Elke Bauer über die Förderung junger Theater-Talente: "Maxi Schafroth war in meinem ersten Jugendclub"

Die Theaterpädagogin und Produktionsdramaturgin Elke Bauer studierte an der Hochschule der Künste Berlin. Seit 2002 ist sie Theatervermittlerin an den Münchner Kammerspielen. Zuvor arbeitete sie unter anderem am GRIPS Theater Berlin.
Bauer hat das Festival "Schule macht Erinnerung" kuratiert. Im Gespräch erzählt sie, was Schultheater alles kann, wie Theater die Demokratie stärken kann und was sie so schätzt an der Arbeit mit Jugendlichen.
Festival "Schule macht Erinnerung" bringt Schultheater an die Kammerspiele
AZ: Frau Bauer, wie ist die Idee entstanden, Schultheaterproduktionen zu zeigen, die sich mit heutigen Blicken auf die Vergangenheit beschäftigen?
Elke Bauer: Die Kammerspiele forschen schon seit Jahren zum Thema "Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart". Wir recherchieren zum Beispiel, was mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kammerspiele passiert ist, die durch das NS-Regime Arbeit, Heimat oder ihr Leben verloren haben. Weil uns immer auch junge Sichtweisen interessieren, haben wir vor zwei Jahren eine Erinnerungswerkstatt mit Schulen in Neuperlach gemacht. Wir wollten wissen, wie diese Jugendlichen, deren Familien oft aus anderen Ländern kommen, auf unsere nationalsozialistische Vergangenheit blicken. Damals ist das Theaterstück "Time Busters" entstanden. Wir haben gemerkt, dass der Nationalsozialismus und auch die rechtsextremen Anschläge durchaus Thema für sie sind. Daran wollten wir anknüpfen.

Was tragen die Kammerspiele inhaltlich noch bei?
Den Kern des Festivals bildet unsere eigene Produktion "Tell me why", bei der einige der Jugendlichen aus Neuperlach wieder dabei sind. Wir greifen auch die Diskussionen über Religion auf, die damals aufgekommen sind. "Tell me why" wird nach dem Festival durch Bayern touren.
Neben dieser Produktion sind fünf Schultheater-Produktionen eingeladen.
Wir wollten die Beschäftigung mit dem Thema größer aufziehen und haben geschaut, ob es im Schultheaterbereich Gruppen gibt, die sich mit Erinnerungsarbeit auseinandersetzen. Wir haben eine großzügige finanzielle Unterstützung vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus bekommen, so konnten wir ein viertägiges Festival in der Therese-Giehse-Halle organisieren.
Elke Bauer: "Zeigt, was für großartige Arbeiten in diesem Bereich entstehen können"
Es sind fünf Gruppen aus Unterschleißheim, Garmisch-Partenkirchen, Haar und Murnau eingeladen.
Da ist ein inklusives Tanztheater dabei, das die Geschichten zweier Gehörgeschädigter 1943 und heute erzählt, oder auch eine Auseinandersetzung mit den Olympischen Spielen 1936. Ganz schön ambitioniert für Schultheaterproduktionen.
Das Programm wirkt, als konnten Sie aus dem Vollen schöpfen.
Wenn man das liest, denkt man: Das sind wirklich großartige Theaterarbeiten. Wir mussten diese Produktionen aber schon aufspüren. Das ist nicht beispielhaft für das Schultheater in Bayern, zeigt aber, was für großartige Arbeiten in diesem Bereich entstehen können. Viele von den eingeladenen Schultheatergruppen erarbeiten professionelles dokumentarisches Theater. Die Garmischer Gruppe ist beispielsweise ins Archiv gegangen und hat sich Vorträge über Olympia 1936 reingezogen. Im Rahmen des Festivals können sich alle untereinander austauschen, sie haben Workshops und können zusammen feiern.
Und die Schulen haben denen dann freigegeben?
Das ist natürlich immer ein Riesenthema, dass die Schultheatergruppen nicht nur ihre Inszenierung zeigen, sondern vier Tage hierbleiben dürfen. Aber es hat geklappt.
