Eine Frau in Hosen

Warum sich Anna Bonitatibus die Hosenrollen nicht von den Countertenören wegnehmen lässt
| Marco Frei
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Anna Bonitatibus als Diana (rechts) mit Christiane Karg als Calisto in der Oper von Cavalli im Nationaltheater.
Wilfried Hösl Anna Bonitatibus als Diana (rechts) mit Christiane Karg als Calisto in der Oper von Cavalli im Nationaltheater.

Nur wenige beherrschen das italienische Opern-Repertoire derart stilgerecht wie Anna Bonitatibus. Derzeit gastiert die Mezzosopranistin aus Potenza an der Bayerischen Staatsoper, wo sie in der Wiederaufnahme von Francesco Cavallis „La Calisto“ mitwirkt. Zudem ist aktuell ein Album von ihr mit Hosenrollen-Arien erschienen, das sie mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Corrado Rovaris am Pult aufgenommen hat.

AZ: Frau Bonitatibus, Sie singen Hosenrollen, obwohl Countertenöre dieses Terrain längst erobern. Ist das noch zeitgemäß?
ANNA BONITATIBUS: Aber sicher! Oft wird angemerkt, dass mit solchen Travestie-Rollen einzig die für Kastraten geschriebenen Partien ersetzt worden seien. Aber das ist nur eine Seite der Wahrheit: Die Hosenrollen sind eben nicht nur eine Reaktion auf das Ende der Kastraten-Kultur im frühen 19. Jahrhundert. Auch zu Zeiten der Kastraten wurden Männerrollen von verkleideten Frauen gesungen. Viele wurden nachweislich für Frauen komponiert. Eine solche Arien-Auswahl präsentiere ich auf der neuen CD.

Warum spannen Sie auf der CD den Bogen vom Barock über den Belcanto und Verismus bis hin zu Richard Strauss und Maurice Ravel?
Weil es ebenso falsch ist zu behaupten, dass ab der Romantik die großen Männerrollen ausschließlich von Tenören gestaltet worden seien. Mit der Blüte der Tenöre sind die Hosenrollen keineswegs verschwunden. Nehmen Sie den „Rosenkavalier“ von Strauss oder Ravels „L’enfant et les sortilèges“. Auch „Hänsel und Gretel“ wäre zu nennen.

Allerdings hat ein Counter wie Franco Fagioli schon den Hänsel und den Cherubino aus Mozarts „Figaro“ gesungen. Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis auch der „Rosenkavalier“ fällt?
Das ist ein zentrales Problem. Als Opernsängerin müsste ich jene Rollen verteidigen, die für die weibliche Stimme geschrieben wurden. Aber gleichzeitig lebe ich heute und kann diese Entwicklung nicht einfach ignorieren. Für mich ist es falsch, wenn ein Countertenor den Cherubino aus „Figaro“ singt. Mozart und sein Librettist Da Ponte waren Kinder eines „unzüchtigen“ Jahrhunderts, in dem Frauen auf der Bühne untereinander erotisch wurden. Der „Rosenkavalier“ steht übrigens stilistisch im Geiste dieser Tradition. Es ist für mich ein Fehler zu denken, dass eine Männerrolle zwangsläufig von einem Mann gesungen werden muss.

Dennoch hatte Mozart für den Sesto aus „La Clemenza di Tito“ oder den Idamante aus „Idomeneo“ ursprünglich Kastraten vorgesehen. Ist es falsch, dass Fagioli auch diese Partien bereits gesungen hat?
Wie Sie richtig sagen, hatte Mozart Kastraten vorgesehen. Diese Stimmen wurden durch chirurgische Eingriffe zu ihrer Klanglichkeit gebracht. Was die heutigen Countertenöre können, haben sie selbst entwickelt: aus sich heraus, dank der großartigen Entwicklungen der Gesangstechnik. Franco ist ein lieber Freund, und ich habe mit ihm gesungen. Er ist ein großer Pionier, aber selbst für ihn wäre der „Rosenkavalier“ mit großen Anstrengungen verbunden. Die Partie ist nicht für diese Stimme geschrieben, zumal der Gesang durch den großen Klang des Strauss-Orchesters dringen muss. Die Countertenöre sollten besser mit lebenden Komponisten gezielt Rollen für ihr Fach entwickeln, statt ein Repertoire zu erobern, das nicht zu dieser Stimme passt.

In der Wiederaufnahme von Cavallis „La Calisto“ gestalten Sie gleich drei Partien – aber keine Hosenrolle.
Ja, aber im Prolog singe ich das Schicksal: Il Destino. Im Italienischen ist das maskulin. Diese Rolle wurde für Sopran geschrieben. In der Regie von David Alden ist das Schicksal ein neugeborenes Kind. Meine Hauptrolle in „La Calisto“ ist natürlich die Göttin Diana, aber: Die Diversität und das Spiel mit wechselnden Rollen ist eine Erfindung der italienischen Barockoper. In Puccinis „Tosca“ bestimmen drei Personen die Handlung, wohingegen es in der Barockoper fünfzehn oder mehr sind. Ich liebe dieses Repertoire, und in Deutschland wird es viel mehr gepflegt als in Italien.

Warum ist das so?
Zum einen haben wir in Italien ein überreiches Erbe. Man kann nicht alles pflegen. Andererseits siegt auch in der Kultur der Populismus. Es wird größtenteils nur noch das gemacht, was sich ganz sicher gut verkauft. Dieser Politik widerspreche ich entschieden. Man sollte das Publikum nicht für ignorant halten. Wer nur Verdi oder Puccini programmiert, geriert nicht zwangsläufig mehr Publikum. Aber es gibt noch ein drittes Problem.

Nämlich?
Seit der Übernahme von Ricordi gibt es in Italien faktisch keinen eigenen großen Musikverlag mehr. Deswegen habe ich mit „Consonarte“ 2013 meinen eigenen Musikverlag gegründet. Wir sind eine kleine, private Initiative, die sich konkret um das vernachlässigte Liedgut Italiens kümmert. Ich investiere mein eigenes Geld. Wir sind nur eine kleine Stimme im großen Geschäft. 

„La Calisto“ am 31. März, 2., 6. und 9. April im Nationaltheater. Restkarten: Telefon 2185 1903. Die CD mit Anna Bonitatibus und dem Münchner Rundfunkorchester „En travestie“ bei BR Klassik

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