Frank Castorf und der republikanische Widerstand

Der Regisseur regt sich im „Spiegel“ mächtig über die Einschränkungen in der Coronakrise auf
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Der Theatermacher Frank Castorf will sich nicht von Kanzlerin Merkel erziehen lassen.
Maurizio Gambarini/dpa/dpa Der Theatermacher Frank Castorf will sich nicht von Kanzlerin Merkel erziehen lassen.

Anscheinend gibt es in jeder Krise so eine Art Bockigkeitsreflex, der beim einen oder anderen ausgelöst wird, wenn zu viel gesellschaftlicher Konsens droht. Jetzt hat es Frank Castorf, den leicht gealterten, aber noch wilden Mann des Regietheaters erwischt. Auf „Spiegel online“ erklärte er, er möchte sich von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht sagen lassen, wann er sich „die Hände waschen müsse“.

Die unter Merkel-Kritikern beliebte Bezeichnung „Mutti“ konnte Castorf offenbar gerade noch vermeiden. Vorwürfe, er würde sich wie ein Dreijähriger im Trotzalter aufführen, gibt es dafür auf sozialen Medien im Internet rasch mehr als genug.

Republikanischer Widerstand

Castorf plädiert in dem Gespräch mit Wolfgang Höbel für „republikanischen Widerstand“ gegen die Pandemie-Maßnahmen. Wie in der Zeit der DDR die „sozialistische Menschengemeinschaft“ propagiert wurde, werde heute die gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor dem Tod propagiert.

„Wenn das Robert-Koch-Institut klar sagen könnte, dass wir ohne drakonische Maßnahmen in wenigen Wochen 600 000 bis 1,5 Millionen Tote hätten, würde ich sofort einsehen, dass wir einen Ausnahmezustand haben“, so Castorf. „Aber angesichts der jetzigen Sterblichkeitsrate und der Zahl von bisher weniger als 6000 Corona-Toten sage ich: Es ist traurig, wenn ein Mensch stirbt, auch ein alter Mensch. Aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen.“

Auch im Theater herrsche mittlerweile ein „hässlicher Opportunismus“ vor. Bis vor Kurzem sei der alte weiße Mann der Hauptfeind gewesen. „Sehr viele junge Menschen, die gerade ihr Theaterwissenschaftsstudium hinter sich hatten, waren der Meinung, der alte weiße Mann sollte möglichst schnell verrecken. Jetzt ist das Virus da, und auch in den Theatern finden alle, jeder Alte, auch wenn er über 80 Jahre und ein Mann ist, sollte um jeden Preis geschützt werden.“

Er mag nicht gerettet werden

Der 68-Jährige, der nach dem Ende seiner langjährigen Intendanz an der Berliner Volksbühne als freier Regisseur arbeitet, bezeichnet sich als „Fatalist“. Er möchte „nicht gerettet werden“ und lieber in Würde sterben. Man dürfe den Preis der Rettung nicht überschätzen: „Wozu führt es denn, wenn man alte Menschen, die jetzt als Risikogruppe Nummer eins bezeichnet werden, einfach wegsperrt? Das macht die Psyche kaputt und nährt den Lebensüberdruss.“

Der wird bei Castorf offenbar schnell ausgelöst. Er beklagt sich über die grassierende Unfreundlichkeit. „Als ich gestern an der Fleischtheke nur kurz geguckt habe, ob da ein Suppenhuhn oder ein Brathuhn lag, wurde ich sofort angeherrscht. Ob ich den Abstand nicht einhalten könne!“. Und das gefalle ihm gar nicht.

Einmal im Zorn, bezweifelt Castorf, dass es in der Corona-Krise überhaupt belastbare Zahlen zu Infizierten und Genesenen gäbe. Die deutsche Kritik an Donald Trump erklärt er zum „Wahn eines kleinen mitteleuropäischen Volkes, der uns bis Stalingrad geführt hat und dann wieder zurück“.

Abendländische Normalität

Eine Alternative sieht Castorf im schwedischen Modell, das Menschen wie mündige Bürger behandle. Die deutschen Vorschriften seien dagegen ein „Eingriff in unsere abendländische Normalität“. Seine Erfahrung aus der DDR sage ihm, dass ihm niemand vorschreiben dürfe, wie er sich zu benehmen habe.

Seinen hoffentlich wohlerhaltenen ästhetischen Furor wird Castorf nach Überwindung der Krise bald im Nationaltheater ausleben. Ehe er im April 2021 an der Wiener Staatsoper „Faust“ von Charles Gounod inszeniert, bringt er Ende Oktober diesen Jahres im Nationaltheater noch „Die Vögel“ von Wolfgang Braunfels heraus. 

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