"Faust I" im Residenztheater ist zum Sterben schön

Eine Inszenierung wandert von einem Ort zum nächsten. Im Rahmen der Salzburger Festspiele hatte Ulrich Rasches Version von Goethes "Faust I" im Sommer Premiere. Jetzt ist die dreieinhalbstündige Show plus Pause im koproduzierenden Residenztheater gelandet. Es ist Herbst, der Saal ist voll und die nächsten Aufführungen sind gut verkauft oder bereits ausverkauft.
Der Klassiker zieht, egal, ob er bei vielen Schulen nicht mehr Pflichtlektüre ist. Und man möchte ja auch sehen, was Rasche mit dem Stück macht, wie seine Regiehandschrift in Goethes Werk hineinfließt. Rasches Theater ist eines der Vereinnahmung, sein Stil flaniert in jedes Stück. So hat man auch hier von Anfang an einige bekannte Elemente, eine Drehscheibe auf der Bühne etwa, auf der die Darsteller schreiten. Mit Knopf im Ohr: Ein Metronom tickt für sie, unbemerkt vom Publikum, konstant durch.

Der Sprechduktus ist wie stets bei Rasche getragen, prononciert, aber nicht mechanisch. Man muss nur Steven Scharf lauschen, wie er zu Beginn alleine auf der Drehscheibe geht, heftig beseelt die Stimme, zitternd der Körper, erschöpft, als ob er eine lange Strecke hinter sich hätte. Das hat Faust ja auch: "Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert…"
Ein stolzer Gelehrter ist Scharfs Faust nicht, sondern ein Erkenntnisgetriebener am Ende seines Lateins. Einen frischen Boost bräuchte dieser Typ, einen Kick weg von der Gedankenhuberei hin zur Sinnlichkeit. Den bekommt er dann auch, gar nicht mal von Mephisto, sondern mittels einer Viole geheimnisvollen Inhalts, die er bei sich hat und austrinkt und die ihn wie eine Partydroge in andere Dimensionen beamt.

Ob das, was man in der Folge sieht, ein Spiel verschiedener Figuren ist oder eine ausgedehnte Halluzination, kann man selbst entscheiden. Im Programmheft findet sich ein Gespräch zwischen Dramaturgin Yvonne Gebauer und Ulrich Rasche. Laut Interview spaltet sich Faust in verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit auf, darunter ist ein jüngeres Ich, das Fausts "rastloses Begehren" verkörpert. Was Johannes Nussbaum beherzt spricht und spielt, darin aber auch eindimensional bleibt.
Mephisto stellt die dunkle Seite von Faust dar. Valery Tscheplanowa, einst Ensemblemitglied am Residenztheater, verleiht diesem Teufel im Innern ihre ganze raumfüllende Grandezza.
In Gretchen sieht Rasche Fausts verlorene Fähigkeit, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Anna Drexler spielt diese verbindliche Seite aufrecht und klar, warm, selbstbewusst, sodass Gretchens Emanzipation zu einer eigenständigen Figur nachvollziehbar wird.
Max Rothbart hat die etwas undankbare Aufgabe, in der zweiten Hälfte als Gretchens Bruder Valentin aufzutreten, um "Fausts moralischen Selbsthass" darzustellen und von Faust abgemurkst zu werden. Seinen kurzen Auftritt meistert Rothbart dennoch mit Verve, gliedert sich in den gemeinschaftlichen Tonfall nahtlos ein und hat dabei denselben Anzug-Look wie alle anderen auch (Kostüme: Annika Lu).
Ein Getriebener im Drogenrausch mit sich konfrontiert
In der Konzentration auf Faust, das Individuum, das im Drogenrausch mit sich selbst konfrontiert wird, versucht Rasche durchaus etwas Neues. Es gibt kein chorisches Sprechen, keine Gemeinschaft, die dem Einzelnen gegenübersteht. Die Gruppenszenen fallen weg: Es gibt keine Zecher in Auerbachs Keller, keine Hexen bei der Walpurgisnacht, sondern nur noch Faust, der sich selbst Gesellschaft genug ist.
Der Reduktion steht die Fülle an Gedanken gegenüber, die hinter dieser Inszenierung stecken. Man kann als Zuschauer aber auch das Konzept beiseite sein lassen und den Weg, den Faust beschreitet, selbst einschlagen: weg von der Verkopftheit, hin zur Sinnlichkeit. Rasche und sein Team bieten diesen Pfad an, durch einen musikalischen Ambient-Teppich, der sich konsequent durchzieht (Komposition: Alfred Brooks) und eine Visualität, die minimalistisch, aber überwältigend ist.
Über der Drehscheibe wird die von Rasche eingerichtete Bühne von zwei Leuchtkästen dominiert, die sich heben und senken und mitunter einen Korridor bilden für die faustischen Ego-Trips. Was drinnen passiert, sieht man außen auf die Wände projiziert, live gefilmt oder vorab aufgenommen. Mephisto taucht erstmals nach einer Bildstörung auf, surreal wie in einem David-Lynch-Film. Einmal schreitet Faust in den Kanal und sein Gang wird zurückgespult, so, wie die Gruppe später rückwärts auf der Drehscheibe gehen wird, nachdem Gretchen sich die Freiheit genommen hat, vorwärts zu rennen.

"Es ist so schwül und dumpfig hie", sagt Gretchen. Die Leuchtkästen glühen nicht nur an dieser Stelle monochrom in Rot. Glutwärme für die Augen. Während der Walpurgisnacht wummern auf den Screen-Flächen die Farben, der Rausch liegt in der Optik. Wenn Gretchen fragt, wie Faust es mit der Religion hält, mag sie ungläubig registrieren, dass er nicht glaubt, aber als Zuschauer beginnt man an die Möglichkeit von Transzendenz zu glauben, selbst wenn der Mann im Hintergrund Ulrich Rasche heißt.
Am Ende bilden die Leuchtwände weiß-monolithisch eine gigantische römische II – im Spalt dazwischen tauchen die Figuren final aus der Dunkelheit auf. Die Stimme von Steven Scharf wird zart, wenn er Grete anfleht, mit ihm ins Freie zu gehen, und selbst wenn man vorher nicht alles verstanden hat, solche Szenen begreift man. Ob jemand, der den "Faust" nicht gelesen hat, der Handlung folgen kann, ist fraglich, aber Rasches Inszenierung vermittelt Atmosphäre und Gefühle jenseits der Worte.
Und Steven Scharfs Faust folgt man in jede Verzweiflung, jeden Abgrund, jede Sehnsucht hinein. Die anderen braucht es da gar nicht als Facetten seiner Figur, weil er ja selbst schon unglaublich facettenreich spielt.
Nächste Aufführungen: 20. und 21. November sowie 4., 5., 29. und 30. Dezember, jeweils 19 Uhr, Karten unter www.residenztheater.de und Tel. 2185 1940