Elektra im Sound der Psychologie

Im Residenztheater gelingt Großes mit „Elektra“: Ulrich Rasche inszenierte Hugo von Hofmannsthals Stück mit Katja Bürkle in der Titelrolle
| Mathias Hejny
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Drehturm, Gefängnis, Innenansicht des Kopfes von Elektra: Die stählerne Bühnenkonstruktion der Inszenierung.
Thomas Aurin Drehturm, Gefängnis, Innenansicht des Kopfes von Elektra: Die stählerne Bühnenkonstruktion der Inszenierung.

Fast konspirativ ist dieser ganz kurze Moment, in dem sie sich überraschend dem Publikum zuwendet und mit listigem Lächeln verrät: „Ich habe Lust, mit meiner Mutter zu reden wie noch nie“.

C.G. Jung als psychologischer Vater des Dramas

Elektra ist nicht einfach eine schwierige Tochter. Klytämnestra, die Mutter, hat ihren Ehemann Agamemnon, den Vater Elektras, nach dessen Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg erschlagen, um mit ihrem Lover Ägisth zu leben. Die Tochter wird das der Mutter nie verzeihen und ist so die Namensgeberin des Elektrakomplexes geworden.

Damit beschrieb C. G. Jung die emotionale Nähe der Tochter zum Vater bei gleichzeitiger Ablehnung der Mutter. Als Hugo von Hofmannsthal „Elektra“ schrieb, war die Psychoanalyse gerade erfunden und gesellschaftliches Topthema. So wurde aus der Tragödie eines Sprosses des von den Göttern verfluchten Atriden-Geschlechts ein Psychodrama mit Familienanschluss. Hofmannsthal war sich der Neuartigkeit seines Ansatzes bewusst. „Dem Bühnenbild“, fordert er in einem Anhang zum Stücktext, „fehlen vollständig jene Säulen, jene breiten Treppenstufen, alle jene antikisierenden Banalitäten, welche mehr geeignet sind, zu ernüchtern als suggestiv zu wirken“.

Radikale Suggestion. Geht da das Stück verloren? 

Wenn es heute einen Regisseur gibt, dem es gelingt, auf dem Theater radikal suggestiv zu wirken, dann ist es Ulrich Rasche. Psychoanalyse und Industrialisierung verschmelzen in seinem Maschinentheater zu überwältigenden Bühnenevents, ohne nur eine hohle Überwältigungsästhetik zu bedienen. Zuletzt hatte er im Residenztheater Schillers „Räuber“ auf zwei gigantische Laufbänder gestellt. Den Franz Moor spielte Katja Bürkle, die jetzt als Elektra eine Wahnsinnsbraut von atemberaubender Intensität ist. Ihre Präsenz und der ungeheuerliche Raum, in dem sie sich bewegt, sind zwei gleich starke Kraftzentren.

Ein wahnsinniger Sound von Monika Roscher

Dazu gibt es mit dem Sound, den Monika Roscher für eine Combo aus Streichinstrumenten, Perkussion und Elektrobass komponierte, einiges auf die Ohren. Diese unendliche Melodie markiert die bevorstehenden Aktschlüsse jeweils mit ganz allmählich und doch unerbittlich zu erheblicher Lautstärke anschwellenden Crescendi.

Dauerrotation als quälende Unentrinnbarkeit

Die Mechanik des unentwegt rotierenden Bodens, auf dem die Figuren sofort weggedreht werden, wenn sie stehenbleiben, findet im repetitiven Hämmern der Minimal Music eine klangliche Entsprechung und schafft die komplexe Emotionalität, die der stark rhythmisierte Sprechgesang alleine nicht abendfüllend halten könnte. Rasche konzentriert sich auf die drei sehr unterschiedlichen Frauen: Die radikalisierte Elektra, die von beschaulichem Familienleben träumende kleine Schwester Chrysothemis (Lilith Häßle) sowie die kühle Machtfrau und Strategin Klytämnestra (Juliane Köhler). Der Mord an der Mutter, den Elektras überraschend heimgekehrter Bruder Orest schließlich verübt, geschieht unsichtbar und beinahe beiläufig. Doch zuvor wird in einer wuchtigen Chorszene der Satz „Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt“ zum dröhnenden Mantra, mit dem der Attentäter sein Handeln rechtfertigt.

Der Gitterturm als Blick ins Innere des Kopfes und als Gefängnis

Und wenn die Tat getan ist, wird Elektra fast fröhlich: „Ich habe Finsternis gesät und ernte Lust über Lust“ frohlockt sie, zierlich, fast nackt und verloren in ihrer vergitterten Welt. Dabei senkt sich auf die Drehscheibe – die sich oftmals so stark neigt, dass die Darsteller wie Sklaven daran festgebunden sind, um nicht aus der Maschine herauszufallen – der sich darüber mächtig erhebende zylindrische Turm und wird endgültig zum Gefängnis: ein grandios schwindelerregender Blick in den Kopf einer vom Hass Verblendeten. 

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