Bauer: "Für sie persönlich ist es ein Riesengewinn"
Für die Schülerinnen und Schüler ist das bestimmt eine tolle Erfahrung. Das ist schließlich ein ganz anderer Rahmen, als in der Schulaula vor den Eltern zu spielen.
Ich glaube, für sie persönlich ist es ein Riesengewinn, so wertgeschätzt zu werden, und zu sehen, wie wichtig und ernst ihre Arbeit genommen wird. Und für uns ist es großartig, einer größeren Öffentlichkeit zeigen zu können, wie sich das Schultheater weiterentwickelt hat und dass es viel mehr sein kann als Auseinandersetzung mit einem historischen literarischen Stoff. Theater ist Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft und Gegenwart. Es sollte auch im Schultheater nicht nur darum gehen, museale alte Stoffe am Leben zu erhalten.
Sie arbeiten als Theatervermittlerin. Wie würden Sie Ihre Aufgabe beschreiben?
Ich mag die Bezeichnung "MK Mitmachen", verstehe das wirklich als Einladung an alle, die neben den Inszenierungen noch andere Zugänge zum Theater suchen. Wir haben Workshops und Spielclub-Formate, in denen Jugendliche selbst Theater spielen können. Und seit fünf Jahren gibt es das junge Kollektiv: Das sind über 40 Leute zwischen 16 und Mitte 20, die einmal in der Woche von uns Raum, Know-how und Support bekommen, um selbstverantwortlich eine Produktion zu erarbeiten. Da gehen immer wieder welche, und neue kommen dazu. Das ist mein absolutes Ideal-Projekt, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigene Sicht auf ihr Leben und unsere Gesellschaft kreativ und künstlerisch zu bearbeiten und auf die Bühne zu bringen. Das ist mein Beitrag zur Stärkung der Demokratie. Natürlich haben sie das ganze Haus im Rücken und können sich Hilfe bei Dramaturgie, Technik oder Kostüm holen.
Elke Bauer: "Maxi Schafroth war in meinem ersten Jugendclub"
Wie niederschwellig kann Theater denn sein?
Unsere Angebote sind kostenlos, ob das Führungen sind, Workshops für Schulklassen oder die Jugendclubs. Es gibt auch keine Castings, das ist mir total wichtig. Sortiert und eingeordnet und aussortiert wird schon genug. Hier sollen alle die Möglichkeit haben mitzumachen, unabhängig von finanziellen Möglichkeiten und irgendwelchen Talenten. Für die, die nicht spielen möchten, gibt es zum Beispiel den Kammerclub, der eigene Formate wie die Open Stage entwickelt oder Campus-Angebote, in denen man sich kreativ mit einer unserer Inszenierungen auseinandersetzen kann.
Warum ist Ihnen die Arbeit mit Jugendlichen so wichtig?
Ich finde, sich mit Theater auseinanderzusetzen, ist ein großartiger Weg, erwachsen zu werden, sich im Austausch mit anderen auszuprobieren, Haltung zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen und scheinbar Gegebenes als veränderbar zu erfahren. Und ich finde es wichtig, unterschiedliche Zugänge zu dieser Kunstform anzubieten, die in vielen Köpfen immer noch als elitär gilt.
... und teils ja auch ist.
Genau darum finde ich es unglaublich wertvoll, über praktische Auseinandersetzung Zugänge zu schaffen und zu zeigen, dass Theater sehr wohl etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben kann.
Manchmal beeinflusst so eine Erfahrung ein ganzes Leben.
Das stimmt. Zum Beispiel war Maxi Schafroth in meinem ersten Jugendclub. Der kam vom Land und ist nicht gerade in eine Theaterblase hineingeboren, aber irgendwie hat er das gesucht und diesen Weg genommen. Und jetzt steht er in seiner eigenen Inszenierung bei uns auf der Bühne. Natürlich kann ich da nichts dafür, aber ich kann Menschen ein Stück weit begleiten und sehen, was aus ihnen wird.