle Geschichtsschreibung aus: Die Wahrnehmung vergangener Wirklichkeit enthält stets nur Teile der Wahrheit, abhängig von der jeweiligen Position.

Als Belege gilt unterschiedliches Material: Die Fernsehübertragung aus dem Olympischen Dorf während des Attentats, die den palästinensischen Terroristen überhaupt erst eine weltweit beachtete Bühne schufen, die Äußerungen des Polizeipsychologen Georg Sieber, der das Szenario des Überfalls bereits in einem verschwundenen Papier bereits vorab entwickelt haben will, oder ein Werbespot für Olympia 1972, der Münchner zeigt, die schon zum Frühstück Maßkrüge stemmen.

Was all das soll, bleibt schleierhaft, denn das Wissen um die Unzuverlässigkeit medial vermittelter Information gehört längst zum Basiswissen in einer Mediengesellschaft. So ist „Ode To Joy“ eine erstaunlich oberflächliche Zusammenstellung von mal belegbaren, mal fiktiven Fakten. Interesse weckt nur die Bombe im Bett, die nach rund 70 Minuten und gründlicher Vorbereitung des Publikums unter Laborbedingungen gezündet wird.

Münchner Kammerspiele (Kammer 2), 20., 21., 27. Oktober, 9., 10., 28., 29. November, 20 Uhr, Telefon 23396600

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