Furios! „The Nutcracker reloaded“ von Fredrik Rydmans

Tschaikowsky kann auch Breakdance: Die furiose Tanzshow „The Nutcracker reloaded“ von Fredrik Rydmans im Deutschen Theater
| Vesna Mlakar
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Kein klassischer „Nussknacker“ – aber beste Unterhaltung im Deutschen Theater.
Daniel Ohlsson Kein klassischer „Nussknacker“ – aber beste Unterhaltung im Deutschen Theater.

Tschaikowsky kann auch Breakdance: Die furiose Tanzshow „The Nutcracker reloaded“ von Fredrik Rydmans im Deutschen Theater

Was für eine Show! In „The Nutcracker reloaded“ inszeniert Fredrik Rydman abgründig-alptraumhafte Unterhaltung – auf Teufel komm raus. Schon die Eingangsszene gestaltet der schwedische Choreograf als visuell-raffinierten Überwältigungsakt. Quasi von oben herab lässt er das display-affine Publikum von heute durch die Zimmerdecke auf eine Frau blicken, die sich fiebernd in ihrem Krankenhausbett windet. An Tschaikowskys Ballettklassiker erinnern nur mehr originale Musikfetzen – in hektischer Vorspulmanier zu elektronischen Klangclustern mutiert. Dazu flackern grüne Schlieren quer durchs Bild. Letztlich stürzt die Mutter eines sozial eingestellten Sohns einen 3-D-Tunnel hinab, mitten hinein in ein Kollektiv Breakdance tanzender Doktoren auf Rollerblades. Deren Diagnose? Herzschädigendes Nussknacker-Syndrom.

Doch Performerin Lisa Arnold verkörpert nicht die einzige gebrochene Gestalt in dem – ganz in Manier von Rydmans Welterfolg „Swan Lake Reloaded“ (2011) – gegen den Strich gebürsteten Stück. Ein Schneesturm trennt Clara (dynamisch-quirlig: Ellen Lindblad) von ihren bettelarmen Eltern. Das Mädchen muss fortan auf einer mehrstöckig bespielbaren Müllkippe hausen. Integriert in eine abgerissene, illusionsbesessene, Luft aus Cellophanbeuteln schnüffelnde Clique. Dort gerät sie ins Visier des aalglatten, mit Dracula verwandten Drosselmeyer. Dieser verdingt sich, tänzerisch stets auf Zack, als übler Organhändler. Rydman liebt die von aufwendig durchdesignten Einfällen überbordende Zurschaustellung einer gesellschaftlich kaputten Welt.

Tänzer aus Gummi

Und zieht dabei alle Register – so auch bei seiner aus alten Versatzstücken und neuen HipHop-, Elektro-Pop- und R’n’B-Playback-Song-Einlagen gesampelten „Nussknacker“-Version. Daniel Koivunen, der in München schon vor drei Jahren wunderbar diabolisch Rydmans Schwanensee-Zuhälter/Dealer Rotbart gespielt hat, gibt sich nun am Weihnachtsabend geschäftstüchtig. Seine womöglich nicht sofort verständlichen Aktionen wiederum bringen den Schauspieler Jören Thorson auf den Plan. Geschickt haben soll ihn das schwedische Kultusministerium. Sein undankbarer Auftrag: den Zuschauern Verlauf und Details der Story, die Bedeutung einzelner Moves sowie das Maß an Herausforderung für die Darsteller des Tanzspektakels zu verklickern.

Lacher einfangen kann er damit anfangs schnell. Später treffen seine dienstbeflissenen Unterbrechungen und Erklärungsnöte, die sich rahmenhandlungsmäßig zu einer Ego-Krise aufschaukeln, sowie sein zunehmendes Eingreifen in den Performance-Fluss eher den Mitleidsnerv. Scheitern an allen Ecken und Enden ist angesagt, je weiter der Abend vorrückt. Natürlich dramaturgisch wohl berechnet. Dabei operiert Drahtzieher Drosselmeyer mit einem Sack Überraschungen,aus dem ein Spielzeugritter, Darth Vader und Game-Hero Super-Mario ins Geschehen purzeln.

Große Begeisterung!

Genial für die gummiartig über verschiedene Levels turnende Partie: der russische Breakdancer Bruce Almighty. Logisch, dass der Kampf des Trios gegen graue Mäuse in einem Streetdance-Battle gipfelt. Nur den beschädigten Nussknacker (Simon Rydén) lassen solche Interventionen kalt. Im menschlichen Gezerre um Hab und Gut gingen seine Beine verloren. Clara aber flickt ihren Traumprinzen mit Stäben und Flaschen unter einem Plastiktüten-Tütü. So kann er mit ballettösen Übungen an der Stange auf das eigentliche Genre seiner Geschichte verweisen.

Den Rest – Claras turbulente Reise und das bizarre Happy-End – dominieren spaßig-rasante Nummern. Begeisterungspfiffe und tosendes Gejohle für 100 Minuten bestens inszenierte inhaltliche und stilistische Brüche.

Noch bis 22. Januar im Deutschen Theater, Karten unter Telefon (089) 55 234 444

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