Die Anmutung eines Bildschirmschoners: Das KI-„Rheingold“ der Bayreuther Festspiele
Festspiele sollen das Besondere am besonderen Ort wagen. Bayreuth wollte anlässlich des 150. Jahrestags der Uraufführung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einerseits mit einer halbszenischen Aufführung Geld sparen und angesichts des Digitalisierung-Hypes mit KI für die Szene gleichzeitig das Allermodernste bieten.
Wagners Szenenanweisungen für den Vorabend der „Ring“-Tetralogie sind dafür eine reizvolle Herausforderung. Das „Rheingold“ beginnt in der Tiefe des Rheins, führt auf die Wolke für künftige Götterhöhen, macht einen Abstieg in die Finsternis gespenstischer Ausbeutung unumgänglich und führt am Ende ins weltabgehobene Elysium Walhall - alles eine fabelhafte, eben festspielgemäße Herausforderung für bislang ungeahnte Bühnen-Visionen durch eine neue szenische Intelligenz.
Im Programm-Zettel der Aufführung werden über einen Dramaturgen und zwei Assistenten für digitale Umsetzung hinaus vier Namen für „Künstlerisch-technische Konzeption“, „Storytelling“, „Creative Code“ und „Visual Art“ aufgeführt - und dann Marcus Lobbes als „Kurator“, also wohl Letztverantwortlicher für das genannt, was die vorweg mit vielerlei Bildmaterial seit 1876 unterfütterte KI zur Bühnenaufführung eingespeist bekommen hat.

Anything goes
Dazu blieb die Bayreuther Bühne selbst leer. In einem Halbrund etwa fünf Meter hinter dem Proszenium war eine erste durchsichtige, als Hintergrund eine zweite Projektionsleinwand gespannt. Darauf wurden in einem ununterbrochenen Fluss parallel zur Musik Bilder projiziert.

Was mit dem Schwarzweißfoto Rheintöchter von 1876 begann, wandelte sich in ein von allem Stücktext und der Bühnenhandlung losgelöstes „Anything goes“: abstrakte Farbflächen, nicht konkretisierte Innenräume, die Felslandschaft aus einer „Ring“-Inszenierung der 1920er Jahre, schemenhafte, nicht konkretisierte Figuren, Wieland Wagners "Weltenscheibe“ von 1965, Baum- und Mauerteile, unscharfe Fotos aus Patrice Chéreaus Jahrhundert-„Ring“ von 1976, unspezifizierte Metallteile und Waffen-Ausschnitte, expressionistische Farbkontraste, verschwommene Fotos aus Frank Castorfs „Ring“ von 2013.

Zum finalen Brückenschlag nach Donners Gewitter und dem Walhall-Motiv in der Musik gab es mehrfache Brückenbogen und vielerlei gotische Spitzbögen von enttäuschender Schlichtheit von der Anmutung eines Bildschirmschoners zu sehen. Dies stellte sich auch als Gesamtwirkung ein. Alles blieb auf dem Niveau eines dramaturgielosen, ja sinnentleerten Musikvideoclips - weit entfernt von den anspruchsvollen, künstlerischen Bildwelten des aktuellen Science-fiction-Kinos.
Stehende Solisten
Die für alle Bühnenfiguren letztlich uniform abstrakten grau-weiß-schwarz glitzernden Fantasiekostüme von Pia Maria Mackert ebneten jegliche Dramatisierung zusätzlich ein: Rheinmädchen gleich Fricka gleich Erda gleich Alberich gleich Wotan gleich… halt: Loge trug zwei Flügelchen-Ansätze an den Armen. Dazu standen die Solisten meist in der linken Bühnenhälfte hinter der ersten Projektionsgaze, bewegten sich nur einige Schritte und zeigten ein paar wenige Gesten.

Einzig die Musik erzählte Vielfältiges. Vom leisen Urton der Weltentstehung über das vielfarbige Fließen des Rheins hin zur Machtentfaltung Wotans breitete Dirigent Christian Thielemann mit dem glänzend ausdifferenzierten Festspielorchester Wagners Musikdrama überragend aus. Festspielgemäß auch das aufs Vokale reduzierte Solistenensemble, aus dem Michael Volles Wotan und Klaus Florian Vogts Loge durch exzellente Textartikulation und -betonung hervorstachen. Der kurze Schlussjubel für sie erstickte das zunächst losbrechende Buh: für digitale Rechner-Verliebtheit statt eines erschreckenden Theatergleichnisses von einer Welt mit Liebesverfluchung, Raub, Mord und entsetzlicher Machtetablierung.
